Über Rituale im Übergang und ein persönliches Dilemma

WEIMAR. (fgw) Jetzt liegt bereits der siebente Band der 2016 von Horst Groschopp begründeten Reihe „Humanismusperspektiven“ vor: Der in Heidelberg lebende Literaturwissenschaftler Stefan Busch schreibt in diesem Band ausgehend von einem persönlichen (familiären) Dilemma über „Rituale im Übergang“.


Allerdings ist der Untertitel doch mehr als fragwürdig, weil unzutreffend: „Über Taufen und Trauerfeiern in der konfessionsfreien Gesellschaft". Sind doch Taufen nur ein rein christlich-religiöser Akt und stehen damit nicht für eine konfessionsfreie Gesellschaft - ganz im Gegensatz zum doch wertneutralen Begriff Trauerfeier.

 

Das angesprochene Dilemma bestand darin, daß der 12jährige Sohn des areligiösen Ehepaares Busch eines Tages verkündete, er wolle getauft (und später konfirmiert) werden. Dies war Anlaß für Stefan Busch, sich Gedanken ganz allgemein über die sogenannten Passageriten und entsprechende Rituale zu machen.

 

In seinem Vorwort bekundet er jedoch selbst, daß seine Erkundungs-Perspektive eine „typisch westdeutsche" sei. Hinzuzufügen wäre da aber noch, daß erst recht seine Sicht auf die weiland DDR eine mehr als „typisch westdeutsche" ist.

 

Und gleich im Vorwort wird daneben klar, daß Busch - wie wohl die meisten Bundesbürger - nach wie vor dem Irrglauben aufsitzt, daß die sogenannte Kirchensteuer (die ja nichts anderes als ein Mitgliedsbeitrag ist) der „Organisation sozialer Dienstleistungen für das Gemeinwesen diene".

 

Busch betrachtet aber nicht alle Passageriten, sondern lediglich die zu Beginn und zum Ende des Lebens, wobei er erstere distanzlos und global als Taufe bezeichnet. Das gilt aber doch nur für die christlichen Religionen und keinesfalls für die gesamte Menschheit und ihre sehr verschiedenen Kulturkreise in Vergangenheit und Gegenwart.

 

Angeblich würden hierzulande mehr Menschen die Taufe ihrer Kinder wünschen, als die Kirchen noch Mitglieder hätten, ist da zu lesen. Und auch die Zahl der Erwachsenen-Taufen sei im Anstieg begriffen.

 

Busch geht leider nicht darauf ein, daß die Taufe nicht einfach bloß ein schönes Ritual ist. Weiß er, wie andere Eltern auch, denn nicht, was das rechtlich bedeutet? Ein unmündiges Baby wird durch diesen Akt unfreiwillig Mitglied einer Religionsgemeinschaft und somit später „kirchensteuerpflichtig"! Und daß es so viele „Spättaufen" gibt liegt wohl vor allem daran, was er leider nicht ausspricht, weil die Menschen anders keinen Arbeitsplatz in Sozialeinrichtungen oder einen Betreuungsplatz in kirchenbetriebenen Kindergarten bekommen können. Gerade in Gegenden, in denen das Gemeinwesen diese ohne Not in kirchliche Monopol-Hände gelegt hat.

 

Nur ganz kurz geht Busch darauf ein: „Alle Kulturen kennen, in mehr oder weniger ausgeprägter Form, Geburtsrituale und Rituale zur Namensgebungen der Neugeborenen. (...) Alle Übergangsrituale verbinden natürliche Gegebenheiten mit kulturellen 'Erzählungen', das gilt auch für Geburtsrituale." (S. 23-24) Schleierhaft, warum er dann dieses universelle Ritual als Taufe bezeichnet.

 

 

Säkularer Staat, wirklich?

Interessanter, weil konkreter, ist dann jenes Kapitel, das mit der richtig guten Frage „Wir werden konfessionsfrei - aber auch säkular?" überschrieben ist. Dieses leitet über zum Kapitel mit der Frage „Zivilreligion in Deutschland - was geht?".

 

Mehr als fragwürdig ist da aber seine Feststellung, daß in der Bundesrepublik „so gut wie keine öffentlichen Rituale mit religiöser Dimension stattfinden" würden. (S. 50) - Da kann man nur fragen, wo dieser Mann denn lebt?!? Denn real ist: Es gibt keine Parlamentseröffnung ohne Gottesdienste, keinen Staatstrauerakt, der nicht religiös zelebriert wird (selbst wenn die Betrauerten sämtlich keine Kirchenmitglieder sind), kaum eine „Einweihung" von öffentlichen Gebäuden, Straßen oder Brücken ohne pfäffischen Segen...

 

Busch geht dann aber auf die durchaus sehr religiös geprägten Trauerfeiern für Helmut Schmidt und Rudolf Augstein ein. Und gerade der Umgang mit Augstein spricht Bände, wie sich „der Staat" um den Wunsch eines bekennenden Nicht-Christen kümmert. Er zitiert dazu aus aus einer Mitteilung des Pressereferenten der Senatskanzlei,

 

„... da der Senat sich nicht mit der Religionszugehörigkeit seiner Ehrenbürger befasse, sei 'die Kirche der anzunehmende Ort'." (S. 62)

 

Da bleibt einem doch glatt die Spucke weg ob solcher Mißachtung der verfassungsrechtlich gebotenen Trennung von Staat und Kirche durch den Staat selbst... Der so einfach jedem Menschen eine religiöse Identität zudiktiert.

 

 

Wie Abschied nehmen?

Das läßt Busch in einem weiteren Kapitel fragen „Wer wird kirchlich bestattet?" Um Wandlungen der Rituale am letzten Übergang geht es im Kapitel „Wie Abschied nehmen?" Die Ausführungen werden mit der Feststellung eröffnet, daß eben „alle Kulturen" (!) kollektive, regelgeleitete und symbolisch aufgeladene Handlungen auch bezüglich des Todes kennen. Er führt später richtigerweise aus:

 

„Daraus folgt, daß in unserer Gesellschaft die christlichen Formen, in denen diese Rituale gefeiert werden, nur mögliche, historisch zufällige Ausformungen darstellen. Nicht die christlichen Ausprägungen der Feiern (...) von Taufe, Heirat, Konfirmation und Begräbnis sind das Primäre, sondern die Schwellenriten. Mit der Christlichkeit dieser Rituale verhält es sich sich wie mit den Feiern von Weihnachten und Ostern, die vorchristliche Rituale ablösten und überformten..." (S. 72-73)

 

In einem Abschnitt geht Busch auf den sehr deutlichen Rückgang kirchlicher Bestattungen ein; und nennt dafür auch einige Gründe. Folgerichtig geht es im nachfolgenden Abschnitt um „gottlose Abschiede" - vielversprechend überschrieben mit „Humanistische Bestattungskultur". Er weist da auf deren Anfänge hin, also die proletarischen freidenkerischen Organisationen und deren Angebote bis zum Jahre 1933.

 

Was er aber dann jedoch über säkulare, freidenkerische Angebote und Rituale, wie sie nach 1945 im Osten Deutschlands, in der DDR, üblich wurden, von sich gibt, das ist mehr als nur eine „typisch westdeutsche Sicht". Das ist mehr, das ist schlimmste bornierte und ignorante Verunglimpfung. Denn gänzlich anders sind die eigenen Erfahrungen und Beobachtungen des Rezensenten, der seinerzeit in seiner beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit mit Namensfeiern, Jugendweihen, Eheschließungsfeiern und auch Trauerfeiern zu tun hatte. Warum eigentlich befragen solche Autoren seit 1990 niemals seinerzeit wirkende Akteure, sondern stets nur oberflächliche Westbeobachter oder geifernde Ost-Pfaffen???

 

Zustimmen kann und muß der Rezensent später aber dieser Feststellung des Autors:

 

„Die Etablierung einer humanistisch-säkularen, im Ablauf persönlicheren und weniger festgelegten rituellen Form für Trauerfeiern wäre ein entscheidender Schritt hin zu einer Zerstreuung weitverbreiteter Bedenken [das gilt aber wohl doch nur für das Gebiet der alten Bundesrepublik; SRK] gegen säkulare Formen nicht nur des Bestattens, sondern auch anderer Übergansrituale." (S. 90)

 

Was Busch dann aber mit Bezug auf eine Jane Redlin und deren „wissenschaftliche" Auslassungen über Rituale in der DDR kolportiert, darüber kann man nur den Kopf schütteln. Allerdings nimmt Busch dann doch einiges zurück und nennt deren Schlußfolgerungen „Kurzschluß". Der wohl aus „traditioneller gläubiger oder teologischer Sicht" resultiere... Busch dazu wörtlich:

 

„Natürlich ist es möglich, einen religiösen Standpunkt einzunehmen und weltliche Übergangsrituale als schwächelnd und Schwundstufe anzusehen. Wo eine solche Position eingenommen wird, ist man bei Grundsatzfragen, die hier nicht auszubreiten sind." (S. 93)

 

Man könnte auch so sagen: Wer nur das Christlich-religiöse als das einzig Richtige und nur einzig Mögliche ansehen will, der verkennt willentlich das menschliche Leben!

 

 

Freie Redner - säkulare Feiern

Um weltliche Trauerredner geht es im Abschnitt „Freier Markt für tote Bürger". Wertend läßt Busch hier erneut den evangelischen Pastor Andreas Fincke in dessen ganzem Haß auf die DDR-Gesellschaft zu Wort kommen. Busch gereicht es aber zur Ehre, wenn er konstatiert:

 

„Die Wertung Finckes aber als eines Mannes der (...) evangelischen Kirche ist erkennbar voreingenommen und verkürzend." (S. 101) Was wohl auch am Frust der Priester liege, weil immer mehr Menschen deren Dienste nicht mehr benötigten...

 

Der aus Sicht des Rezensenten wertvollste Teil dieser Publikation ist der Abschnitt „Blick in die Praxis: Gespräch mit einem freien Redner". Dessen Aussagen sind sachlich-nüchtern, keineswegs polemisch-verblendet wie solche an anderer Stelle von Habermas, Redlin oder Fincke.

 

Dieser Abschnitt ist aber zugleich auch zu kritisieren, denn hier wird nur ein allgemein-weltlicher Redner befragt. Dabei hätte Busch gerade in Baden-Württemberg dezidiert humanistische Feiersprecher (für alle Passageriten) zu Wort kommen lassen können. Der HVD-Landesverband Baden-Württembergs (Stuttgart), insbesondere auch deren Regionalverband Humanistischer Freidenkerverband Ostwürttemberg (Heidenheim) kann hier auf eine lange Tradition und ein breites Angebot verweisen. Welches überwiegend sogar von Nichtmitgliedern angefragt wird.

 

In einem weiteren Kapitel geht Busch auf das Kreuz im Wandel der Bedeutung und Wahrnehmung eines Symbols ein. Obwohl seinen Aussagen überwiegend zu widersprechen ist, soll das aber hier unterbleiben. Weitgehend zu widersprechen ist noch dem letzten Kapitel „Bloß keine Konfession". Hier arbeitet er sich leider borniert an diversen säkularen Organisationen und erneut an der weiland DDR ab, eingeschlossen die immer wieder vorgebrachte weitverbreitete Fehlinterpretation des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803.

 

 

Für ein nötiges Weiterdenken

Dankens- und lobenswerterweise hat Herausgeber Horst Groschopp zu diesem Band ein Nachwort beigesteuert, überschrieben mit „Humanistische Bestattungsfeier", in welchem er auf vier Fragen verweist, bei denen er ein kollektives Weiterdenken für nötig hält. So stellt er u.a. richtig, was es mit den „sozialen" Dienstleistungen der Kirchen auf sich hat und wer diese wirklich finanziert. Groschopp hält insbesondere das Weiterdenken über humanistische Orientierungen für wichtig.

 

Das Fazit des Herausgebers soll hier im Wortlaut wiedergegeben werden, faßt es doch alles Wichtige in Busch's empirischen Untersuchungen und auch in den Wertungen durch den Rezensenten zusammen:

 

„Eine humanistische Bestattung ist frei von liturgischen Festlegungen, was auch bedeutet, daß der christliche Erlösungsgedanke, der in einer kirchlichen Feier bestimmte Regeln und Formeln verlangt, privatisiert und damit ein Kern des Glaubens marginalisiert wird.

Das Leben selbst hat den Menschen gezeigt: Ist ein Leben beendet, dann wird die Anerkennung der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit jeden Lebens den Hinterbliebenen bewußt. Sie haben gelernt und erfahren mit einer humanistischen Feier, auch wenn sie nicht ausdrücklich so heißt, daß auch ihr Leben ein Anfang und ein Ende hat.

Wer gedanklich ohne Auferstehung auskommt, hat nur die Möglichkeit, anderen durch Taten im Gedächtnis zu bleiben. Gerade deshalb steht das gelebte Leben des Verstorbenen im Mittelpunkt des Rituals, das Reden über den Toten, die Tote." (S. 146)

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stefan Busch: Rituale im Übergang. Über Taufen und Trauerfeiern in der konfessionsfreien Gesellschaft. 150 S. kart. Reihe Humanismusperspektiven, Bd. 7. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2020. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86569-211-5

 

 

 

 

 

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stefan Busch: Rituale im Übergang. Über Taufen und Trauerfeiern in der konfessionsfreien Gesellschaft. 150 S. kart. Reihe Humanismusperspektiven, Bd. 7. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2020. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86569-211-5

 



 
04.06.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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