Theo Mannlicher: Was ist hier Dichtung, was Wahrheit?

WEIMAR. (fgw) Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat jetzt Andreas Kollenders Roman „Das endlose Leben“ in überarbeiteter Neuauflage herausgebracht. Diesem Buch darf man durchaus bescheinigen, daß es eine literarische Meisterleistung darstellt.


Denn angefangen vom Prolog bis hin zum Nachwort stellt sich der aufmerksame Leser immer wieder von neuem die Frage: Was ist hier Dichtung, was Wahrheit? Um es gleich vorweg zu sagen: Bei diesem Roman, der eine Biographie des deutsch-amerikanischen Schriftstellers Theo Mannlicher sein soll, handelt es sich von A bis Z um Dichtung!

 

Andreas Kollender hat seine Figur des Theo Mannlicher voll und ganz erfunden, hat dessen Biographie aber so gut konstruiert, daß man sie glauben möchte. Vor allem aber hat er seinen Theo Mannlicher auf überzeugende Weise realistisch dargestellt und ihn dazu ebenfalls überzeugend in die wahren Ereignisse des 20. Jahrhunderts eingebettet - einschließlich der Begegnungen mit realen Personen wie Ernest Hemingway - sodaß man an seiner freien Erfindung immer wieder zweifelt. Dazu tragen sogar fingierte Lexikon-Einträge bei.

 

Der Verlag hat also durchaus Recht, wenn er dieses Buch mit diesen Worten vorstellt: „»Das endlose Leben« ist eine spannende Entdeckungsreise im Grenzbereich zwischen Dichtung und Wahrheit."

 

Theo Mannlicher, geboren 1899, verschwindet an seinem 100. Geburtstag, den er auf Bali erlebt, spurlos. Hier hat er in den Tagen und Wochen zuvor sein Leben Revue passieren lassen. Dieses Leben begann für ihn mit dem Suizid seines Vaters im Jahre 1910. Danach war nichts mehr so wie zuvor. Der Tod bestimmt von nun an sein Denken, später dann sein literarisches Schaffen.

 

Kollender hat seinen Roman neben Prolog und Nachwort in drei Teile mit insgesamt 20 Kapitel gegliedert. Jedem dieser Teile hat er ein Zitat vorangestellt. Am aussagekräftigsten dürften wohl die Worte Epikurs vor Teil I sein: „Gewöhne dich auch an den Gedanken, daß der Tod kein Problem für uns ist. (...) so lange wir leben, ist er noch nicht da, wenn er aber gekommen ist, sind wir nicht mehr da." (S. 13) Und somit bekommt das Leben für Mannlicher eine ganz besondere Bedeutung, denn für ihn ist der Tod nicht alles. Nein, er sieht sogar einen Zusammenhang zwischen Eros und Tod. Was für ihn in der Folge ein intensives, lustvolles, ihn und seine Partnerinnen ausfüllendes Sexualleben bedeuten wird.

 

Insbesondere im ersten Kapitel, in dessen Mittelpunkt die Trauerfeier für Mannlichers Vater steht, wird ausgiebig über den Tod und den Sinn des Lebens philosophiert. Konträrer könnten hier die Ansichten des Pfarrers und Theos Onkel Paul nicht aufeinandertreffen. Der Onkel erweist sich als Freigeist, der deshalb des Heidentums gescholten wird. Der wiederum nennt den Pfarrer einen impotenten Kleingeist. Und er gibt seinem Neffen diese Worte mit auf den weiteren Lebensweg: „Glaub diesen Pfaffen nichts, Theo, gar nichts. Pfaffen sind die einzigen Menschen, die man hassen sollte." (S. 30) Diese kirchen- und vor allem kleruskritische Sicht sollte Mannlichers weiteres Leben bestimmen, auch wenn immer wieder Theologen zu seinem persönlichen Umfeld gehören sollten. Er wird diese als Menschen nicht hassen, aber ihre Ideologien strikt ablehnen.

 

Nach dem Tod des Vaters wandern Theo mitsamt Schwester, Mutter, Onkel Paul und Großmutter in die USA aus, wo sie sich völlig neu orientieren müssen. Die Mutter findet bald in Owen einen neuen Lebensgefährten, den Kollender wie folgt beschreibt:

 

„Der Mann war Prediger gewesen, bis ihn ein Windstoß von Intelligenz erwischt hatte, wie er es ausdrückte, und kein Prediger mehr sein konnte. Dieser Windstoß hatte ihn in China ereilt." (S. 52) Das begründet er so: „Die abendländische Philosophie hat Abertausende Seiten gefüllt, aber erst China hat mich gelehrt, daß die Welt und das Leben kein Abstraktum sind." (S. 55) Und so wurde aus dem Missionar ein Atheist... Owen weckt in Theo eine geistige Liebe zu China, dessen Menschen im Gegensatz zu den Europäern keinen ausgeprägten Religionssinn hätten, sondern bei aller Philosophie vor allem praktisch veranlagt seien.

 

Theo will mehr über China und Owens Sehnsuchtsort, das Dörfchen Kwei Lin, wissen. Und hier wird die Kirchen- und Religionskritik, einschließlich der Kritik des christlichen Kolonialismus/Kapitalismus aus der Feder Kollenders noch deutlicher als zuvor, wenn er Owen konstatieren läßt:

 

„Wir erzählten den Menschen in China die Geschichte unseres Herrn Jesu. Die Menschen mochten unsere Geschichten. Und dann fragten sie, warum wir nicht so handelten wie die Figuren in unseren Geschichten und warum der arme Jesus ans Kreuz genagelt worden sei. Und zum Teufel, wie haben wir Christen uns benommen? (...) Denk bloß nicht, die heutigen Unternehmungen der Kirche seinen besser. (...) China hat mich kuriert. (...) Chinesen sind näher am Boden als wir. Sie sind wirklicher." (S. 71-72) Theo verinnerlicht solche Gedanken und hält einem Mitschüler, der Theologie studieren will, vor: „Religionen sind Ersatz für Denklücken." (S. 73)

 

Der I. Weltkrieg sollte einen entscheidenden Einfluß auf Theo nehmen. Er meldete sich nach Kriegseintritt der USA zum Einsatz als Freiwilliger Rotkreuz-Helfer an die italienisch-österreichische Front. War er dem Tod bislang nur im mehr oder weniger „normalen" Leben seiner Mitmenschen begegnet, so stand er nun dem elendigen Sterben Tausender Aug in Aug gegenüber, wurde gar selbst verletzt. Er trifft im Lazarett auf schwerstversehrte Menschen, die lieber tot sein möchten, denn als Krüppel dahin zu vegetieren. Besonders ausgenfällig wird das im Kapitel „Das Schlauchwesen". Hier schont Kollender seine Leser nicht. Das Grauen wird mehr als deutlich. Und wohl nicht zuletzt deshalb entwickelt sich Theo vom Kirchenkritiker zum Humanisten, zum Kriegsgegner. Deutlich wird das später, wenn Kollender dem III. Teil dieses erfundene Mannlicher-Zitat voranstellt: „Alt zu werden, das ist der Ehrgeiz. Das Leben, das ist alles. Der Humanist, denkt an das Leben." (S. 265)

 

In einer Korrespondenz mit dem Jugendfreund William, der Priester geworden ist, entgegnet Theo, daß er auf dessen Seite nicht stehen würde, denn: „Über zehn Millionen Leichen habe der Krieg produziert. Die Kirchen hätten dagegen nichts unternommen. Wann fühle sich die Kirche schon so wohl wie in Zeiten des größten Sterbens und Tötens?" (S. 167) Später bekräftigt er: „Ich bin überhaupt nicht bei Gott. Ihr Berufschristen solltet euch unterstehen, jeden anständigen Menschen gleich in eure Reihen aufnehmen zu wollen. Auch Nichtgläubige können anständig sein, mein lieber Freund. Auf Gott kann man spielend verzichten." (S. 188)

 

Weitere wichtige Lebensstationen Mannlichers, die zu seinen bedeutendsten Romanen führen sollten, werden sein: Der spanische Bürgerkrieg, wo er als Antifaschist auf Seiten der Republikaner zu finden ist; wie Hemingway als Berichterstatter. Dann 1944 an der Seite von US-Truppen auf einer Pazifik-Insel und dann schließlich sogar noch in Owens und seinem Sehnsuchtsort Kwei Lin in Südchina. Doch die Idylle ist trügerisch und nur kurz, denn schon bald bringen japanische Flugzeuge Tod, Verderben und Zerstörung. Auch hiervon will er als Kriegsberichterstatter Zeugnis ablegen.

 

Vom späteren Lebensweg, das rein persönliche, das familiäre soll nach wie vor außer Betracht bleiben, erfährt man weniger. Nur in kurzen Bemerkungen, in knappen Diskussionen mit dem greisen chinesischen Vermieter des balinesischen Bungalows wird deutlich, daß Theo Mannlicher in den 1960er Jahren und danach vehement gegen Hollywood-Filme protestiert hatte, die den US-Krieg gegen Vietnam verherrlichten. Er mußte nun nicht mehr vor Ort sein, um sich mit dem kriegerischen Töten literarisch auseinanderzusetzen.

 

Zum Nachdenken anregen sollte unbedingt auch Kollenders bezeichnende, ja sprechende, Namenswahl für seinen Helden, den Humanisten und Kriegsgegner: Man schlage doch mal nach, was Theo übersetzt heißt und was im Lexikon unter Mannlicher notiert worden ist.

 

Offen bleibt, warum und wohin Mannlicher an seinem 100. Geburtstag verschwunden ist. Doch das ist eigentlich gar nicht wichtig. Wichtiger ist, daß das, was Kollenders Helden ausmacht, weiterlebt, unsterblich ist.

 

Danke, Andreas Kollender, für diesen außergewöhnlichen Roman, danke, Verleger Günther Butkus, für dessen Publizierung. Es gibt also noch richtig gute Literatur in Deutschland.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Andreas Kollender: Das endlose Leben. Roman. überarb. Neuausgabe. 446 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 15,00 Euro. ISBN 978-3-86532-643-0

 



 
19.05.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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