Ukraine-Konflikt: Die Religion als politisches Schlachtfeld

WEIMAR. (fgw) Wohl in keinem anderen Staat Mittel- und Osteuropas stellt sich die kirchliche Lage derart kompliziert dar wie in der Ukraine. Heute gibt es neben den drei orthodoxen Kirchen noch zwei katholische Religionsgemeinschaften; zudem gibt es zahlreiche evangelische Gemeinden. Vor allem auf der Krim, unter den dort lebenden Tataren, ist der Islam sehr verbreitet.


(Bildquelle: koptisch.wordpress.com)

In der religiösen Orthodoxie orientiert sich die kirchliche Organisationsform stark an nationalstaatlichen Strukturen. Daher gehen politische Autonomiebestrebungen in Ländern, die in ihrer Tradition von der Orthodoxie geprägt sind, meist mit dem Ruf nach einer eigenständigen nationalen Kirche einher. Die Ukraine ist ein Land an der Linie zwischen dem ostkirchlichen und dem westkirchlichen Bereich. Als Staat in ihrem jetzigen Territorium hat sie keine langen Traditionen, weil sie über viele Jahrhunderte zu verschiedenen, miteinander konkurrierenden Staaten gehörte. Die nationale Identität der Bevölkerung ist daher in den unterschiedlichen Teilen des Landes verschieden ausgeprägt. Die Nachbarstaaten der Ukraine, allen voran Polen und Russland, und die in ihnen dominierenden römisch-katholischen und orthodoxen Kirchen haben Interesse an einer konfliktgeladenen Situation in der Ukraine. Das spiegelt sich deutlich in der heutigen kirchlichen Situation in der Ukraine wieder. Kirchliche Vorhaben werden so zu einem komplexen Abbild der politischen und gesellschaftlichen Widersprüche im Lande.

 

Die verwirrend-komplizierte kirchliche Landschaft

Es gibt drei orthodoxen Kirchen in der Ukraine. Sie haben sehr ähnliche Namen und sind daher für den Laien kaum unterscheidbar. Auch unterscheiden sie sich kaum in ihrer Glaubens- und Sakramentenlehre. Sie sind aber sehr kontrovers in ihrer jeweiligen politischen Ausrichtung. Das führt in ihrem kirchlichen Handeln oft zu heftigster Gegnerschaft untereinander.

 

Die größte orthodoxe Religionsgemeinschaft ist die Ukrainische Orthodoxe Kirche, die oft mit dem Zusatz „Moskauer Patriarchat" von den beiden anderen unterschieden wird (UOK-MP). Sie lebt in kirchlicher Gemeinschaft mit der Russischen Orthodoxen Kirche und genießt ihr gegenüber einen halbautonomen Status. Ihr Oberhaupt, der Metropolit, ist kraft seines Amts Mitglied des Synods der Russischen Orthodoxen Kirche; doch die UOK-MP kann ihre inneren Angelegenheiten selber und unabhängig von Moskau verwalten. Vor allem aber ist sie die einzige Kirche, die weltweit von den anderen orthodoxen Kirchen als „kanonisch", also als den Traditionen und kirchlichen Regeln gemäß, anerkannt wird. Die meisten ihrer Gemeinden hat sie im Osten und Süden des Landes.

 

Die zweite Orthodoxe Kirche in der Ukraine ist die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK). Sie ist in der Zeit nach der Oktoberrevolution entstanden, als 1917 die revolutionäre Regierung die nationalen Bestrebungen in den nichtrussischen Republiken unterstützte. Eine Gruppe von ukrainisch orientierten Priestern gründete unter etwas obskuren Umständen diese Kirche und wählte einen der Ihren zum Metropoliten. Sie wollten sich von der Russischen Orthodoxen Kirche distanzieren, die damals unter der verhassten Zarenherrschaft die einzige anerkannte orthodoxe Kirche in der Ukraine war. Nach kurzer Zeit wurde auch die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK) in der UdSSR verfolgt; überlebt hat sie nur in der Emigration. In den USA befanden sich Bischöfe, Priester und Gläubige dieser Kirche unter der kirchlichen Oberhoheit des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, dem eine herausgehobene Vorrangstellung in der Weltkirche der Orthodoxie zukommt. Noch heute hat er seinen Sitz in Istanbul. Mit dem absehbaren Ende der Sowjetunion wurde diese Kirche von Rückkehrern aus den USA in der Ukraine neu gegründet. Sie hat ihre Gemeinden vor allem im Westen des Landes und zeichnet sich durch eine deutlich antirussische Haltung aus.

 

Als die Moskauer Führung der Russisch Orthodoxen Kirche ihren Bistümern in der Ukraine 1992 einen Status größerer Unabhängigkeit verlieh, strebte der damalige Metropolit von Kiew Filaret eine völlige Selbständigkeit an. Nach längeren Querelen gründete er schließlich die Ukrainische Orthodoxe Kirche - Patriarchat von Kiew (UOK-PK), in der er nach mehreren Jahren zum Patriarchen gewählt wurde. Auch diese Kirche vertritt eine antirussische, ukrainisch nationale Haltung. Sie sieht sich als Kern einer künftigen selbständigen orthodoxen Kirche im Lande. Doch gilt Filaret für viele Orthodoxe als nicht tragbar. Das Moskauer Patriarchat hat ihn inzwischen nicht nur in den Laienstand zurückversetzt, sondern aus der Kirche exkommuniziert. Auch von den übrigen Kirchen der Weltorthodoxie wird die UOK-PK nicht als legitim anerkannt; dieses Gebilde genießt aber die Unterstützung der ukrainischen Regierung.

 

Die Kirchenspaltung im Jahre 2018

Eine „Kriegserklärung" nannten am 8. September 2018 mehrere Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche in Moskau die Entscheidung des Patriarchats von Konstantinopel, zwei bischöfliche Exarchen in die Ukraine zu entsenden, um die Gewährung der Autokephalie - der Unabhängigkeit - einer neu zu gründenden, geeinten ukrainischen orthodoxen Kirche vorzubereiten. Metropolit Ilarion, Vorsitzender des Moskauer kirchlichen Außenamtes, sprach von einem „schändlichen, arglistigen, perfiden" Schritt. Im April 2018 hatte sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wiederholt mit der Bitte an den Patriarchen von Konstantinopel gewandt, einer geeinten ukrainischen orthodoxen Kirche die Autokephalie zu gewähren, die für die „Einheit und den gesellschaftlichen Frieden in der Ukraine" notwendig sei. Die enge Verbindung zur von Moskau geführten Kirche ist den ukrainischen Nationalisten ein Dorn im Auge. Die Regierung der Ukraine unterstützt alle Bestrebungen, sich auch in kirchlichen Angelegenheiten aus dem russischen Einfluss zu befreien. Präsident Poroschenko will im März 2019 wiedergewählt werden. Er hat diese Kirchenfrage zu seinem zentralen Anliegen gemacht.

 

Die Synode des ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel - in Istanbul hat das höchste Gremium der weltweiten orthodoxen Kirchenstruktur seit Jahrhunderten seinen Sitz - hat am 11. Oktober 2018 die unmittelbare Anerkennung einer „autokephalen", also eigenständigen, ukrainischen orthodoxen Kirche in Aussicht gestellt. Es ist nicht verwunderlich, dass im Moskauer Patriarchat dieser Schritt eine heftige Gegenreaktion auslöste. Die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) unter der Leitung des Patriarchen Kyrill hat daraufhin ihre mehrmals ausgesprochene Drohung wahr gemacht und im Gegenzug die Beziehung zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel abgebrochen. Zugleich hat die Leitung der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) seinen Kirchenmitgliedern verboten, Kirchen, die Konstantinopel unterstehen, zu Gottesdiensten aufzusuchen, dort zu beten und die Sakramente zu empfangen, denn es sei unter diesen Umständen unmöglich, „die eucharistische Gemeinschaft mit dem Patriarchat von Konstantinopel fortzusetzen".

 

Der russische Patriarch sprach von einer katastrophalen Entscheidung des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel und der „Überschreitung einer roten Linie". Als „Angriff auf fremde kanonische Güter" und Versuch, historische Verpflichtungen zu verleugnen und Kirchenspalter in die Gemeinschaft der Orthodoxen Kirchen aufzunehmen, bezeichnete die Führung der russisch-orthodoxe Kirche diese Entscheidung des Ökumenischen Patriarchen. Wird doch durch die Loslösung des ukrainischen Teils der unter Moskauer Führung stehenden russisch-orthodoxen Kirche die Position des Moskauer Patriarchats erheblich geschwächt. Das Moskauer Patriarchat hätte dann keine religiösen, vor allem aber keine kirchenpolitischen Zugriffsrechte mehr auf diese Kirche auf ukrainischem Territorium. Das Moskauer Patriarchat liegt kirchengeschichtlich und kirchenrechtlich mit seiner Position nicht ganz falsch: 1686 hatte der damalige Patriarch von Konstantinopel die orthodoxe Kirche auf dem Gebiet der Ukraine dem Moskauer Patriarchat unterstellt.

 

Die Reaktionen auf den Beschluss der Konstantinopler Synode zeigen, dass der Frage der ukrainischen Autokephalie nicht nur kirchenrechtliche, sondern auch eminent politische Bedeutung zukommt. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte umgehend, dieser 11. Oktober 2018 sei fortan für die ukrainische Geschichte ein ebenso wichtiges Datum wie der 24. August 1991, der Tag der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung. Unter der Führung dieses bereits erwähnten Patriarchen Filaret sollen nun die drei Ukrainischen Orthodoxen Kirchen von Moskau unabhängig sich zusammenschließen und eine neue Ukrainische Orthodoxie bilden.

 

Es geht auch um ganz irdische Güter

Natürlich geht es bei diesem Konflikt um weit mehr als um himmlische Güter: Es geht um einen riesigen Verlust für des Moskauer Patriarchat, denn in der Ukraine ist unter den drei oben genannten orthodoxen Kirchen die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP) mit Abstand die größte. Anfang 2017 gehörten gemäß Angaben des ukrainischen Kulturministeriums 11.392 Kirchen und Kathedralen und 12.328 Gemeinden zu ihr. Auch viele wichtige Klöster und Kathedralen der Orthodoxie in der Ukraine, namentlich das bekannte Kiewer Höhlenkloster, gehören zum Moskauer Patriarchat.

 

Die UOK-MP zu verlieren, bedeutet auch, ihre Immobilien, ihren Reichtum und gesellschaftlichen Einfluss zu verlieren.

 

Dies ist für die Identität der russischen Orthodoxie von großer Bedeutung und sie wird das auch nicht so einfach hinnehmen. Das Moskauer Patriarchat weiß bei seinen Äußerungen und Handlungen auch seinerseits die russische Staatsführung in seinem Rücken. So spiegelt der Streit um die ukrainische Kirche das gegenwärtig völlig zerrüttete Verhältnis zwischen Moskau und Kiew wider. Und wieder einmal wird Religion in einem Konflikt zum politischen Schlachtfeld.

 

 

Karl-Helmut Lechner

 



 
07.11.2018

Von: Karl-Helmut Lechner
 
 
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