Und auch Frau Marthe Dirkens will nun den berühmten Cocktail in der Norderneyer Insel-„Milchbar“ genießen wollen

WEIMAR. (fgw) Der Gmeiner-Verlag hat in diesem Jahr einen Erstling vorgelegt, der schon nach wenigen Seiten aufhorchen läßt: Anja Eichbaums 406 (!) Seiten umfassender Krimi „Inselcocktail“, der trotz dieser Länge für echte Spannung und viel Kurzweil sorgt.


An einem Oktober-Donnerstag begegnen sich auf der Fähre von Norddeich-Mole auf die idyllische Nordsee-Insel Norderney zwei Frauen: Die Kriminalpsychologin Ruth Keiser und die Friseuse Daniela Rick, eine echt rheinische Frohnatur. Beide kommen auf der Überfahrt ins Gespräch und offenbaren ihr Faible für Krimis, zumal derzeit beide das gleiche Buch lesen. Sie verabreden sich, später auf der Insel ihre persönlichen Ermittlungsergebnisse auszutauschen. Es darf aber schon jetzt vermeldet werden, daß es dazu bis zum Schluß nicht kommen wird. Ruth Keiser reist nach Norderney, um dort eine Weiterbildung zu gestalten. Und zugleich freut sie sich auf das Wiedersehen mit Martin Ziegler, mit dem sie einst die Polizeihochschule absolviert hatte und der nun das örtliche Polizeirevier leitet. Daniela dagegen will wie jedes Jahr seit ihrer Kindheit in der altmodisch-heimeligen Pension von Marthe Dirkens urlauben.

 

Mit auf der Fähre bzw. bereits auf dieser ostfrisischen Insel angekommen sind vier weitere Frauen: die chaotische Merle Rosenbaum (IT-Fachfrau), Constance Tornow (Gymnasiallehrerin), Dörthe Brandstetter (Kommunikationswissenschaftlerin und Ex-Frau eines Chefarztes) sowie Juliane Kamper (Krankenschwester und Mutter eines kleinen Jungen). Ihr Reisegrund ist identisch - auch wenn sie das nicht wissen. Jede der alleinstehenden und sich einsam fühlenden Frauen (zwischen Anfang 30 bis Mitte 40) war auf einem Internet-Dating-Portal auf der Suche nach dem Mann fürs Leben. Und alle vier waren dort auf den geheimnisvollen Johannes bzw. „dwsw - duweißschonwer" gestoßen. Dieser anonyme Chat-Partner hat diese vier von ihm ausgewählten Frauen zu einem ersten realen und exklusiven Kennenlernen nach Norderney gebeten. Natürlich jede exklusiv, also nicht in einem Gruppensex gipfelnd.

 

Doch kaum auf der Insel angekommen, bringt ein unerwarteter Orkan die Pläne aller angereisten Personen durcheinander. Nicht nur, weil am Sonnabend keine turnusmäßige Ab- bzw. Anreise von Feriengästen und Kurpatienten stattfinden kann. Auf der völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Insel geschehen bis zum Sonntag Verbrechen, wie sie dort seit über 30 Jahren nicht mehr vorgekommen sind. Und alle diese Frauen sowie die Männer, die ihnen an diesem ewig langen Wochenende begegnen, sehen sich unvermittelt vor große Herausforderungen und Bewährungssituationen gestellt.

 

Mitten im Sturm wird eine Frau, Merle Rosenbaum, tot aufgefunden. Nichts deutet aber auf ein Verbrechen hin. Dennoch muß Martin Martin Ziegler ermitteln. Und er muß ermitteln, weil die Kripo das Festland nicht verlassen kann. Der Leichnam wird in die Inselklinik gebracht und dort gekühlt verwahrt. Doch nur wenig später wird Constance Tornow gefunden, kann aber gerettet werden dank einer Bekanntschaft, die sie während des Wartens auf „Johannes" in der „Milchbar" gemacht hatte. Beide Ereignisse sagen Martin Ziegler, daß das beides kein Zufall sein kann. Auch wenn erneut nichts auf ein Verbrechen hindeutet. Aus der Not heraus bildet er ein improvisiertes Ermittler-Team, zu dem u.a. Ruth Keiser und die Notärztin in beiden Fällen, aber auch Daniela Rick gehören. Letztere konnte behilflich sein, weil die erste Tote in der selben Pension abgestiegen war. Und zufälligerweise hatte auch sie schon eine Bekanntschaft gemacht; jemand, der sich in der IT-Welt auskennt. Es stellt sich bald heraus, daß die beiden zu Schaden gekommenen Frauen aktiv in diversen Internetforen unterwegs waren.

 

Dazu heißt es schön auf Seite 355: „...so daß sie arbeitsfähig waren, auch wenn das die Dienstvorschriften nicht legitimierten. Aber was sollten schon Vorschriften, wenn Menschenleben auf dem Spiel standen?"

 

Und noch während man gemeinsam versucht, hinter die rätselhaften Vorkommnisse zu kommen, geschieht ein weiterer Mord: Dörthe Brandstetter ist das nächste Opfer. Allmählich verdichten sich die Erkenntnisse. Profis und kriminalisierende Laien ergänzen einander. Dank moderner Kommunikationswege können sie dazu Ergebnisse der Polizeidienststellen aus den Heimatorten der betreffenden Frauen mitauswerten.

 

Aber man tappt nach wie vor im Dunkeln, wenn da nicht gerade Daniela einen genialen Gedankenblitz beisteuern konnte. Man weiß nun, daß noch eine weitere Frau in Lebensgefahr schwebt - Juliane. Kann das Verbrechen verhindert werden? Kann man diesen ominösen Johannes stellen?

 

Wer sich dahinter verbirgt, das wird für die Ermittler und sicher auch für den Leser eine echte, absolut unerwartete Überraschung darstellen. Das betrifft insbesondere das Motiv für die von langer Hand geplante Mordserie. Wobei angemerkt werden muß, daß der Orkan selbst die sorgsame Planung des „Johannes" über den Haufen warf, so daß dieser improvisieren mußte... Und schließlich, womit wurde gemordet? So gekonnt, daß es fast perfekte Morde geworden wären?

 

Was macht nun Reiz dieses voluminösen Buches aus? Da sind nicht nur der ungewöhnliche Serienmord-Fall. Da sind nicht nur die plastischen sprachmächtigen und zugleich feinsinnigen Milieuschilderungen von Natur, Unwetter und diversen Lokalitäten. Da sind nicht nur die wirklich guten Dialoge.

 

Da wäre ganz besonders noch die zweite Erzählebene zu nennen, die des ICH-Erzählers „Johannes", die sich gekonnt in das Gesamtgeschehen einfügt und lange, lange nichts verrät.

 

Es ist aber vor allem das breit angelegte Figuren-Ensemble, wobei jeder Charakter - auch bei den Neben- und Randfiguren - lebensecht gezeichnet wird. Anja Eichbaum zeichnet einfühlsame und ausführliche Pyschogramme der „Zielpersonen". Das gilt auch für die Beziehungsgeflechte aller Akteure. Dies alles ist von ihr gekonnt „komponiert" worden, so daß der „rote Faden" zu keiner Zeit verloren geht.

 

Was stört, das sind die übermäßigen und unnötigen Amerikanismen - vulgo Denglish -, deren sich insbesondere die vier potentiellen Opfer bedienen. Aber leider auch die Autoin in ihrer Rolle als Erzählerin. Ein gutes und bodenständiges Deutsch wäre besser gewesen und passender zur herben friesischen Inselwelt. Aber vielleicht ist dieses Element jedoch volle Absicht: Steht doch solche Sprachverhunzung hier und heute für die überaus provinzielle bundesdeutsche „Mittelschicht", die unbedingt weltmännisch erscheinen will, und die damit auch ihrem Jugendwahn frönt.

 

Wie gehen alle Überlebenden auseinander? Und was wird aus der verwitweten Pensionswirtin Marthe Dirkens? Sie will sich dem Trend zum Abkassieren der Urlauber nicht anpassen, wohl aber künftig ab und an in der Milchbar den dort angesagten Inselcocktail genießen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Anja Eichbaum: Inselcocktail. Kriminalroman. 406 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2109-9

 



 
11.12.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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