„Tag X“ - die größte Herausforderung für Nicolas Eichborn

WEIMAR. (fgw) „Nach einem kurzen Ausflug ist die Eichborn-Serie wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurückgekehrt“, schreibt V.S. Gerling (d.i. der Autorenname von Volker Schulz) auf S. 496 seines aktuellen Thrillers „Tag X“. Dieser sechste Band der Reihe stellt eine direkte Fortsetzung des fünften, „Der Architekt des Bösen“, dar, welcher vor einem Jahr in einem anderen Verlag erschienen ist.


Den Hintergrund des Vorgängerbandes bildeten die „Reichsbürger-" und die „Prepper-Szene", die aber nur einzelne Symptome eines tieferliegenden Problems darstell(t)en. Das wurde im seinerzeitigen Schlußkapitel angedeutet. Da machte ein Bundeswehr-Offizier gegenüber Eichborns früherem Vorgesetzten, den nunmehrigen Bundesinnenminister Schranz, darauf aufmerksam, daß bestimmte Kreise auf einen „Tag X" hinarbeiten würden. Also auf den Umsturz der politischen Verhältnisse.

 

Im vorliegenden Band geschehen zunächst brutale Vorkommnisse. Da stürzt am hellichten Tage ein Militärflugzeug über einem dichtbesiedelten Wohngebiet ab. Als Ursache konnte ermittelt werden, daß jemand von außen den Bordcomputer unter Kontrolle gebracht hatte. Es handelte sich also um ein geplantes Verbrechen. Und als dann die Trauerfeier für die vielen Toten stattfindet, da explodiert in der betreffenden Kirche ein Sprengsatz und tötet zahlreiche Menschen, darunter hochoffizielle Persönlichkeiten. Zugleich machen einige „Promi-Moderatoren" im Fernsehen Stimmung gegen die unfähige Regierung. Dazu häufen sich Meldungen, daß gewaltige Mengen Munition, aber auch Waffen und dazu große Mengen an „Notrationen" verschwunden sind. Innenminister Schranz und das ihm unterstehende Sicherheitsamt reagieren zwar umgehend, aber ihnen sind zugleich die Hände gebunden. Somit werden Nicolas Eichborn und seine private Sicherheitsfirma um Hilfe gebeten.

 

Eichborn, der für seine unkonventionellen Methoden bekannt ist, hat stets auch Aktive der Gegenseite „neutralisieren" können und z.T. sogar für eine temporäre Mitarbeit gewinnen können. So auch den „Architekt des Bösen", der nunmehr in Thailand lebt. Der Mann war seinerzeit aber nicht der Drahtzieher der umstürzlerischen Pläne. Doch er liebt Gedankenspiele und das hatten sich andere zunutze gemacht. Eichborn wendet sich nun an diesen Mann, welcher herausfindet, daß all die aktuellen Vorkommnisse seit Jahren von langer Hand vorbereitet werden. Und daß man sich bereits in einer fortgeschrittenen Phase befindet.

 

Aber wer sind jetzt die Drahtzieher, wer die Akteure, wer die Ausführenden? Das ist von außen unsichtbar. Für Eichborn heißt das deshalb, „undercover" zu ermitteln. Wie er sich in diese Szene einschleusen kann, das ist genial inszeniert.

 

Doch es bleibt die Frage, wer sind die tonangebenden Personen? Ist es ein besonders stimmungmachender Moderator? Oder sind es zwei ehemalige Unternehmer, die doch relativ offen agieren? Zumindest wird Eichborn zunächst mit offenen Armen aufgenommen, doch man mißtraut ihm. Und auch Eichborn selbst kann nicht zum Zuge kommen. Es deutet sich an, später wird es offenbar, daß in die Verschwörung mindestens ein Regierungsmitglied verwickelt sein muß? Darüber hinaus noch weitere hochrangige Sicherheitsbeamte. Doch wer?

 

Zur Verschwörung gehört noch ein Netzwerk von ehemals in Afghanistan eingesetzten Soldaten, darunter ein sehr eigenwilliger Ex-Offizier.

 

Während Eichborn, Patrick Ebel und die anderen noch in dieser Sache ermitteln, ereignen sich bundesweit schreckliche Amokläufe. Einerseits in aller Öffentlichkeit durch Jugendliche, andererseits durch Senioren in deren Heimen. Tote über Tote. Es stellt sich heraus, daß diese Personen unter Drogen-Einfluß standen. Jedoch waren hier spezielle Drogen im Einsatz, die nicht abhängig machen, sondern eigentlich nur „Selbstmord-Attentäter" produzieren. Der Vater des einen Jugendlichen wendet sich an Eichborns Firma, konkret an Patrick Ebel.

 

Dessen Ermittlungen führen zu Ärzten, Selbsthilfegruppen, Zwischenhändlern und schließlich zum Entwickler dieses Pharma-Produktes. Die Ermittlungen finden in Deutschland, der Türkei und in Spanien statt. Doch auf dem Wege dorthin sterben etliche Zeugen. Es wird offenbar, daß sogar diese Vorkommnisse zu den Plänen für den „Tag X" gehören. Allerdings, das darf verraten werden, haben zwei der hieran beteiligten Akteure begonnen, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Z.B. erpressen sie die Regierung: Entweder man zahle ihnen 100 Millionen Euro oder es werde ein massenhafter tödlicher Anschlag in einer Großstadt stattfinden. Doch wo und womit? Und wem kann man überhaupt noch trauen? Denn einzelne Ereignisse lassen darauf schließen, daß Beratungsergebnisse interner Beratungen mit Regierungsmitgliedern bei der Gegenseite ankommen.

 

Vor allem aber gerät nun auch Eichborn ins Visier der Umstürzler. Auf besonders perfide Weise soll er „zum Abschuß freigegeben" werden. Wer diesen Mordanschlag dann verhindert, das überrascht doch ungemein. Und auch, wer regierungsseitig in die Pläne verwickelt ist! Aber nicht genug der überraschenden Wendungen, die teilweise als dramatisch zu bezeichnen sind. Die beiden strippenziehenden Unternehmer stellen sich schließlich nur als „Mittelbau" heraus. Viel bedeutendere Kräfte würden im Hintergrund stehen, kann der eine vor seinem Tode noch Eichborn zuflüstern; er solle der Spur des großen Geldes folgen.

 

Obwohl das Attentat in einer Großstadt verhindet werden kann, auch wenn die Hochverräter im eigenen Staatsapparat überführt werden können, es ist noch nicht ausgestanden. Es wird also einen Folgeband geben. Und Nicolas Eichborn darf dann sogar in neuer amtlicher Funktion ermitteln. Hoffentlich lassen uns Autor und Verlag nicht zu lange auf den siebenten Eichborn-Thiller warten.

 

Es fällt dem Rezensenten nicht leicht, diesen Band zu bewerten. Zum einen kann gesagt werden, daß Volker Schulz in bewährter Erzählweise die Spannung zu halten und sogar immer wieder zu steigern vermag. Mit glaubhaften Charakteren und mittels exzellenter Dialoge. Zum anderen kann sich der Rezensent nur der Verlagswerbung im Klappentext anschließen, in der es u.a. heißt, „der Meister des packenden Thrillers habe den deutschen spannungsgeladenen Thriller neu definiert." Ja, das bringt es auf den Punkt, darum keine eigene Bewertungsphrase!

 

Aber das ist es nicht nur! Denn Volker Schulz ist ein aufmerksamer Beobachter politischer Vorgänge und mehr noch von investigativen Artikeln in den Medien. Dieses Buch hat er übrigens bereits vor fast fünf Jahren begonnen zu schreiben. Gut, er hat es fortgeschrieben, aber Schulz ist nun mal primär ein hervorragender Analytiker.

 

Und deshalb beschleichen den aufmerksamen Leser beklemmende Gefühle bei der Lektüre gerade dieses Buches. Denn was haben die Medien - eher unauffällig - in den vergangenen Monaten vermeldet? Daß mindestens 100.000 Schuß Munition verschwunden seien. Daß die Bundeswehr darüber hinaus etliche Waffen vermisse. Gerade erst wurden eine, dann noch eine zweite Kompanie des Kommandos Spezialkräfte der Bundeswehr aufgelöst - wegen znehmender rechtsextremistischer Vorfälle dortselbst.

 

Aber das ist es nicht allein. Wenn im vorliegenden Buch angesprochen wird, daß die Drahtzieher der Verschwörer Stmmung machen gegen eine inkompetente Regierung, die die Bevölkerung nicht gegen große Terror-Anschläge schützen kann, dann darf man wohl durchaus Parallelen ziehen. Parallelen beispielsweise zum nicht selten hilflosen und sogar widersprüchlichen Agieren in der gegenwärtigen Pandemie-Situation. Und Parallelen zu den sich dagegen rührenden Widerstand der „Wutbürger" mittels sogenannter „Hygiene-Demonstrationen". Wann kommt da der Ruf nach dem „starken Mann"?

 

Die immer offener werdende Inkompetenz der Gesetzgebenden und der Regierenden in Deutschland ist es, was den Thriller-Autor V.S. Gerling in nicht geringem Maße umtreibt. Für ihn stellen gerade die anonymen internationalen Berater-Konzerne, zumeist mit Sitz jenseits des Atlantiks, eine große Gefahr für die Stabilität im Lande und mehr noch für den Erhalt der Demokratie dar. So schreibt er darüber sehr dezidiert in seinem Nachwort auf S. 495: „...Fremdfirmen zu beauftragen, (...) hochbrisante Arbeit zu verrichten, ihnen Zugang zum Netzwerk zu gewähren, ist mehr als leichtsinnig..."

 

Betrachten wir deshalb doch einmal die Zusammensetzung der Bundesregierung:

 

Da gibt derzeit einen promovierten Mediziner, doch der ist nicht Gesundheitsminister. Da gibt es einen Bankkaufmann, doch der amtiert nicht als Finanzminister. Und seit vielen Jahren genügt das Qualifikationsmerkmal „Frau", um an der Spitze des Wehrministeriums stehen zu dürfen. Besonders krass kam das noch in einem frühen Merkel-Kabinett zum Ausdruck, in der es auch einen Staatssekretär gab, der für die Luft- und Raumfahrt verantwortlich war. Nein, der Mann hatte nie in einem diesbezüglich Unternehmen gearbeitet, erst recht nicht war er jemals mit einem Raumschiff um die Erde geflogen. Was war nun seine Qualifikation? Der Mann war evangelischer Theologe... Naja, immerhin predigen Leute seinesgleichen alljährlich über „Christi Himmelfahrt".

 

Ja, wohin steuert das Staatsschiff, wenn solche Leute politische Entscheider sind? Wenn solche Leute sich die Gesetze und Durchführungsbestimmungen fast nur noch von externen Beratungskonzernen schreiben lassen?

 

Daß sich auch solche Fragen (ein)stellen, wenn man die Thriller von V.S. Gerling liest, dann spicht das für die Qualität des Autors, der eben nicht oberflächlich schreibt, sondern Blicke hinter die Kulissen wirft.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

V.S. Gerling: Tag X. Thriller. 496 S. Klappenroschur. Bookspot-Verlag. Planegg 2020. 14,80 Euro.

ISBN 978-3-95669-143-0

 



 
03.08.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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