„Teufelskatz“ – Kirchenkritik im Gewande eines 1a-Krimis

WEIMAR. (fgw) Der Gmeiner-Verlag ist immer wieder für eine Überraschung gut. Für positive Überraschungen wohlgemerkt. Und eine solche ist dem Verlag mit der Herausgabe von Kaspar Panizzas Kriminalroman „Teufelskatz“ mehr als gelungen.


Doch ist dieser Roman wirklich „nur" ein Kriminalroman? Wie so viele andere? Nein, er ist etwas ganz besonderes, wobei sich eigentlich gar nicht genau bestimmen läßt, wie man diesen Roman (gattungsmäßig) werten soll. Ist er eine Parodie? Eine Klamotte? Eine Groteske? Eine Satire? Eine Komödie? Ein Krimi mit realen Hintergründen? Ist es Humor, gar „schwarzer Humor (siehe die schwarze Katz...)? Nun, er ist vor allem etwas und bietet dem Leser daher von der ersten bis zur letzten einen Mordsspaß - dies ist mit Absicht doppeldeutig gemeint! In jedem Fall ist dieses Buch - trotz aller phantasievollen Elemente - überaus spannend geschrieben und höchstvergnüglich zu lesen; ist ein wahrhaft intelligentes Lesevergnügen.

 

Natürlich geht es in diesem Roman um Mord und nicht nur um einen! Doch dazu später mehr.

 

Vor allem geht es darum: Was dabei herauskommt, wenn ein strafversetzter und politisch unkorrekter bayerischer Hauptkommissar wie Steinböck, die ihm zugeteilte übergewichtige und -eifrige Polizeianwärterin Ilona Hasleitner sowie der im Rollstuhl sitzende urbayerische Afroeuropäer namens Emil Mayer junior gemeinsam einen Mordfall aufklären wollen. Aber warum hat der Autor das aber „Teufelskatz" getitelt... Was darauf hinweisen soll, daß dieses „Ermittlerteam" noch durch Steinböcks Katze, genannt „Frau Merkel" eine kongeniale Ergänzung findet. Denn Steinböck redet mit der Katz - auch im Büro - stets über seine Fälle. Was andere Kollegen in den Wahnsinn treiben kann und dem Kommissar schließlich eine Überweisung zum Polizeipsychologen beschert. Wobei, redet der Mann wirklich mit seinem Tiere? Oder symbolisiert dieses mit-der-Katz-reden nicht bloß seine eigenen inneren politisch unkorrekten (insbesondere kirchenkritischen) Kommentare?

 

Zum Fall bzw. zu den Fällen soll nur so viel gesagt sein:

 

Es beginnt mit der Ermordung des Ex-Priesters Franz Gruber durch einen Profi-Killer, den Deutsch-Amerikaner Ron Mueller. Wer könnte ein Motiv für diesen Auftragsmord haben? Das ist hier die Frage!

 

Die Antwort wird nicht leicht zu finden sein, denn in der Person Grubers „überlappen" sich zwei „Kreise": Zum einen könnte die Spur in Richtung katholischer Klerus führen, dem Gruber wegen seiner Nachforschungen zu einem Jahrzehnte zurückliegenden Fall von Mißbrauch in einem kirchlichen Internat mit zweifacher Todesfolge gefährlich werden könnte. Schließlich waren die damaligen Vorgänge gut-bayerisch/gut-katholisch bestens vertuscht worden. Zum anderen könnte aber die Spur auch ins Umfeld eines verstorbenen Verwandten führen. Dieser hatte Gruber - unter Vorbehalt - zum Alleinerben einen Millionenvermögens eingesetzt. Und an dieses Geld wollen die Geliebte des Erblassers nebst Sohn heran. Dies könnte eine erfolgreiche Spur sein, denn auch Grubers Mutter Anja ist tot, ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Sie ist die einzige, die über Verwandtschaftsverhältnisse Auskunft geben kann...

 

Aber wer hat Gelegenheit und Macht, sich einen Profi-Killer zu mieten???

 

Dann kommt es zu einem weiteren Anschlag: Der Profi-Killer soll auch den Naturwissenschaftler Dr. Johann Brandner, der über Kariesbefall bei Fruchtfledermäusen forscht, töten. Doch dabei bringt sich der Killer selbst um. Später stellt sich heraus, daß Brandner früher auch Zögling des bewußten katholischen Internates gewesen ist und dazu noch Freund des dort ums Leben gekommenen Schülers. Also wird diese Spur heißer und Steinböck widmet sich vor allem der Aufklärung dieses Komplexes.

 

Und dann wird auch noch der Erzbischof Nikolaus Franzmann, der seinerzeit im bereits erwähnten Pensionat tätig war, entführt.

 

Nun, es gelingt, nicht nur den Auftraggeber des Profikillers zu ermitteln, sondern auch den jahrzehntealten Sumpf aus Mord (!) und Vertuschung aufzuklären - und nebenbei noch die Mörder von Grubers Mutter beweiskräftig zu überführen...

 

Mißbrauch in zahllosen Fällen, damit zusammenhängende Todesfälle und erfolgreiche Vertuschungen sind leider nicht Panizzas Phantasie entsprungen, sondern katholische Realität auch in Deutschland. Dies zu einem Hintergrund für einen Krimi zu wählen, dürfte auch hier und heute nicht ganz leicht sein angesichts des Gegenwindes aus Klerus und ihnen höriger Politik.

 

Vielleicht war die für diesen Roman von Panizza gewählte Form („wie soll man diesen Roman gattungsmäßig werten") wahrscheinlich richtig und notwendig, um den massenhaften Mißbrauch seitens des katholischen Klerus nicht moralisierend und an der Oberfläche bleibend „abzuarbeiten", sondern um das strafrechtlich relevante noch zu betonen.

 

Panizza zeigt anhand seines Protagonisten Steinböck, daß es durchaus möglich ist, „gegen den Strom zu schwimmen" und Zivilcourage zu zeigen: „Obwohl Steinböck aus seiner Ministrantenzeit noch einiges über die Anreden und Hierarchien in der katholischen Kirche im Gedächtnis hatte, erinnerte er sich auch daran, daß er vor über 30 Jahren aus der Kirche ausgetreten war. [und sprach deshalb den Erzbischof so an; SRK] 'Grüß Gott, Herr Franzmann..." (S. 79)

 

Steinböck ist aber glücklicherweise hier nicht der einzige, denn trotz aller Einflußmaßnahmen auf die Polizeiarbeit (wie z.B. durch den Staatssekretär im Wirtschaftsministerium) findet er Unterstützung. Nicht nur durch seine Mitarbeiter, sondern insbesondere noch durch einen jungen Staatsanwalt, für den eben vor dem Gesetz alle gleich sein sollten...

 

Es geht also insgesamt weniger um einen Mordfall, sondern vor allem um Religions- und Kirchenkritik. Erstere kommt durch die Auseinandersetzung mit der „Religion des fliegenden Spaghettimonsters" zum Tragen, woraus sich ein „running gag" entwickelt. Fragt doch Steinböck schließlich fürderhin jedermann nach diesem Monster.

 

Zu diesem heißt es u.a.:

 

„Also, im Jahr 2005 gründete der amerikanische Physiker Bob Henderson diese Religionsparodie. Der Anlaß für die Gründung dieser Religion [des fliegenden Spaghettimonsters; SRK] war die öffentliche Diskussion um die Unterrichtung von 'Intelligent Design' an US-amerikanischen Schulen. (...) Bei den Amis ist das Unterrichten von religiösen Inhalten an Schulen nicht erlaubt. Nun gibt's da diese Kreationisten. Die findet man vor allem unter den Republikanern. Sie sind Vertreter der Schöpfungsgeschichte, wie sie in der Bibel steht. (...) Die Kreationisten klagen seit Jahren vergeblich vor amerikanischen Gerichten, daß die Schöpfungsgeschichte als Wissenschaft anerkannt wird und somit auch an Schulen gelehrt werden darf." (S. 35) „Es geht den Pastafaris nicht darum, eine neue Religion zu gründen, sondern zu zeigen, wie absurd Religionen und ihre Gebote in der Regel sind." (S. 136)

 

Zum ermordeten Ex-Priester und dem Verhalten der kirchlichen Obrigkeit (vorgeblich die Kirche der Nächstenliebe, gar der Feindesliebe) ihm gegenüber heißt es z.B.:

 

„Als Franz mich kennenlernte und wir beschlossen hatten, zu heiraten, gab er über Nacht sein Priesteramt auf. Das haben sie [die Diözese; SRK] ihm damals nicht verziehen. Sie haben dafür gesorgt, daß er keine Anstellung bekam. Meine Stelle in einem katholischen Kindergarten wurde plötzlich gestrichen. Franz hat dann noch mal studiert und bekam einen Job bei der Stadt. Der Einfluß der katholischen Kirche bei den Roten [hier ist die SPD gemeint; SRK] war dann doch nicht stark genug, um das zu verhindern." (S. 42)

 

Zur (katholischen) Kirche selbst, vorgeblich ja die Kirche der Armen und der Nächstenliebe, heißt es bei Panizza:

 

„Das erzbischöfliche Ordinariat in der Rochusstraße lag um die Ecke. (...) Eine regelrechte Odyssee durch die heilige Arroganz erwartete Steinböck. (... der hier) durch ein Spalier von Scheinheiligkeit und Selbstherrlichkeit (schritt)". (S. 49-50) - „Ich war noch nie in einem dieser kirchlichen Paläste, an dessen Gold und Prunk noch der Schweiß und das Blut des gemeinen Kirchenvolkes klebt." (S. 144) - „Hast du eigentlich a Haftpflicht für die Katz? Wenn die narrisch wird, zerlegt die des ganze Mobiliar. Des kann teuer werden, bischöfliches Equipment ist sehr wertvoll. Denk doch an den Bischof Tebartz-van Elst..." (S. 154)

 

Noch deutlicher wird diese Religions- und Kirchenkritik, konkret auf bayerische Zustände bezogen, in einem Dialog zwischen Ferdel Bruchmayer, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, dazu Onkel von Emil Mayer junior, und Steinböck:

 

„'Ich [Bruchmayer; SRK] setze mich sehr für unsere ausländische Mitbürger und auch für die Flüchtlinge ein.' - 'Des hab ich [Steinböck; SRK] gemerkt, dein Interview vorgestern im Bayern 3 klang aber ganz anders.' - 'Ich [Bruchmayer; SRK] hab nur gesagt, wir wollen hier in Bayern keine Religion, wo die Frauen nichts zu sagen haben.' - 'Wieso, wir sind doch schon lang katholisch', erwiderte Steinböck trocken." (S. 128-129)

 

Trotz dieser deutlichen Kritik schert Panizza aber nicht alle Amts-Katholiken über einen Kamm, sondern differenziert durchaus. So kommt Bischof Franzmann als im Grunde „ehrliche Haut" herüber, der die schlimmen Vorfälle in seinem Verantwortungsbereich nicht decken und vertuschen will. Köstlicher noch die Nonne Celina, die einst auch im katholischen Internat gearbeitet hatte. Diese antwortet auf Steinböcks „running gag"-Frage („Ach noch was, kennen Sie das fliegende Spaghettimonster?") kurz und bündig: „Eine wunderbare Sache und sehr originell." (S. 184)

 

Es sind eben nicht zuletzt die natürlich, aber auch urig (skurril) gezeichneten Charaktere, die für diesen Roman und seine Qualität sprechen. Das gilt sowohl für „die Guten" (man denke nur an die Reporterin Sabine Husup, Steinböcks Informanten Peter Obstler oder den Pastafari & Polizeipsychologen „Horsti") als auch für „die Bösen" (die hier aber der Spannung wegen nicht namentlich genannt werden sollen.)

 

Alles in allem: Lesenswert, zum Mit- und Nachdenken anregend, unbedingt empfehlenswert!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Kaspar Panizza: Teufelskatz. Kriminalroman. 246 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2164-4

 



 
25.12.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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