Vollauf gelungenes Porträt einer deutschen Kabarettlegende

WEIMAR. (fgw) Dem kulturell und politisch interessierten Bürger der DDR war der westdeutsche Kabarettist Dietrich Kittner ein Begriff, selbst wenn er – wie der Rezensent – diesen Künstler nicht auf den Bühnen seines Landes erlebt hatte. Wohl aber waren ihm etliche Texte Kittners aus Presseveröffentlichungen bekannt. So blieb es leider auch nach 1990. Ein wirkliches Kennenlernen jedoch konnte erst jetzt erfolgen. Dank des ersten heuer von Sylvia Remé vorgelegten biograpischen Porträts.


Und dieses Porträt muß gleich eingangs als vollauf gelungen bezeichnet werden, leuchtet es doch viele Facetten des privaten, künstlerischen und politischen Leben Dietrich Kittners aus. Sylvia Remé erzählt nicht bloß Kittners Lebenslauf. Sie läßt ihn nicht nur in zahlreichen Zitaten selbst zu Wort kommen. Wirklich „rund" wird dieses Porträt durch Erinnerungen und Wortmeldungen seiner Freunde und Weggefährten.

 

Die Autorin beleuchtet komplex wichtige Lebensereignisse im Kontext mit politischen Ereignissen, sowie künstlerische Entwicklungen, sie stellt sehr informativ Programme und Publikationen, Spielstätten und Tourneen vor. Und keineswegs idealisiert sie diesen - auch von ihr bewunderten - Künstler. Dietrich Kittner ist bei Sylvia Remé nie Idol, sondern immer Mensch, den sie zu Recht als „kompromißlosen Kämpfer für Frieden und soziale Gerechtigkeit" charakterisiert.

 

Daß Dietrich Kittner dereinst einer der prominentesten linken Kabarettisten der Bonner Republik, und danach auch der Berliner, werden sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Geboren wurde Kittner als Sohn eines Zahnarztes im schlesischen Oels am 30. Mai 1935. Seinen Vater sollte er später als „konservativ reaktionär" bezeichnen, der nichts mit seinem politisch aufmüpfigen Sohn zu tun haben wollte. Ganz im Gegensatz zur Mutter, die immer zu Dietrich hielt.

 

Erinnert wird daran, daß der junge Dietrich etwa 1944 von weitem mit KZ's und dem Häftlingselend konfrontiert wurde - was ihn durchaus, wenngleich damals unbewußt, prägen sollte. Zugleich versuchte er sich bereits als „achtjähriger Knirps" als Harlekin auf dem Hinterhof.

 

Die Folgen des II. Weltkrieges verschlugen die Familie Kittner nach Niedersachsen, wo Dietrich in Göttingen aufwuchs. Später sollte Hannover sein privater und künstlerischer Lebensmittelpunkt werden. Um dem Vater und dem nun wieder üblichen Wehrdienst zu entrinnen, schreibt Kittner sich an der Göttinger Universität als Student mit den Fächern Jura und Geschichte ein.

 

In jener Zeit lernt er auch Christel kennen. Bald werden beide ein Paar und heiraten. Christel sollte mit Beginn von Dietrichs Kabarettisten-Laufbahn seine engste Mitarbeiterin werden. Nicht bloß als Frau an seiner Seite, sondern wirklich als Partnerin in jeder Hinsicht. Gerade ohne sie hätte er wohl niemals seine Solo-Programme bestreiten können.

 

Göttingen war seinerzeit auch ein bedeutender Standort der westdeutschen Filmproduktion, bei der sich auch Kittner als Komparse verdingt. Kurz darauf gründet er mit anderen das Studenten-Kabarett „Leid-Artikler". Bald schon wird er sein Studium aufgeben und sich hauptberuflich dem Kabarett, nun in Hannover, widmen. Doch das Ensemble-Spiel findet schnell sein Ende und ab Mitte der 1960er Jahre gestaltet und lebt Dietrich Kittner seine Solo-Programme.

 

Sylvia Remé läßt ab hier nicht nur Programme und typische Texte Revue passieren, sie flicht viele für Kittner typische Anekdoten ein. Der politische Kabarettist macht sich bei den Regierenden keine Freunde. Die konservative niedersächsische Landesregierung verweigert Fördermittel, das „öffentlich-rechtliche Fernsehen" mißachtet ihn. Statt des tiefschürfenden politischen Kabaretts dürfen hier vorrangig nur an der Oberfläche bleibende auftreten, später dann noch tiefer sinkend überwiegend flache „Comedians". Dafür aber tourt Dietrich Kittner quer durch die Republik, kann in seinen eigenen Spielstätten auf stets ausverkaufte Programme verweisen. Hinzu kommen etwa 300 Auftritte in der DDR. Nur, reich macht ihn das alles nicht. Auch wenn er und seine Familie sowie das Kabarett-Unternehmen immer gerade so „schwarze Zahlen" schreiben, übt er uneigennützig Solidarität: Als sich in Chile mit der Ermordung Allendes das faschistische Pinochet-Regime an die Macht putscht, da sammelt er über 50.000 DM zur Unterstützung der Flüchtlinge ein.

 

Der Zusammenbruch der DDR, in die er viele Hoffnungen gesetzt hatte, trifft ihn tief. Mehr noch die Übernahme des Ostens durch den Westen. Im Gegensatz zu den meisten in Ost und West hat Kittner jedoch keinerlei Illusionen. Für ihn hat vorläufig der nackeste Kapitalismus gesiegt und er sieht auch sofort die Gefahr neuer Kriege mit bundesdeutscher Beteiligung.

 

Klar bringt er das seinerzeit in Texten zum Ausdruck, aus denen hier unbedingt zitiert werden soll und muß:

 

»Ich hatte da drüben Freunde, die mußten in einer Tour egalweg immer nur dahinvegetieren in einer miesen Ost-Neubauwohnung, Fertigteilbauweise, 4-Raum-Wohnung im 10. Stock, mit Müllschlucker: sogar den Müll mußten sie selbst schlucken! Und für diese achtzig Quadratmeter im Zentrum der Landeshauptstadt wurden ihnen monatlich auch noch 150 Mark Warmmiete abgepreßt! Für 80 Quadratmeter Neubau 150 Mark Warmmiete! Auch noch überheizt! Kein Wunder, daß die so viele Kinder hatten. - Jetzt kriegen die zum Ausgleich für die erlittene Unbill eine original westliche 4-Zimmer-Komfortwohnung angeboten, für 1.200 DM - und müssen dazu nicht mal umziehen...« (S. 165)

 

»Also das war da drüben wirklich alles restlos marode. Ich habe selber mal so einen Betrieb besichtigt; einen Vorzeigebetrieb sogar. Das war vielleicht ein Schuppen! Mein lieber Scholli! Im Ernst: Da haben die veraltete Sachen hergestellt, zum Teil sogar noch nach Plänen aus dem Jahr 1735! - In Meißen steht die Bude - ich hab's selbst gesehen. Sie können das nachprüfen.« (S. 167)

 

Und was er seinerzeit nur befürchtet, das sollte ab 1999 bittere Realität werden: Deutschland beteiligt sich am NATO-Krieg gegen Jugoslawien und seither in dieser oder jener Form an weiteren Kriegen der USA und der NATO gegen unliebsame Staaten, Völker und Regierungen beteiligt. Der Kampf gegen Kriege und für den Frieden steht nun für Kittner mit an erster Stelle seines künstlerischen und politischen Wirkens. Das ist um so anerkennenswerterweise, weil ihn seit Beginn der 1990er Jahre Krankheiten immer stärker beeinträchtigen. Was schließlich zur Umsiedlung in die milde Luft der Steiermark (Österreich) führt. Der von ihm erworbene „Hollerhof" an der Grenze zu Slowenien wird nun zur Basis seines Schaffens. Heute dient dieser Hof der Wahrung seines künstlerischen Nachlasses.

 

Jetzt endlich kommt es zu öffentlichen Anerkennungen. Gewürdigt wird sein Wirken durch die sozialdemokratische Landesregierung und insbesondere durch die SPD-geführte Landeshauptstadt Hannover.

 

Am 19. Juni 2009 tritt Dietrich Kittner zum letzten Mal auf - beim UZ-Pressefest der Deutschen Kommunistischen Partei in Dortmund. In seiner österreichischen Wahlheimat stirbt er am 15. Februar 2013; nur ein Jahr später sollte ihm seine Christel folgen.

 

Dietrich Kittners Biographie wird u.a. vervollständigt durch eine mehrseitige Bibliographie und Diskographie sowie durch eine Auflistung aller Programme und deren Premierendaten.

 

Damit ist Sylvia Remé ein wirklich großer Wurf gelungen. Bei aller notwendigen wissenschaftlichen und publizistischen Distanz spürt man ihre warmherzige Empathie für den Ausnahmekünstler Dietrich Kittner, der im offiziellen Bundes-Deutschland überwiegend eine ungeliebte „Un-Person" war.

 

Kritisch anzumerken ist jedoch, bei aller Würdigung dieser Publikation, daß sich die Autorin leider doch oftmals bundesdeutschen Sprachregelungen unterworfen hat. Wirklich schlimm ist es aber nur, wenn sie bezüglich des Vietnam-Krieges und seiner Ursachen absolut unkritisch „Wikipedia" kolportiert.

 

Dennoch kann und will der Rezensent Sylvia Remés Kittner-Porträt nur wärmstens empfehlen! Möge es eine weite Verbreitung finden, gerade angesichts immer flacher werdender TV-Kabarett-Sendungen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Sylvia Remé: Dietrich Kittner. Porträt einer Kabarettlegende. 304 S.mAbb. Paperback. Zu Klampen-Verlag. Springe 2020. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86674-617-6

 



 
28.06.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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