Über das Erbe des Heidentums im „christlichen“ Abendland

WEIMAR. (fgw) Harald Specht (geb. 1951 in Köthen/Anhalt) ist nicht nur promovierter Chemiker, sondern auch noch Dr.-Ing. habil. Im Jahre 1987 wurde er zum Hochschuldozenten für Lebensmitteltechnologie an die Technische Hochschule Köthen und 1993 an die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg berufen. Seit 1992 hat Harald Specht auch Sachbücher und zwei Romane veröffentlicht, die vor allem kulturhistorische, philosophische und religionswissenschaftliche Themen behandeln. Seit einigen Monaten liegt nunmehr sein (voluminöses) Buch mit fast schon enzyklopädischem Charakter „Das Erbe des Heidentums – Antike Quellen des christlichen Abendlands“ vor.


Dieses 700 Seiten umfassende Buch (einschließlich der Anhänge und einem sehr langem Quellen- und Literaturverzeichnis) vollumfänglich und gebührend besprechen zu wollen, ist schier unmöglich. Sehr vieles wird hierin nicht nur angesprochen, sondern bis in Detail gehend analysiert. Diese Analysen, wie auch die getroffenen Schlußfolgerungen, befinden sich auf höchstem wissenschaftlichen Niveau und sind dennoch für den normal gebildeten Leser nachvollziehbar und verständlich. Specht versteht es, seinen Leser trotz des eigentlichen trockenen Stoffes - ein Komplex aus Kunstwissenschaft, Astronomie, Mathematik, Philosophien, Mythen, Religionen und geschichtlichen Abläufen - zu fesseln, zum Nach- und Weiterdenken anzuregen. Es ist sein Hinterfragen scheinbarer Wahrheiten; es sein Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen und nicht nur das Detail zu sehen, sondern die Zusammenhänge, die dieses Buch so wertvoll und lesenswert machen. Und dank des unglaublichen niedrigen Verkaufspreises dürfte es sicherlich auch viele geneigte Leser finden.

 

Wie gesagt, eine dem Inhalt und dem (Gebrauchs-)Wert des Buches angemessene Besprechung zu schreiben, ist eigentlich nicht möglich. Es sei denn, sie dürfte vielleicht 50 Seiten lang werden. Der Rezensent wird sich deshalb auf Wesentliches beschränken und zugleich anderes ebenso wesentliches außer Acht lassen müssen. Aber vielleicht macht ja die so getroffene subjektive Auswahl den Leser dieser Zeilen noch neugieriger auf das Buch selbst.

 

Begonnen hatte Spechts Spurensuche mit seiner Begegnung mit einem „geheimnisvollen Gemälde" des französischen Malers Nicolas Poussin (1594-1665), auf dem eine rätselhafte Begräbnisstätte abgebildet war. Neben den Figuren waren es „kryptische Worte" (Et in Arcadia ego) auf dem Bauwerk, die Spechts Neugier hervorriefen. Zusätzlich war ihm eine „geheime Geometrie" aufgefallen, die der Maler „geschickt in diesem Bildnis verborgen hatte." (S. 11) Insbesondere fielen ihm die sich in der Geometrie zeigenden Zahlen „72" und „5" sowie das Pentagramm auf. Diese hatten, das wußte er, schon in der altägyptischen Mythologie einen sehr hohen Symbolcharakter. Und was wollte der Maler mit dem Begriff „Arcadia" andeuten? Spechts Recherchen konnten also beginnen. Wie diese verlaufen sind, das hat er in zwölf Kapiteln niedergeschrieben.

 

Im ersten geht es zunächst nur um den „genialen Maler und seine rätselhaften Bilder". Dabei stellt sich ihm relativ früh die Frage, ob es sich beim betrachteten Gemälde nur um ein Landschaftsidyll handele oder ob es nicht vielmehr eine Sternenkarte darstellen würde. Insbesondere die von Specht erkannten astronomischen Zusammenhänge überzeugten ihn, daß „die alten Hochkulturen nicht nur ihre Religion[en; SRK], sondern auch ihr irdisches Dasein (...) nach den Sternen ausgerichtet hatten. (...) Sicher aber war, daß man gut sichtbare Sterne und Sternenkonstellationen einer Gottheit (...) zugeordnet hatte." (S. 35) - Was aber hatte Poussins Werk mit diesen uralten Weltbildern zu tun?

 

Im zweiten Kapitel begibt Specht sich deshalb auf die „Spuren der heiligen Geometrie" und er kann konstatieren, daß „alles bereits im babylonischen Chaldäa begonnen hatte" und daß die Erkenntnis aus Sternen- und Naturbeobachtungen sich von da über den gesamten Vorderen Orient, einschließlich Ägypten, verbreiteten. Sichtbar wurde dabei, daß sich alte ägyptische Legenden in der Mythologie des Judentums (Altes Testament) und sogar in den christlichen Evangelien widerspiegelten. Für Specht hieß das: „...zu klären, wie man überhaupt auf die Idee kam, von 72 Namen Gottes zu sprechen und was man vor der Zeitenwende überhaupt unter 'Göttern', dem 'Göttlichen' oder dem 'Höchsten' zu verstehen hatte." (S. 70)

 

Die Erfindung Gottes als Naturprinzip

Die Ergebnisse dieser Spurensuche faßt der Autor im dritten Kapitel unter der obigen Überschrift zusammen, und gleich eingangs konstatiert er: „Aus Vielen wurde Einer - woher kam Jahwe?" Dieses überaus informative Kapitel über die Entwicklung von Naturreligionen und Polytheismus hin zu den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sollten sich insbesondere „Gläubige" zu Gemüte führen, denn „während die Menschen des christlichen Abendlandes heute oft eine schlichte Vorstellung von 'Gott' vermittelt bekommen und dadurch vor allem das Bild eines urgütigen 'allmächtigen Himmelsvaters' vor Augen haben, kannte man in der antiken Welt eine bunte Schar verschiedener Göttinnen und Götter. (...) In allen antiken Hochkulturen ging die Anbetung verschiedener Götter auch immer mit der Verehrung von Himmelskörpern einher. In Mesopotamien erwuchs daraus die Astrologie..." (S. 71)

 

Hier aber zeigt sich ein Schwachpunkt (nicht nur in Spechts Betrachtungen, sondern vielmehr hierzulande üblich): Die tradierte Weltsicht, die auf dem doch sehr engen mediterranen / mesopotamischen Kulturraum beruht. Andere Hochkulturen kommen nach wie vor kaum (Indien oder China) oder gar nicht (präkolumbianisches Amerika, Afrika...) vor.

 

Zurück zu Spechts Spurensuche: Die Entwicklung sei weg von den Sternen hin zu Jahwe gegangen. Er beschreibt, wie es zum (unauszusprechenden Namen) dieses Gottes gekommen sein dürfte. Dabei räumt er mit vielen jüdischen Legenden auf, so der um den biblischen Moses und er zeigt Parallelen zwischen den diversen Kulten im östlichen Mittelmeerraum auf sowie deren Vordringen in die griechisch-römische Welt.

 

Sein viertes Kapitel „Die Prophezeiung einer neuen Welt" leitet Specht daher mit diesem Satz ein: „Nun hatte ich ein deutlicheres Bild davon, was man zum Ende der [heidnischen; SRK] Antike unter dem 'Göttlichen' verstand.Es war nichts anderes als das, was wir im modernen Sprachgebrauch mit dem Begriff 'Pantheismus' umschreiben." (S. 122) Zum Inhalt mögen nur einige Stichworte / Zwischenüberschriften angeführt sein: Des Himmels Zufall ist des Menschen Wunder. Großer Wirrwarr um große Zahlen. Die Zahl des Himmels und des Horizonts - Die 72 überall.

 

Im fünften Kapitel „Zwischenstation Mailand" zieht Specht ein erstes Resümee und findet neue Anhaltspunkte für seine Schlußfolgerungen - ausgehend von einer Betrachtung von Leonardos Wandmalerei „Das letzte Abendmahl".

 

Die gegenseitige geistige / kultische / religiöse Befruchtung der verschiedenen Regionen des mediterranen Raumes (durch Handelsbeziehungen wie durch kriegerische Eroberungen) führten zu „Neuen Göttern für das alte Rom", so die Überschrift des fünften Kapitels. Aber, hier findet sich auch bei Specht wieder diese enge/engstirnige eurozentrische Weltsicht, wenn er schreibt: „Spätestens seit der römischen Kaiserzeit herrschte das weltumspannende Imperium Romanum..." (S. 180) - Nun, ein Blick auf den Globus sollte solch hierzulande immer wieder vorkommenden Unsinn vermeiden lassen...

 

Specht schreibt hier aber zu Recht auch dies: „Aus der Mannigfaltigkeit der religiösen Angebote traten zu Beginn des ersten 'nachchristlichen' Jahrhunderts besonders drei ins Rampenlicht: Neben den Mysterien der ägyptisch-ptolemäischen Götter Isis und Serapis, waren dies der hebräische Mythos um Joschua, der im griechisch-römischen Umfeld zum Kult um Chrestos Jesus wird sowie der aus dem Osten des Reiches importierte Mithras-Kult." (S. 184)

 

Auf der selben Seite konstatiert er aber auch dies: „...Sonne, Mond und Sterne standen für die Macht der Götter und der Glaube an diese wurde zur Religion. Mit den orientalischen Priestern und ihren neuen Kulten kamen aber vor allem zwei Dinge bis nach Rom: 'geheimnisvolle Sühnemittel' und die Versicherung, daß eine 'selige Unsterblichkeit der Lohn' der Frommheit sei. (...) Die Priester sind nunmehr nicht nur Hüter und Übermittler der heiligen Überlieferung, sondern auch Leiter dieser neuen Gemeinschaft und damit im Einzelfall auch Mitmensch und Seelsorger. (...) ...entstand nun eine fast isolierte Kaste, deren Mitglieder sich durch ihre Abzeichen, ihre Tonsur, ihre Sitten, ihre Ernährung von den gewöhnlichen 'Sterblichen' unterschieden; eine Priesterkaste als unabhängige Korporation mit hierarchischer Gliederung, eigenem Zerenoniell und sogar eigenen Konzilen."

 

Und dies gilt im „christlichen" Europa bis heute: Die Existenz dieser Priesterkaste mit ihrem Anspruch, über Mensch, Gesellschaft und Staat zu stehen, gestützt auf immensen Großgrundbesitz und andere milliardenschwere Unternehmenswerte...

 

Überaus lesens- und empfehlenswert sind diejenigen Kapitel-Abschnitte, die sich mit dem sogenannten Urchristentum und der behaupteten Existenz eines biblischen Jesus befassen. Auf diese kann wegen ihrer Ausführlichkeit hier leider nicht eingegangen werden. Doch eine Zwischenüberschrift sagt eigentlich schon alles aus: „Vom Märchen bis zur frommen Phantasie - Das tradierte Bild der Urchristen". Zu sprechen kommt Specht auch darauf, wie aus dem altägyptischen KRST erst Christos und dann Jesus Christus wurde. Zur Verbreitung des Christentums hätten drei Schritte beigetragen: Trivialisierung, Personifizierung und aggressive Propagierung der Glaubensvorstellungen. Und es wird deutlich, was die Priesterkaste mit ihrer These von der „Kirche der Armen" wirklich meint, nämlich die „Armen im Geist", also die ungebildete Masse. Eingegangen wird in diesem Kapitel noch auf die „verwirrende Welt der Gnostiker" und dieses Fazit:

 

„Den 'einfältigsten Christen', die Origenes den 'Vollkommenen' gegenüberstellte, mußte ein verständlicheres und verläßlicheres Heilsversprechen gegeben werden. Was Mysterienkulte und Gnosis nicht vermochten, gelang dem Glauben an eine schlichte und daher für jeden nachvollziehbare Religion mit der Geschichte des Jesus aus Nazareth und dessen Versprechen auf das ersehnte Reich Gottes." (S. 282)

 

Als aus Hirten Herren wurden

Und wegen dieser Eigenschaft, die unterdrückten und ausgebeuteten Massen von Sklaven, armen und ärmsten Kolonen und Plebejern auf ein Leben im paradiesischen Jenseits bestens vertrösten zu können, wurde das einst verfolgte Christetum von römischen Kaisern in den Rang einer alleinigen Staatsreligion erhoben. Es war (und ist es bis heute) das wirksamste Herrschaftsinstrument der ökonomisch und politisch Herrschenden, die große Masse des Volkes am eigenen Denken zu hindern; sie vor allem daran zu hindern, sich gegen die angeblich gottgewollte Ordnung aufzulehnen. Die bereits entstandene Priesterkaste ließ sich dieses Angebot nicht entgehen und sie wurde Teil der spätantiken herrschenden Klasse, blieb dies mehr noch im Feudalismus und ist es auch heute noch...

 

Auch auf dieses Kapitel kann wegen der Fülle an Recherche-Ergebnissen und Quellen leider nicht im Detail eingegangen werden.

 

Aus jener Zeit rührt die kirchlich-christliche Gewohnheit, aus anderen Kulten und Religionen als für die eigene Organisation und Herrschaft Verwertbares an Riten etc. zu übernehmen, es für sich zu vereinnahmen, es umzuformen und umzudeuten und es schließlich als das eigene, das originär „christliche" auszugeben. Das war insbesondere wirksam bei der keinesfalls friedlichen, sondern stets auf diese oder jene Weise gewaltsamen, Christianisierung anderer Ethnien, Völker und Kontinente. Das betraf zunächst nur Feiertage und Feste, aber auch Symbole wie z.B. Fisch und Kreuz. Schließlich wird selbst die Geschichte umgeschrieben...

 

Die Wißbegierde weiche dem Glauben

Um herrschen zu können, mußte antikes Wissen vernichtet werden. Wie das geschehen ist, zeigt Specht im achten Kapitel „Der unterirdische Wissensstrom - die letzten Spuren des heidnischen Christentums" auf. Selbst das eigene Schrifttum, wie die Evangelien", wurden in brauchbare und unbrauchbare aufgeteilt und selbst die brauchbaren im Nachhinhein mehrfach umgeschrieben. Dazu heißt es auf S. 378 u.a.:

 

„Aber das Mißtrauen gegenüber einem gebildeteten Volk ging noch weiter. Letztlich traute man an oberster Stelle nicht einmal mehr dem einst selbst zusammengestellten Teil des Neuen Testaments, weswegen sich die Kirche in den folgenden tausend Jahren vehement dagegen aussprach, dem einfachen Volk das Lesen der Bibel zu ermöglichen. Selbst in unserer Zeit ist zu beklagen, daß unter Theologen 'über heikle theologische Fragen auf Lateinisch' gesprochen wird, nur um 'schlichte Christenmenschen nicht mit Dingen zu verunsichern, die sie nicht verstünden'."

 

Fortgesetzt werden diese Ausführungen mit dem neunten Kapitel „Wie aus Alt-Heidnischem Neu-Christliches wird - Beispiele für das Überleben". Specht geht hier auch auf den „großen Glaubenstrick - die göttliche Mutter wird Gottesmutter" und den bis heute im Katholizismus grassierenden Marienkult ein. Stichworte u.a.: Christus wird Gott, Maria überlebt. Aus Isis wird Maria - von heidnischen Kulten bis zum christlichen Festkalender. Wintersonnenwende und Frühlings-Äquinoktium - heidnische Traditionen zu Weihnachten und Ostern.

 

Beschrieben wir da u.a., wie gut drei Jahrhunderte nach dem Tod des vorgeblichen Jesus aus Nazareth Priester dessen angebliches Geburtsjahr „konstruierten", sprich willkürlich festlegten. Verbindlich kamen hier aber auch Festlegungen der Kaiser selbst zum Tragen. Dies allerdings auf der Grundlage diverser heidnischer Feste... Übrigens, „daß unser christliches Weihnachtsfest an die Stelle eines älteren heidnischen Feiertages zur Geburt der Sonne getreten sei, wurde erstmals vom syrischen Kirchenschriftsteller Dionysus Bar Salibi (gest. im Jahre 1171) geäußert." (S. 470)

 

Rebellion in Kirche, Kultur und Kunst

Aber es gab trotz aller Verbote, Verbrennungen von Büchern und Menschen immer wieder Auflehnung gegen die Priesterherrschaft und die von ihr legitimierte feudal-monarchische weltliche Macht. Heidnisches Volksbrauchtum hatte sich ja trotz alledem erhalten und selbst intelligentere Kleriker hinterfragten „heilige Wahrheiten". Außerdem waren einige wenige heidnische Schriften erhalten geblieben, auch wenn die Masse der Mönch-Kopisten selbst Analphabeten waren. Dazu kam ein Wissensstrom aus der neuen Welt des Islam. Im Gegensatz zu den Christen achtete man seinerzeit in dieser Religion alles Wissen aus der Antike, übersetzte Schriften ins Arabische und auf diesem Wege kam solche Literatur schließlich auch nach Europa (zurück).

 

So bildeten sich im Mittelalter eine Vielzahl von religiösen, häretischen Gemeinschaften (vulgo Sekten), die ein idealisiertes Urchristentum wiederherstellen wollten. Specht stellt die wichtigsten vor, so die Manichäer, die Bogumilen, die Katharer oder die Waldenser. Schließlich gab es noch die Literaten und die Astronomen des 13. bis 16. Jahrhunderts. Gerade die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Astronomen standen im Widerspruch zum christlich-geozentrischen Weltbild, was erste Zweifel auslöste:

 

„Es konnte demnach weder einen Schöpfer im Sinne des christlichen Gottes noch einen himmlischen Vater, kein Paradies und keine Hölle, kein himmlisches Gericht am Jüngsten Tage und keine Vergegenwärtigung Jesus' während des Abendmahls geben. Mit dem neuen Weltbild waren deshalb auch Säulen des christlichen Glaubens zum Wanken gebracht worden; Säulen, die das Gesamtgebäude Kirche zu stützen hatten." (S. 517) - Daran konnte letztlich selbst der mörderische Terror der sogenannten Heiligen Inquisition etwas ändern.

 

Heidnische Geheimsymbole und Metaphern, so ist das elfte Kapitel überschrieben, hatten tatsächlich „im Untergrund" das „finstere Mittelalter" überlebt. Dank auch der muslimischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel, die dort zu kultureller und wirtschaftlicher Blüte und zu lang anhaltender religiöser Toleranz zwischen Muslimen, Christen und Juden führte. Da keimte in Europa erstmalig die Frage, ob die drei Religionen nicht doch bloß einen (gemeinsamen) Gott anbeten. Was sich später in Lessings „Nathan der Weise" mit der Ringparabel niederschlagen sollte. Nicht zuletzt blühte die heidnische Symbolik der Zahlen (und des Pentagramms) wieder auf.

 

Und dann war da ja noch dieses - denn allein mit Gottesglaube und Gottvertrauen gingen Architektur und Bauwesen nun mal nicht:

 

„Träger der Kunstfertigkeit und mathematisch-bautechnischen Fähigkeiten waren die sogenannten Bauhütten, in denen die Handwerker des Mittelalters als Steinmetze, Maurer und Zimmermänner in einzelnen Bruderschaften, den Compagnons, zusammengeschlossen waren. (...) Sie waren vermutlich auch die Träger und Vermittler des geheimen Wissens, um diese revolutionären Bauwerke [die gewaltigen zum Himmel stürmenden gotischen Kathedralen; SRK] mit einfachsten Mitteln zu errichten." (S. 573)

 

Im zwölften (!) und letzten Kapitel „Das fertige Puzzle und ein neues Bild der Welt" geht Specht direkt auf den Künstler Poussin und dessen Schaffen, eingebettet in die damalige Zeit, ein. Übrigens, auch die Zahl „12" ist heidnischen Ursprungs (Tierkreis-Zeichen, Monate) und wurde als Symbol vom Judentum ebenso übernommen wie vom Christentum (12 Apostel). Wer waren Poussins Förderer, mit wem pflegte er geistigen Austausch, gab es auch Verbindungen zum aufkommenden Freimaurertum? Wie stand er zu kirchlichen Dogmen, was wollte er mit seiner den Bildern innewohnenden Symbolik (den Hinweisen auf Arkadien) sagen?

 

Specht verweist da noch auf einige Nachfolger im Geistes Poussins: auf den Freigeist und Freimaurer Goethe oder sehr deutlich auf Kant und dessen Spruch „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

 

Sapere Aude!

In diesem zwölften Kapitel faßt Harald Specht auf den S. 600ff. zusammen, wie der Wissensstrom von Urzeiten bis in die Gegenwart gelaufen ist. Alles begann damit, daß sich der Mensch ein faßbares Bild von der ihn umgebenden Welt schaffen wollte. Und wie er nach Antworten auf die unerklärlichen Vorgänge in der Natur und zu Geburt und Tod suchte. Er machte - und dies wirklich weltweit - zunächst die Gestirne zu Göttern. Denn „vor allem der Lauf der Gestirne hatte die Idee des Himmlischen und Göttlichen hervorgebracht und den Menschen die Zeitmaße für den Alltag, das fruchtbare Ackerjahr und die großen Zyklen am Himmel gegeben. So wie im Himmel mußte es auch der Erde sein. (...) Die Gestirne selbst waren auch die ersten Götter, deren Rolle und Einfluß durch Mythen erklärbar wurden. Ihre Vermenschlichung erlaubte, ihnen nachzueifern und sie zu respektieren. Sich ihrer Gunst zu versichern, dienten Wohlverhalten und Opfer; sich Ihrer zu erinnern und sie zu erklären, dienten Glaube und Religion."

 

Es folgt eine Zusammenfassung der Entwicklung des Christentums und die dessen Aufstieg begünstigenden inneren und äußeren Faktoren. Im Nachwort geht Harald Specht noch kurz darauf ein, wie von Seiten „frommer Katholiken" versucht worden ist, in der europäischen Verfassung eines Gottes-Bezug herzustellen und wie und warum diese auf der Gestaltung der EU-Flagge mit einem zwölfsternigen Kreis bestanden haben.

 

Angesichts dessen überläßt Specht mit einer Passage aus „Imagine" John Lennon auf S. 625 das letzte Wort:

 

„Stell' dir vor, es gibt kein Himmelreich, ...

Keine Hölle unter uns, Über uns nur Himmel. ...

Stell' dir vor, es gibt keine Länder, ...

nichts wofür man töten oder sterben müßte,

und auch keine Religion."

 

Und das Fazit des Rezensenten? Er kann das von ihm bereits eingangs gesagte nur wiederholen und wünschen, daß dieses profunde und vor allem auch erschwingliche Buch möglichst große Verbreitung finden sollte! Dies vor allem unter Gläubigen und unter den zumeist doch nur noch formalen Kirchenmitgliedern.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Harald Specht: Das Erbe des Heidentums. Antike Quellen des christlichen Abendlands. 700 S.m.Abb.kart. Tectum-Verlag. Marburg 2015. 22,95 Euro. ISBN 978-3-8288-3561-0

 



 
17.05.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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