Thrill, Groteskes und Horror im trashigen Absurdistan

„Eine ungewöhnliche Geschichte aus der Generation danach, nach 1968 und Woodstock...“ verspricht der Klappentext von T. S. Freytags Roman „Goodbye Ruby Tuesday“. Und, das kann jetzt schon resümiert werden, diese Verheißung ist nicht gelogen.


Ungewöhnlich ist nicht nur die Geschichte als solche, ungewöhnlich sind insbesondere die Struktur, die Handlungsebenen und Erzählweisen des Romans, der aus drei Teilen und einigen Zugaben besteht.

 

Zunächst sei konstatiert: Schauplatz der Ereignisse sind - trotz Titel und Klappentext - weder die USA im allgemeinen, noch Woodstock im besonderen. Nein, die aktuelle Zeitebene liegt im Paderborn zu Beginn unseres Jahrzehntes, während Rückblenden in die 1980er Jahre u.a. nach Frankreich, Spanien und auf ein Fischerboot nach Marokko führen.

 

Die Handlung beginnt eigentlich mit dem Ende, das, wie sich später herausstellen soll, doch noch nicht das ultimative Ende ist: „Warm up: Sie kniet am Boden. Sie hält Kallis Kopf im linken Arm und Abenaas im rechten. Beide wiegt sie wie Babys in den Schlaf. Kallis Blut rinnt warm in ihren Schoß. Jemand singt mit leiser, hoher Stimme 'Goodbye Ruby Tuesday, who is gonna hang a name on you?'" (S. 17)

 

Ruby Tuesday, mit bürgerlichem Namen Melanie Dinstag (Dinstag ohne e!), steht kurz vor ihrem 50. Geburtstag, einem 11.11. Vor 30 Jahren hatte sie das Abitur abgelegt, war aber danach sofort mit ihrem Freund Ron, eigentlich Ronald Träsch, durchgebrannt. Durchgebrannt nach Frankreich in eine wilde ländliche Kommune mit viel Alkohol, Drogen und Promiskuität (incl. aufkommendem AIDS). Ruby ist Ron in Haßliebe verbunden. Einige Jahre später verlassen beide diese Kommune, vegetieren zunächst in Spanien. Um das nächste Ziel, Marokko, zu erreichen, lassen sie sich mit Capitan José, dem Eigner eines Fischerbootes, ein. Doch auf See spielen sich bald unglaubliche Szenen ab, voller Brutalität, Mord und schließlich Kannibalismus. Erstes Opfer ist Abenaa, die ghanaische Geliebte des Capitan. Ruby gelingt die Flucht, im Glauben, daß inzwischen auch Ron nicht mehr am Leben ist, weil verhungert und verdurstet. Ruby gelangt letztlich wieder in ihre Heimat zurück. Dort lebt sie, verfettet, alkoholkrank (Billig-Wodka der Marke Jelzin ist ihr einziger Freund), als heruntergekommene Hartz-IV-Empfängerin in einem ebenfalls heruntergekommenen Mietshaus. Hier wohnt auch Opa Strang, mit dem Ruby einst in Frankreich kopuliert hatte. Damals war der „Opa" ein wilder Rocker, Strange Tom genannt...

 

Wenige Wochen vor dem 30jährigen Abi-Jubiläum, zu dem auch sie eine Einladung erhält, und ihrem 50. Geburtstag tragen sich in diesem Hause ungewöhnliche Ereignisse zu: Rubys Nachbarin, ebenfalls ein Ghanaerin namens Abenaa, verschwindet plötzlich. Und ebenso plötzlich tauchen in Rubys Wohnung Leichenteile einer schwarzen Frau auf; erst ein Daumen, dann weitere Finger, dann Zehen, schließlich Zunge und sogar Augen. Für Ruby ein deja vu; Bilder aus der Hölle des Frachtraums im Fischerboot tauchen vor ihrem Auge auf. Sowohl im Delirium als auch den wenigen wachen Momenten fragt sie sich, ob nicht sie selbst diese Abenaa getötet hat. Aber wo und wie? Und wo ist der Leichnam? Dann stellen sich weitere Ungereimtheiten ein: Wenn sie auf dem Wege zur Alkoholbeschaffung ist, müssen Heinzelmännchen am Werk gewesen sein, denn sie findet ihre versiffte Wohnung immer aufs neue aufgeräumt vor...

 

Zur Abi-Feier war sie von Kalli Graf eingeladen worden; dieser hatte sie seinerzeit angehimmelt, war aber unerhört geblieben. Nun bemüht er, der arrivierte Hochschullehrer, sich um das Wrack Melanie alias Ruby. Er kann weitere frühere Mitschüler gewinnen, sich als Heinzelmännchen zu betätigen - als Vorbereitung auf den Geburtstag.

 

Die Ereignisse überschlagen sich, es gibt weitere rätselhafte Todesfälle in diesem absolut nicht ehrenwerten Haus. Was im einzelnen geschieht, das soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Aber man lese bitte nochmals das obige „warm up".

 

Diese zehn Ruby-Kapitel bilden den ersten Teil des Buches. Die Zeitebenen wechseln ständig zwischen dem Heute und dem Gestern. Elf Kapitel, abwechselnd mit „Der Marder" und „Ron" überschrieben, bilden den zweiten Teil. Auch hier gibt es wieder Rückblenden in die 1980er Jahre.

 

Entgegen Rubys Annahme ist Ron auf dem Fischerboot nicht elendig verreckt. Er konnte wie durch ein Wunder überleben und sich ebenfalls nach Deutschland durchschlagen. Ron hat hier schließlich eine neue Existenz gefunden. Aber erst die Einladung zur Abifeier führt ihn für kurze Zeiten nach Paderborn, wo er schließlich auch Ruby aufspüren kann. Ron macht Ruby für sein Leiden und den Fast-Tod verantwortlich. Sein Leben bestand in den rund zwanzig Jahren danach nur aus Rachedurst. Er verschafft sich Zugang zum Haus, auch zu Rubys Wohnung, und dann schließt er sich Kallis Heinzelmann-Gruppe an.

 

Aber wer nun ist „Der Marder"? Diese Figur hat ebenfalls Rache geschworen und setzt peu-a-peu Rons Rachepläne, sprich die Zerlegung der Leiche und Plazierung der Leichenteile in Rubys Wohnung, in die Tat um. Sind Ron und „Der Marder" etwa ein und dieselbe Person? Teile einer gespaltenen Persönlichkeit? Oder agieren hier zwei verschiedene Menschen trotz der augenscheinlichen Übereinstimmungen unabhängig voneinander? Wenn ja, wie aber kann dann „Der Marder" Rons Vorhaben kennen? Ja, wer ist eigentlich „Der Marder"? Und warum will dieser ebenfalls Ruby in den Wahnsinn, in ihren Untergang treiben?

 

„Der Marder", der Ruby ständig im Blick hat, sinniert einmal über diese: „Sie balanciert längst auf dem Hochseil des Wahnsinns. So wie er selbst. Aber das reicht ihm nicht. Er will, daß sie abstürzt.Und sie wird abstürzen." (S. 244) Als Ruby tatsächlich abgestürzt ist, aufgefunden mit dem erstochenen Kalli und dem Kopf Abenaas in ihrem Schoß und in die Psychiatrie eingeliefert, erfährt der Leser eher nebenbei, daß „Der Marder" noch ein weiteres Zielobjekt im Visier hat.

 

Im zweiten Teil dieses Buches werden wichtige Teile des Geschehens aus der Sicht von Ron und dem „Marder" erzählt. Manches deckt sich mit Ruby, anderes nicht.

 

Die Marder-Passagen unterscheiden sich vom übrigen Text durch eine serifenlose Schrift, auch das eine Ungewöhnlichkeit.

 

Und wer ist Sera? Eine Figur, der Ruby in Marokko begegnet ist. Was haben die einzelnen Figuren aus Vergangenheit und Gegenwart, die hier nicht alle genannt werden, miteinander zu tun? Wie und warum kreuzten und kreuzen sich ihre Wege?

 

In einem dritten Teil gibt es in acht Kapiteln weitere Sichten auf das Geschehen, vor allem auf das der Gegenwart. Und zwar aus der Perspektive von Änne, Kalli, Marlowe und Sera. Diese runden das Mosaikbild um Rubys und Rons Geschichte ab.

 

Und schließlich gibt es noch einige Zugaben, die das Absurde des Ganzen weiter auf die Spitze treiben. Zum Absurden heißt es hier - auf den Punkt gebracht: „Absurd - Wort, das bei häufiger lauter Wiederholung seinen Sinn verliert. Man weiß einfach nicht mehr, was gemeint ist." (S. 364)

 

Und damit der Leser dieses wirklichen Horror-Thrillers am Ende nicht auch so da steht („Man weiß einfach nicht mehr, was gemeint ist."), empfiehlt es sich, sehr aufmerksam zu lesen, sich Passagen zu merken oder zu notieren, um zum Kern dieser ungewöhnlichen - und keinesfalls undenkbaren - Geschichte vorzudringen. Und so gelingt es vielleicht auch, schon frühzeitig die bürgerliche Identität des „Marders" zu erkennen.

 

T. S. Freytag rundet seine Geschichte durch viele musikalische Bezüge noch weiter ab, er nennt hier Titel und Interpreten sowie Zitate. Also nicht nur Melanie Safkas Song „Goodbye Ruby Tuesday".

 

Das Groteske, das Absurde erfährt nicht zuletzt in Details seine Zuspitzung. In Details wie den Namensgebungen: Melanie Dinstag = Ruby Tuesday; Ronald Träsch = Ron (trash - Müll, Unrat) oder Eggbert, dem „Eierkopf", oder die Benennung des Billigfusels Marke „Jelzin" als „Hartz-IV-Limonade". Kenntlich werden im Buch dadurch auch zwei Welten des heutigen Deutschland; die Welt des Prekariates und die Welt der Spießbürger und Biedermänner (was ja die ominöse Mittelschicht ist).

 

Dieses Buch ist nichts für schlichte Gemüter, es ist nicht einfach zu lesen, es fordert seinen Leser schon sehr heraus. Und das in jeder Hinsicht. Aber, wenn man sich hinein vertieft hat, dann wächst die Spannung, wird zur elektrisierenden Hochspannung. Es führt letztlich zum großen Aha-Effekt mit einem „open end"!

 

Siegfried R. Krebs

 

T. S. Freytag: Goodbye Ruby Tuesday. Thriller. 368 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. München 2015. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-036-5

 



 
19.10.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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