„Totgesagte“ klären Mord im Lippischen Domina-Studio auf

WEIMAR. (fgw) Günther Butkus, der Chef des ambitionierten Bielefelder Pendragon-Verlages, hat wieder einmal ein mehr als glückliches Händchen bewiesen. Denn das jetzt edierte Buch „Totgesagte leben lange“ von Jürgen Reitemeier und Wolfram Tewes hat das „besondere Etwas“: Es ist nicht nur ein gut geschriebener und spannend erzählter gediegener Kriminalroman. Es ist zugleich eine überaus köstlich zu lesende (Krimi-)Komödie mit „sprechendem“ Lokalkolorit.


Die Handlung spielt im Lipperland (in und rund um die frühere Fürsten-Residenz Detmold) kurz vor und während der „FIFA-Weltmeisterschaft" 2018. Dort hat das nordrhein-westfälische Innenministerium, vertreten durch den frischgebackenen Staatssekretär Klaus Erpentrup, eine neue Sondereinheit, hochtrabend „Think Tank" tituliert, eingerichtet. Auf gut Deutsch handelt es sich aber um ein „Abstellgleis", auf das die Obrigkeit ältere, unbequeme, renitente und anderweitig unliebsame Polizeibeamte abzuschieben gedenkt.

 

Zunächst hat es deren fünf getroffen: Insbesondere Polizeirat Jupp Schulte aus dem Detmolder Kreispolizeiamt, mit dem dessen früherer Vorgesetzter Erpentrup viele Rechnungen offen hat. Und dann sind da noch der affektiert/blasierte Polizeioberrat Hubertus von Fölsen (arbeitet unentwegt an einem kritischen Buch über die Polizei), Hauptkommissar Manfred Rosemeier, die Verwaltungsbeamtin Adelheid Vahlhausen (Alkoholikerin) und als Jüngster der Polizeikommissar Marco van Leyden (hat nur seinen Laufsport im Kopf).

 

Und passend zum „Abstellgleis" paßt auch das Domizil dieser Sondereinheit: Es ist die stillgelegte Gastwirtschaft „Obernkrug" am Rande Detmolds, eine echte Dorfkneipe. Nebenbei: Es gibt da weder Büromöbel noch irgendwelche Kommunikationstechnik. Und alle fünf können zunächst absolut nicht miteinander. Abgesehen von Schulte und Rosemeier.

 

Der 60jährige Schulte ist mehr als unwillig, findet sich deshalbtäglich in der Detmolder Kreispolizeibehörde ein, geht dort seinen ehemaligen Kollegen, insbesondere seiner Nachfolgerin im Dezernat für Gewaltverbrechen, der Hauptkommisarin Maren Köster, gehörig auf die Nerven.

 

Es dauert nicht lange, da platzt Schulte der Kragen und „organisiert" mit List und Tücke zunächst Büromöbel. Bei der Anlieferung derselben kommt nun der steinalte Bauer Anton Fritzmeier, bei dem Schulte als Mieter logiert, ins Spiel. Dieser biedere und breitesten Dialekt redende Landwirt bringt den adelsstolzen von Fölsen fast zur Weißglut. Dennoch kann er ihn animieren, die Möbel in den Dorfkrug zu tragen...

 

Doch zuvor schon, am ersten Tag im neuen Team, das aber keines ist, erinnert sich Rosemeier im Gespräch mit Schulte an einen delikaten Fall aus dem Jahre 2008: Seinerzeit kam Hans Kaiser in einem Bordell, als Kunde der Domina Natascha König, auf mysteriöse Weise ums Leben. Davon kündet kurz der Prolog. Dieser Fall wurde jedoch schnell zu den Akten gelegt - trotz etlicher damaliger Ungereimtheiten. Er schlägt Schulte vor, diesen Fall deshalb wieder aufzurollen. Außerdem habe man ja absolut nichts zu tun und man müsse doch etwas gegen die verordnete Langeweile tun.

 

Jupp Schulte ist zunächst desinteressiert, auch weil er in einer Sinnkrise steckt. Doch dann wird sein Kriminalisten-Instinkt wieder wach und er ist sich sicher, daß es sich beim Bordell-Fall um einen Mord gehandelt haben muß. Rosemeier ist mit von der Partie, als sich Schulte auf die Spur macht. Zunächst wird der Bordellbesitzer Horst Bukow aufgesucht, der sich nach einigem Winden doch als kooperativ erweist. Und - die Autoren zeichnen diese Halbweltgröße keinesfalls unsympathisch, sondern als Menschen mit guten wie schlechten Seiten. In der Folge sollte sich ebenjener Bukow noch mehrfach als hilfreich erweisen...

 

Durch Bukow findet Schulte auch zu Natascha König, die inzwischen total heruntergekommen ist. Die König will nicht mit der Sprache heraus, aber gleich nach dem Besuch der beiden Kriminalisten ruft sie den Mörder Kaisers an, will ihn erpressen. Doch dieser bringt nun sie um. Daher macht sich Schulte große Vorwürfe. Und er gerät so mit seiner Nachfolgerin aneinander, die Schultes Ermittlungen als unerlaubte Einmischung auffaßt. Die offizielle Polizei geht im Falle König aber nicht von einem Tötungsverbrechen aus, sondern nur von einem selbstverschuldeten Unfall unter Alkoholeinfluß. Dennoch bleibt Schulte, der sich Vorwürfe macht, weiter am Fall dran und kann sich auch mit der Behörde einigen, daß man quasi parallel weiter ermittelt.

 

Und nun ergreift unerwartet Adelheid Vahlhausen die Initiative. Persönlich will sie dem Alkohol entsagen. Wichtiger aber ist ihr, daß nun alle Mann (und sie als Frau) dieser sogenannten Sondereinheit zum Team werden und mit vereinten Kräften den alten und den neuen Mord aufklären. Selbst Von Völsen „taut langsam auf", läßt für weitere Ermittlungen alte Beziehungen spielen. So daß Schulte und Rosemeier den Arzt aufspüren können, der seinerzeit im Bordell den Totenschein für Kaiser ausgestellt hatte. Nur wenige Zeit nach dem Gespräch der Kriminalisten mit diesem Doktor, der inzwischen in einer teuren Seniorenresidenz logiert, kommt auch dieser zu Tode. Wieder schaut alles nach einem Unfall aus.

 

Doch jetzt geht selbst Maren Köster von Tötungsverbrechen in Serie aus. Und weil der Staatsanwalt mit Namen Söder (!), der als „gelernter Katholik" vorgestellt wird, die Ermittlungen einstellen will, legt sie sich mit diesem an. Wie, das muß man einfach lesen! Es stellt sich heraus, daß Adelheid Vahlhausen ebenfalls über Beziehungen verfügt. Dank dieser bekommt der Staatsanwalt Weisungen „von oben". Wie der Mann da reagiert, auch das muß man einfach lesen - einfach köstlich diese Situationskomik!

 

Solche Situationskomik (befördert noch durch herrliche Dialoge und Dialekt) tritt auch immer wieder in Situationen auf, die nicht zum Hauptstrang der Geschichte gehören. Bestes und überaus köstliches Beispiel ist eine Begegnung der besonderen Art zwischen einer urbanen, veganen, gutbürgerlichen Frau mit Bauer Fritzmeier in dessen Hofladen (S. 138-140).

 

Inzwischen haben Schulte und Rosemeier einen begründeten Verdacht, wer der Mörder seinerzeit und jetzt wieder sein könnte. Sie treffen sogar auf ihn, doch er kann ihnen entkommen. Und das im Verlaufe des Geschehens noch mehrfach. Schulte befragt nun endlich auch Kaisers Witwe Bianca, doch die kann nicht weiterhelfen. Sie erfahren nur, daß ihr Mann seinerzeit leitender Angestellter mit Karriere-Perspektive in einer großen Immobilienfirma gewesen ist. Obwohl die Frau nichts sagen kann, bekommt der Mörder diesen Polizistenbesuch mit und will nun auch Bianca umbringen. In Lebensgefahr ruft sie Schulte an und nur unter großen Schwierigkeiten kann ein weiterer Mord verhindert werden.

 

Es kristallisiert sich aber auch heraus, daß der Mörder seinerzeit nur im Auftrag gehandelt haben kann, daß er jetzt aber auf eigene Faust handelt. Man ahnt, wer sein Auftraggeber gewesen sein könnte. Doch Schulte kann diesem bei einem Gespräch nichts entlocken. Dafür aber will nun der Mörder seinen Auftraggeber erpressen...

 

Daß heuer gemordet wird, ist verständlich. Der Täter will zu seinem Schutz unliebsame Zeugen ausschalten. Aber was war damals das Motiv? Und gibt es dafür auch Beweise für dieses? Und wie hängt alles, wie hängen alle Personen zusammen? Dabei wird offenbar, daß der seinerzeit im Bordell Ermordete absolut kein Unschuldslamm gewesen ist, sondern selbst gehörig Dreck am Stecken gehabt hatte... Die Situation spitzt sich zu, und nun ziehen endlich alle aus der Sondereinheit an einem Seil und auch die Zusammenarbeit mit Maren Kösters Dezernat klappt...

 

Es kommt zum Finale, nein nur zu einem ersten, in dem Schulte seinen großen Auftritt erhält und bei dem er nicht nur den Auftraggeber bloßstellt. Zugleich führt er seinen alten Chef Erpentrup öffentlich vor. Die Rache des kleinen Mannes eben. Man schmunzelt, man kann sich dem Protagnisten mitfreuen. Nebenbei, danach wappnen sich „die Fünf" aus dem Dorfkrug für neue Herausforderungen. Totgesagte leben eben manchmal doch lange, länger...

 

Das Besondere in diesem Krimi ist jedoch ein zweites Finale, das mit dem Kriminalisten-Alltag aber absolut nichts zu tun hat. Hier bekommt Bauer Anton Fritzmeier einen großen Auftritt, bei dem er seine Besucherin im Hofladen und deren geschäftstüchtigen Ehemann öffentlich vorführt. Und wie! Und das auch noch zum Gaudi zahlreicher Zuschauer.

 

Kurzes und bündiges Fazit: Dieses Buch ist so was von gut geschrieben, daß zumindest der Rezensent Fortsetzungen erwartet!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Reitemeier & Wolfram Tewes: Totgesagte leben lange. Kriminalroman. 374 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2018. 13,00 Euro. ISBN 978-3-86532-628-7

 



 
30.11.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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