Thriller-Autor V.S.Gerling wird mit jedem Buch noch besser

WEIMAR. (fgw) Seit Anfang August liegt – verbunden mit einem Verlagswechsel – mit „Der Architekt des Bösen“ der nunmehr fünfte Thriller um das Ermittler-Duo Nicolas Eichborn und Helen Wagner vor.


Dieser Verlagswechsel ist dem Buch als „Produkt" gut bekommen: Besseres Layout, besseres Lektorat und vor allem ein 1a-Korrektorat.

 

Und zugleich zeigt V.S.Gerling (d.i. Volker Schulz) mit diesem Band erneut, daß er nicht nur seine erzählerische Qualität halten kann, sondern daß er tatsächlich sogar mit jedem Buch besser wird. Das trifft ebenso auf den Gegenstand der Handlung, auf die Außergewöhnlichkeit des Falles, zu. Obwohl Handlungen und Personen selbstverständlich rein fiktiv sind, ist solches in unseren Zeiten aber durchaus möglich. Insofern kann man dieses Buch sogar als Warnung verstehen. Als Warnung vor leider gar nicht so undenkbaren Anschlägen machtgieriger Personen und Gruppen gegen Staat und Gesellschaft. Man schaue da doch mal nach Japan und die dort Mitte der 1990er Jahre verübten extremen Attentate der Aum-Sekte.

 

Nun aber zum Buch selbst,, in dem im Laufe der Zeit mehrere Handlungsstränge zusammengeführt werden. Wobei es zunächst zurück in die Vergangenheit geht.

 

Clemens Hagedorn ist 1989 - etwa 13jährig - Schüler in einem katholischen Internat. Hier mißbraucht mindestens der Rektor die ihm anvertrauten Knaben sexuell. Clemens, der am Asperger-Syndrom leidet, kann den Nachstellungen aber widerstehen. Mehr noch sogar: Auf gekonnte Weise trägt er dafür Sorge, daß die Polizei den Rektor beweiskräftig dieser Taten überführen kann. Im Roman geht es dann aber schnell weiter und wir finden Clemens Hagedorn im Jahre 2012 als überaus erfolgreichen Investmentbanker wieder. Dieses nicht zuletzt deshalb, weil er zugleich ein hervorragender „Hacker" geworden war. Und jetzt bekommt er mit, daß ein Kollege durch Erpressung in großen Schwierigkeiten geraten war. Hagedorns Gerechtigkeitsempfinden setzt da wieder ein und er kann den Erpressern, es handelt sich um Leute aus der Russenmafia, das Handwerk legen. Dabei kommt er jedoch mit dem „Paten" in Kontakt und das eigentlich Undenkbare geschieht: Beide werden Geschäftspartner.

 

Hagedorn ist nun in seinem Element. Er plant für diverse Auftraggeber geniale Coups, beginnend mit einem spektakulären Kunstraub. Zwei Bedingungen gibt es aber seinerseits: Hagedorn bleibt stets im Verborgenen, es gibt keinerlei persönliche Kontakte mit seinen Auftraggebern. Und zum anderen dürfen Menschen bei den Aktionen nicht zu Schaden kommen. In der Szene spricht sich bald herum, daß es einen genialen Planer für derartige Straftaten gibt. Man nennt diesen anerkennend „Architekt", weil alle seine Pläne zu 100 Prozent logisch aufgebaut, ausführbar und erfolgreich sind.

 

Weiter dann im Jahre 2015: Die unaufgeklärte Serie von solch spektakulären Straftaten ist in den Fokus von Hauptkommissar Joshua Lehmann vom Bundeskriminalamt (BKA) geraten. Doch seine Vorgesetzten wollen nichts davon hören. Für sie ist der „Architekt" nur ein Phantom und sie blocken deshalb weitere Ermittlungen weitestgehend ab...

 

Im Jahre 2017 tritt dann Bruno Sander auf den Plan. Sander ist Rechtsanwalt und Führer einer Gruppe der sogenannten „Reichsbürger". Sander hat große Pläne, hat vom „Architekten" gehört und will dessen Genialität für sich nutzbar machen. Übers Darknet nimmt er Kontakt zu Hagedorn auf. Diesen fasziniert eine solche Herausforderung, auch wenn ihm nicht mitgeteilt wird, worum es eigentlich gehen soll.

 

Joshua Lehmann hat inzwischen weiter Witterung aufgenommen und ist so auf Sander gestoßen. Er hofft, auf diese Weise auch an den „Architekten" heranzukommen. Er will nun sowohl diesem als auch auch Sander das Handwerk legen. Gegen den Widerstand seiner Chefs schleust er sich selbst auf gekonnte Weise als „Undercover"-Ermittler in Sanders Gruppe ein. Seine neue Identität lautet „Markus Lechner". Er besteht mehrere Überprüfungen und kann seine Arbeit sogar im engeren Kreis Sanders beginnen. Diese „Reichsbürger" haben ein früheres Militärareal bei Dresden erworben und führen hier nach außen hin ein autarkes Leben. Doch hier gibt es auch Mißtrauen gegen „Lechner", was in der Folge zu einigen Schußwechseln und Toten außerhalb dieses Areals führt. Schließlich wird sogar die Kontaktlinie „Lechner" - BKA gestört.

 

Mittlerweile schreibt man das Jahr 2018 und mit Kapitel 13 treten nun Nicolas Eichborn und seine Frau Helen Wagner auf den Plan. Eichborn war kurz zuvor als frischernannter Kriminaldirektor aus dem von ihm geleiteten Amt für Innere Sicherheit ausgeschieden. Nicolas und Helen sowie ihr Freund, der „Problemlöser" Patrick Ebel, sind nunmehr Inhaber einer privaten Firma für besondere Ermittlungen. Eines schönen Tages aber erreicht sie ein Anruf von Eichborns Amts-Nachfolger. Denn das Amt muß in einem Fall ermitteln, bei dem ein Mitarbeiter bei der Verhaftung eines „Reichsbürgers" lebensgefährlich angeschossen wurde. Für Eichborn ist es natürlich Ehrensache, in die Ermittlungen einzusteigen. Er bekommt dabei Rückendeckung von Rainer Schranz, der einst Eichborns Amtsvorgänger war, und nunmehr Bundesinnenminister ist.

 

Eichborn, Helen Wagner und auch Patrick Ebel werden nun aktiv, nutzen ihre unkonventionellen Möglichkeiten, um an die Hintermänner des Anschlags auf den Beamten heranzukommen. Sie nehmen sogar direkten Kontakt zu Sander auf. Sie kommen selbst mit „Markus Lechner" ins Gespräch, geben sich hier schließlich zu erkennen und operieren ab da gemeinsam, wenngleich auf getrennen Wegen. Und nicht zuletzt kommen sie auch dem ominösen „Architekten" auf die Spur. Es gibt sogar eine persönliche Begegnung. Doch unabhängig davon laufen Sanders Bestrebungen auf Hochtouren. Es wird klar, daß dieser einen besonders perfiden Plan umsetzen will, bei dem möglicherweise Hunderttausende Menschen in kürzester Zeit ums Leben kommen könnten. Doch was soll wie und wo konkret stattfinden? Alle Ermittler kommen hier zu keinen eindeutigen Erkenntnissen. Sie gehen aufgrund bekannter Anzeichen/Indizien von einem Anschlag auf die Hannover-Messe aus.

 

Während bei Sander alles planmäßig vonstatten geht, tappt man also auf der anderen Seite lange im Dunkeln. Und das ist der Grund, warum Nicolas Eichborn alte Kontakte aus früheren Fällen reaktiviert. So Fjodor Semjonow, einst Boss in der Russenmafia, und insbesondere Karoline Stegmann, die Täterin/Opfer in Eichborns erstem Fall gewesen war. Mit deren spezifischen Fertigkeiten und Verbindungen können sie sogar dem „Architekten" näher kommen. Wobei selbiger plötzlich aus Deutschland verschwunden ist. Er kann aber von Patrick Ebel in Thailand aufgespürt werden.

 

Doch kann der Anschlag von Sanders Leuten in letzter Minute noch verhindert werden? Und erst förmlich in letzter Minute erschließt sich sowohl den beamteten als auch den privaten Ermittlern, was eigentlich geplant ist und daß der „Countdown" bereits läuft...

 

Natürlich kann der Anschlag in letzter Sekunde noch gestoppt werden, auch wenn bis dahin weitere Menschen sterben mußten. Und es gibt sogar gerichtsfeste Beweise gegen Sander. Und... es geschieht noch etwas... etwas was typisch ist für Eichborns Führungsqualitäten. Ja, es darf verraten werden: es gibt Stoff für einen sechsten Band.

 

Wie in allen V.S.Gerling-Romanen unterstützen geschliffene und meist knappe Dialoge dramatische Handlungen und sagen mehr als langatmige Beschreibungen. Dann gibt es noch viele „Spritzer" Humor und Satire, die ebenso wirken. Satire insbesondere wenn es um den typisch bundesdeutschen Politik- und Behördenbetrieb geht. Auch wenn Eichborn & Co. nunmehr private Ermittler sind, wird dennoch der Privatisierung der Sicherheit nicht das Wort geredet. Es ist wohl eher so, daß mit dieser Reihe auch gezeigt wird, daß unkonventionelle Ansätze und Wege einfach effektiver sind als eingetretene bürokratische Pfade im konkurrierenden Behördendschungel. Natürlich sind erneut alle Figuren lebensecht gezeichnet, wird selbst bei den diversen „Reichsbürger" auf grobe Vereinfachungen verzichtet. Eine Person ist aber völlig untypisch für heutige deutsche Verhältnisse: gemeint ist Rainer Schranz, der als Bundesminister tatsächlich fachliche Kompetenz mit ins Amt bringt. Wenn man da nur mal anschaut, wer hierzulande seit Jahren z.B. fürs Militär zuständig sein will...

 

Was den Rezensenten heuer aber am meisten gefreut hat, worauf er immer gehofft hatte: Daß Figuren wie Semjonow und Stegmann nicht auf ewig im Orkus versunken bleiben, daß diese Charaktere weitererzählt werden.

 

Ja, Volker Schulz - um V.S.Gerling deutlich beim Namen zu nennen - ist ein Ausnahmetalent unter den zeitgenössischen Krimi- und Thriller-Autoren. Seine außergewöhnlichen Themen und fiktiven Verbrechen sind inhaltlich zwar extremer Art, aber sie sind dennoch gar nicht so realitätsfremd. Das wirkt sich positiv auf Spannung und Lesefreude auf. Man mag seine Bücher gar nicht mehr weglegen, vergißt mitunter übers Lesen sogar die Mahlzeiten. Kurzum: Der Autor hält nicht bloß seine erzählerische Qualität, nein, er wird mit jedem Buch sogar immer besser.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

V.S.Gerling: Architekt des Bösen. Thriller. 464 S. Taschenbuch. Edition M. Luxemburg 2019. 9,99 Euro. ISBN 978-2-49670-141-8

 

 

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

V.S.Gerling: Architekt des Bösen. Thriller. 464 S. Taschenbuch. Edition M. Luxemburg 2019. 9,99 Euro. ISBN 978-2-49670-141-8

 



 
18.08.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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