„Todeslieder“ - ein fabelhafter Debütroman von Nina Rudt

WEIMAR. (fgw) Der Bookspot-Verlag hat (endlich) wieder ein echtes Talent entdeckt. Das kann, das muß der Rezensent nach der Lektüre des Romans „Todeslieder“ aus der Feder der 22jährigen Medizinstudentin Nina Rudt ohne Wenn und Aber festhalten. Ein wirklich beeindruckendes und auch Maßstäbe setzendes Debüt! Und obwohl in ferner Zukunft – etwa im 24. Jahrhundert – handelnd, hat Nina Rudt alles andere als eine bloße Science-Fiction-Story vorgelegt, sondern eine fiktive Sicht auf durchaus heutige gesellschaftliche Konflikte bzw. mögliche Entwicklungen.


Wer also das Vordringen eines Raumschiffs in unendliche Weiten des Weltraums, in ferne Galaxien erwartet, der wird enttäuscht ebenso wie diejenigen, die Angriffe von Aliens auf die Erde (in der Regel werden hierunter immer nur die USA verstanden) erwarten. Und es tummeln sich in Nina Rudts Geschichte auch keinerlei Fabelwesen. Nein, ihr Ansatz, ihre Idee ist wesentlich origineller.

 

Infolge eines atomaren Weltkrieges haben sich im Laufe der Jahrhunderte bei einem Teil der überlebenden Menschheit genetische Veränderungen eingestellt. Diese Menschen, sie werden Todesweber genannt, vermögen es, verschiedene Melodien miteinander zu „verweben" und nachklingen zu lassen. Mit diesen nachklingenden Liedern können sie die Normalsterblichen hypnotisieren und manipulieren. Vor allem aber können sie, wenn sie sich nicht selbst kontrollieren können, andere mit ihren Liedern töten. Daher sind die Todesweber geächtet, aller Bürgerrechte beraubt und werden gnadenlos verfolgt. Die Todesweber ihrerseits, die sich teilweise in unterirdische Verstecke zurückziehen mußten, kämpfen um ihre Rechte, haben sich dazu in einer Organisation ToWeb zusammengeschlossen. Ihre Gleichberechtigung wollen sie auf friedlichem Wege erreichen, was wenig erfolgreich erscheint. Deshalb hat sich von ihr eine Sekte abgespalten. Deren Anführer, Castor, sieht sich und die Seinen als auserwählt an; diese Sekte strebt daher mit allen Mitteln zur gewalttätigen Machtübernahme im Staat. Aber auch bei den Normalsterblichen gibt es Extremisten, die bezeichnenderweise als „Rebellen" firmieren. Sie wollen ebenfalls die totale Macht und daneben die Ausrottung aller Todesweber; ihr Anführer läßt sich General nennen.

 

Vor diesem Hintergrund spielen sich die Abenteuer der 18jährigen Heldin Ivy Lawn ab. Sie ist die Tochter des Präsidenten eines Städtebundes, der Nachfolger der USA ist. Ivys jüngere Schwester Vicky hat 11. Geburtstag, aber beider vielbeschäftigter Vater hat das vergessen. Stattdessen führt er Verhandlungen mit Nicholas Chevalier, dem Gesandten des auf französischem Boden entstandenen Städtebundes.

 

Ivy ist empört und begibt sich aus Trotz auf eine Tour durch ihre Stadt, kommt dabei in verrufene Viertel und stößt dort auf Jared, einen „Feuerkünstler", zu dem sie sich trotz aller Standesunterschiede hingezogen fühlt.

 

Und just zu dieser Zeit wird Vicky entführt. Von wem, ist noch nicht bekannt. Ivy verläßt sich aber nicht auf die Polizei, sondern will ganz spontan ihre Schwester selbst retten und begibt sich auf Spurensuche. Jared bietet ihr sofort Hilfe an, selbst der undurchsichtige Chevalier will sie begleiten.

 

Damit beginnen Abenteuer, in denen sich Ivy nur selten von ihrem Verstand leiten läßt. Somit bringt sie nicht nur sich, sondern auch andere immer wieder in Lebensgefahr. Sue trifft dabei auf Angehörige der verschiedenen miteinander kämpfenden Gruppen. Nicht nur das. Sie selbst und Chevalier werden gefangen genommen, können fliehen, werden wieder aufgespürt. Angesichts dieser Ereignisse muß Ivy sich immer wieder diese Fragen stellen: Wer ist wer? Wer meint es ehrlich? Wer verstellt sich, wer lügt gar? Wer also ist Feind, wer Freund? Wer ist gar Verräter: Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Erkenntnissen: Nicht jeder ist schlecht. Das gilt insbesondere für die Unterweltgröße Jack Slater. Hier kann Ivy es nicht fassen, daß ausgerechnet der ein grundehrlicher und loyaler Charakter ist.

 

Es kommt schließlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen sich aber die unterschiedlichsten Allianzen bilden. Und Ivy ist immer wieder mitten drin; dazu aufgrund ihres unüberlegten, spontanen Handelns stets höchst gefährdet.

 

Wenn sie bzw. wenn der Leser vermeint, nun bietet sich endlich eine Lösung bzw. Rettung an, so kommt es stets doch anders und die Geschehnisse spitzen sich weiter zu. Ivy muß da immer wieder neue Erkenntnisse machen, sich von Fehleinschätzungen trennen. Insbesondere was die Person ihres Vaters betrifft. Ja, nicht alles, was sie bisher für wahr gehalten hatte, entspricht der Realität. Daher bleibt es spannend bis zur letzten Seite. Und man ist verblüfft, wie sich schließlich alles auflöst. Das aber kann schon vorab gesagt sein: Ivy ist in dem packenden Wettlauf mit der Zeit selbst gereift und erlebt sogar ihre erste Liebe.

 

Nina Rudt erzählt ihre Geschichte nicht aus der Perspektive eines neutralen Beobachters, sondern hat glücklicherweise die Perspektive Ivys - also die einer Ich-Erzählerin - gewählt. Denn nur so können die einzelnen Charaktere und Situationen glaubhaft - also keinesfalls komplex - dargestellt werden. Mit 18 Jahren, dazu noch als verwöhnte Göre aus der kleinen Oberschicht, kennt Ivy das wirkliche Leben ja gar nicht. Sie hat immer ihren Willen bekommen und sich leicht von Oberflächlichem blenden, beeindrucken lassen. Das wirkliche, harte Leben normaler Menschen war ihr bis zum Eintauchen in ihre Abenteuer völlig fremd. Und so entscheidet sie trotz guten Willens fast immer „nur aus dem Bauch heraus", setzt ihren Verstand nicht oder zu wenig ein.

 

Neben der originellen Idee ist es gerade diese Erzählperspektive, die den Roman spannend und glaubhaft macht - trotz der Fiktion an sich. Löblich ist gleichermaßen, daß Nina Rudt gesellschaftliche Hintergründe andeutet: eine in Klassen gespaltene Gesellschaft, die sogar noch oder schon wieder wie im Feudalismus ständisch geprägt ist:Wer als Proletenkind geboren ist, bleibt bis zum Tode ein Prolet, wer gar als Verbrecherkind geboren wurde, wird selbst lebenslänglich als solcher klassifiziert. Ja, eigentlich ist es gar eine Apartheid-Gesellschaft wegen der Ausgrenzung der „Todesweber". Bemerkenswert ist auch, wer als „Rebell" gilt. Schauen wir doch einmal, wer heutzutage so alles von Politik und Mainstream-Medien als solcher bezeichnet wird: Das sind fast auschließlich brutale Halsabschneider, die in für die USA unliebsamen Staaten ihr Unwesen treiben... Anderswo würde man solche Leute als rückwärtsgewandte Terroristen bezeichnen.

 

Nina Rudt ist wirklich ein begnadetes Schreibtalent - sprachlich wie erzählerisch, kann sie doch glaubhaft und nachvollziehbar fabulieren. Der Rezensent gibt zu, daß er dieses Buch tatsäclich „auf einen Ritt verschlungen" hat. Das Buch richtet sich zwar an jüngere Leser, vermag es durchaus aber auch, „ältere Semester" in seinen Bann zu ziehen.

 

Nina Rudt steht schriftstellerisch natürlich erst am Anfang des Weges. Daher haben sich doch einige winzige Details in die Erzählung eingeschlichen, die nicht ganz stimmig sind. So benutzt Ivy ein Handy, fährt mit dem Auto; man schießt mit Pistolen und Patronen-Munition, dazu fliegen Hubschrauber. Hierfür hätte man andere Begriffe erfinden sollen; so wie es z.B. in der Star-Trek-Serie gehandhabt wurde.

 

Gerade weil die Autorin bereits mit ihrem Debüt ihr literarisches Talent unter Beweis gestellt hat, sollte sie unbedingt gefördert werden. Verlagsseitig sollte man ihr die besten Lektoren an die Seite stellen. Und nicht zuletzt noch dies: Der Rezensent hofft auf einen baldigen weiteren Nina-Rudt-Roman.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Nina Rudt: Todeslieder. Roman. 394 S. Klappenbroschur. Drachensternverlag/Imprint des Bookspot-Verlags. Planegg 2019. 12,95 Euro. ISBN 978-3-95669-110-2

 



 
31.03.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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