Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen

WEIMAR. (fgw) Noch vor dem 1. Januar ist dieser Tage die erste Ausgabe der DGHS- Vierteljahreszeitschrift „Humanes Leben – Humanes Sterben“ (HLS) für das Jahr 2019 erschienen. Die DGHS - das heißt ausgeschrieben Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. - versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutz-Organisation sowie als Bürgerrechtsbewegung. In dieser Heft-Ausgabe gibt es kein eigentliches Schwerpunktthema.


Dafür aber eine Wortmeldung per Abschiedsbrief einer promovierten Frau aus Deutschland, die im Oktober 2018 mit Hilfe der Schweizer Organisation „lifecircle" durch Freitodbegleitung in der Schweiz selbstbestimmt gestorben ist. Ihre Hinterbliebenen erklärten sich mit dem Abdruck des Schreibens ausdrücklich einverstanden, heißt es dazu von der Redaktion, ergänzt durch diese Information: Im November gab es Medienberichte, dass „lifecircle" wegen zu hoher Nachfrage aus Deutschland Fälle ablehnen muß.

 

Unter der Überschrift „Über die Selbstbestimmung und die Würde des Menschen" stellt dieser Abschiedsbrief aus der Warte einer Betroffenen ein entschiedenes Plädoyer für eine kontrollierte Sterbehilfe dar.

 

Sie schreibt zunächst über ihre Krankheit, deren medikamentöse Behandlung mit gravierenden Nebenwirkungen und benennt auch die Kosten. Allein die Tabletten hätten pro Tag 300 Euro gekostet, hinzu kämen noch die Arzt- und Pflegekosten.

 

Und sie stellt Fragen:

 

„Wem also nützt eine solche Behandlung? Sie verlängert das Leiden mit der Gewissheit, das Ende steht nahe vor der Tür. Der Betroffene kann einige Tage länger leben, aber mit welcher Lebensqualität und wofür soll er sein Leiden verlängern? Er soll die Errungenschaften der Wissenschaften genießen. Zeitgewinn! Wofür und unter welchen Bedingungen? Wem nützt es wirklich? Der Industrie, der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal. Welches Leidn kommt über die Angehörigen, die nicht helfen können. Sie müssen das Leiden mit ertragen und können doch bei allem Einsatz nicht das Ende aufhalten.

 

Warum darf nun der betroffene Kranke nicht den Wunsch äußern und um Hilfe bitten, sein Elend zu beenden? Unsere landläufige Meinung ist, nur Gott darf es. Der Mensch darf nicht selbst Hand anlegen. Stimmt das? Wer hat mit Gott sprechen können? Wem hat er das gesagt? Die Menschen haben sich diese Antworten gegeben. (...)

 

Mit welchem Recht schwingen sich Menschen auf über andere zu richten, was ihr freier Wille ist und wie weit man diesen nutzen darf? (...) Die Kirche leider hat ihr Versagen in den moralischen Fragen unter Beweis gestellt. Sie deckt den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit und will weiter Hüter der Moral sein? Was ist mit der freien Willensentscheidung und der Würde eines jeden Menschen,garantiert in vielen Verfassungen vieler Länder? Es schwingen sich Menschen zu Moralaposteln auf, die nur einen Moralanspruch an andere haben.Welch‘ ein Trauerspiel! Wer glaubt,die Entscheidung,aus dem Leben zu treten, sei leicht, der irrt. Es erfordert viel innere Kraft, aber auch Demut und Dankbarkeit für das, was man erlebendurfte, was man bewältigt hat."

 

In dem Brief wird selbstverständlich auch auf den Vorwurf eingegangen, Sterbehilfeorganisationen würden sich bereichern und sie antwortet:

 

„Die Frage ist, kann man von Bereicherung sprechen, wenn jemand einem bei einem selbstbestimmten Sterben hilft? Das vergleichsweise kleine Entgelt, was ein Sterbehelfer und die Verwaltung erhalten, ist für eine Dienstleistung wie jede andere. Das einträgliche Geschäft mit der Lebensverlängerung fällt da weit größer aus.

 

Typisch für unsere Gesellschaft, den kleinen Gelderwerb anprangern und amoralisch darstellen, damit das eigene, weit größere Handeln vertuscht werden kann. Wie steht es mit der Würde des Menschen? Sie wird auf dem Altar des Geldmarktes geopfert mit dem Alibi der Moral." (S. 33-34)

 

Aus diesem Abschiedsbrief ist hier mit Absicht sehr ausführlich zitiert worden, berühren doch die Worte seiner Verfasserin die Fragen, Ängste, Hoffnungen vieler Menschen, nicht nur die der DGHS-Mitglieder!

 

Um solche Fragen geht es letztlich ebenfalls im Editorial des DGHS-Präsidenten Prof.Dr.Dr. Dieter Birnbacher auf S. 3. Darin heißt es:

 

„...zunehmend werden Herzpatienten zur Vermeidung von Tod oder gesundheitlichen Schäden durch Herzrhythmusstörungen streichholzschachtelgroße Impulsgeber unter die Haut implantiert. Diese sogenannten ICDs (implantierbare Cardioverter-Defibrillatoren) sind für die Patienten regelmäßig segensreich. (...) Im Vorfeld des Sterbens erweisen sich diese Implantate allerdings häufig als Belastung. (...) Sie zögern den Vorgang des Sterbens sinnlos hinaus und verhindern ein friedliches Verdämmern. Technisch ist das Abstellen eines solchen Geräts kein Problem. (...) Auch ethisch und rechtlich ist ein Abstellen unproblematisch, solange der Patient einwilligt oder durch eine Patientenverfügung (...) eingewilligt hat. Da das Ausschalten zwar ein aktives Tun ist, aber lediglich den Abbruch einer Behandlung darstellt, zählt sie als 'Sterbenlassen` zu dem der Arzt, sofern es vom Patienten verlangt wird, nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet ist. (...)

 

Die Neufassung der Patientenverfügung der DGHS (erhältlich ab Frühsommer 2019/die bisherigen Formulare bleiben aber gültig!) sieht eine entsprechende Verfügung ausdrücklich vor."

 

Gar nicht so breiten Raum nimmt die Berichterstattung über die ordentliche Delegiertenkonferenz der DGHS im November ein und ist dennoch überaus informativ. Verfasserin Claudia Wiedenmann zeigt damit, daß man über Vereinsformalien durchaus lesbar und lesenswert schreiben kann: „The same procedere as every year?" (S. 4-5)

 

„Der Leisten geht von Bord", so hat Wega Wetzel die Verabschiedung des bisherigen DGHS-Vizepräsidenten Volker Leisten getitelt und sie nimmt darin eine beeindruckende Würdigung des langjährigen ehrenamtlichen Engagements der „rheinischen Frohnatur" Leisten vor. (S. 6-7)

 

Und wer Volker Leisten kennt, der nimmt mit großem Bedauern zur Kenntnis, daß mit ihm die DGHS einen wirklich strategischen Denker und tatkräftigen Macher in Sachen Organisationsentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing als Präsiden verloren hat und der wohl auf sehr lange Sicht nicht zu ersetzen sein dürfte.

 

Wega Wetzel informiert dann noch über eine Performance des Entertainers Beppo Küster am Abend nach dem ersten Beratungstag. (S. 7)

 

Um die Öffentlichkeitsarbeit der DGHS geht es in einem weiteren Beitrag von Wega Wetzel über eine überaus gut besuchte und von dem TV-Urgestein Franz Alt moderierte Podiumsdiskussion in Baden-Baden, die Aspekte des Sterbens beleuchtete: „Leiden aushaltbar machen oder Freiheit behaupten?" (S. 8-9)

 

„Als Au-pair-Oma ins Ausland, wie geht denn das?", darauf antwortet Manuela Hauptmann in ihrem Artikel „Mit 60 Jahren um die Welt". Ja, wer hätte denn gedacht, daß es so etwas tatsächlich gibt?! Was dafür aber bedacht werden muß und was so alles erforderlich ist, das wird auf den Seiten 12-13 eingehend beschrieben.

 

Natürlich darf auch Juristisches in der DGHS-Zeitschrift nicht fehlen. Heuer geht Rechtsanwalt Oliver Kautz auf den S. 14-15 auf Besonderheiten im Erbrecht ein, die sogenannte Patchwork-Familien unbedingt beachten sollten.

 

Sehr umfangreich fallen in dieser Ausgabe Berichte aus dem Vereinsleben in den Regionen aus. Leider kann man sich - als ständiger HLS-Konsument - mitunter des Eindrucks der Peinlichkeit nicht erwehren, wenn man da gleich zwei ellenlange Beiträge aus Bremen zur Kenntnis nehmen muß; siehe S. 1-11 und 24-25. All das hätte durchaus kürzer formuliert werden können, also im Kurzberichtsformat gehalten sein können. An die dafür eigentlich üblichen Formate halten sich dagegen die nicht minder aussagekräftigen Meldungen aus Bonn, Leipzig, Nürnberg, Osnabrück, Weimar und Würzburg.

 

Nicht fehlen dürfen die verschiedenen ständigen Rubriken, wie der vierteljährliche Veranstaltungskalender, der „Dialog unter Mitgliedern", die Leserbriefe, Ausstellungs-Tips, der „Blick in die Medien" und der „Blick über die Grenzen" mit Nachrichten aus Frankkreich, Italien, den Niederlanden und Österreich sowie aus der Schweiz und aus Spanien.

 

Wie immer runden mehrere Rezensionen das Lektüre-Angebot ab, und das eigentlich im doppelten Wortsinne: Besprochen werden eine DVD über einen Freitod in der Schweiz (von Red.), zwei Bücher über Fragen von Sterben und Tod (von Red. und Siegfried R. Krebs) sowie über den Zauber in den kleinen Dingen des Alltags (von Manuela Hauptmann).

 

Mehr Informationen zur DGHS und ihrer Zeitschrift sind auf deren Webseite zu finden.

 

 

Siegfried R. Krebs

 



 
30.12.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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