V.S. Gerlings "Das Programm" – ein Thriller vom Feinsten!

WEIMAR. (fgw) Wem gebührt das größere Lob? Dem begnadeten Erzähler V.S. Gerling? Oder dem ambitionierten Bookspot-Verlag und seiner Lektorin Eva Weigl für die kurzentschlossene zusätzliche Aufnahme des Manuskripts in das Verlagsprogramm? Schwer zu sagen, denn wirklich großer Dank ist allen Beteiligten zu sagen, die an der Edition des Thrillers "Das Programm" beteiligt sind. Vor allem ist zu sagen, daß es sich bei diesem Roman um einen Thriller vom Feinsten handelt.


Um einen Thriller mit Inhalt, echtem Hintergrund und kaum glaublichen, aber dennoch realen Abgründen. Gerlings Roman ist ein Thriller, bei dem es nicht um den Thrill, also den Nervenkitzel, an sich geht. Nein, der Thrill erwächst ausschließlich aus einigen der Geschichte tatsächlich zugrundeliegenden inhumanen Forschungsprogrammen und aus dem Agieren und Reagieren der einzelnen Charaktere. Und natürlich aus dem Schreib- und Erzähltalent des Autors.

 

Zur Story, hier mit Absicht nur kurz skizziert: In München geschehen zwei extrem brutale Morde an jungen Frauen, die post mortem auch noch vergewaltigt wurden. Morde wie im Blutrausch verübt. Mit den Ermittlungen werden zwei zu diesem Zeitpunkt in München zu einem Seminar weilende BKA-Kriminalisten beauftragt: Nicolas Eichborn, ein Zielfahnder, der sich nach einer schweren Verletzung im Einsatz eigentlich noch in der Reha befindet, sowie die Fallanalytikerin (nicht Profilerin!) Helen Wagner, die - wie sich erst später herausstellt - aus einer Multimillionärsfamilie stammt. Bald geschehen weitere Morde - immer blutrünstiger und in immer kürzeren Abständen - in anderen Städten. Welcher Psychopath könnte dahinterstecken? Eine Antwort auf diese Frage läßt sich nicht finden. Bis ein Zufall dann auf die Spur des Serienkillers führt... Dieser ist eine junge zierliche Frau, Karoline Stegmann, die sich dann sogar selbst der Polizei stellt. Sie redet freimütig über die Mordfälle und verläßt dennoch den Verhörraum als freier Mensch, denn eine Schuld läßt sich nicht beweisen. Wegen der Schwere dieses Verbrechens schalten sich nun der karrieregeile Yuppie-Generalstaatsanwalt Christian Stoll und Staatssekretär Erwin Schlossmann aus dem Bundesinnenministerium in die Ermittlungen ein.

 

Lange stehen Eichborn und Wagner vor einem Rätsel, bis sie auf die obskure Psychosekte "New Horizon" des Leonard König stoßen. Und auf deren Verbindung zu einem namhaften Neurologie-Professor.

 

Diese Sekte versprach ihren Kunden - gegen immense Zahlungen - Bewußtseinserweiterungen, um leistungsstärker zu werden. Doch in Wirklichkeit ging es neben dem Geschäft auch um das Finden von Probanden für ein wissenschaftliches Programm, mittels dessen per Bewußtseinsmanipulation perfekte Killer erschaffen werden sollten. Ein US-Programm unter Beteiligung bundesdeutscher Wissenschaftler, das inoffiziell noch immer existierte.

 

Derweil kommen sich Eichborn und Karola Stegmann näher, denn beide eint das Ziel, die Verbrechen und die wahren Schuldigen aufzudecken. Jeder auf seine Weise, wobei Eichborn es auf seine Kappe nimmt, der "Killerin" jedwede Unterstützung zu geben. Eichborn will Gerechtigkeit, Stegmann Rache für das ihr angetane Verbrechen.

 

Die beiden Ermittler kommen den Programm-Verantwortlichen immer näher. Sie werden daher vom Staatssekretär in wahrsten Sinne des Wortes zum Abschuß freigegeben, gegen Eichborn wird sogar eine regelrechte Menschenhatz gestartet. Doch Eichborn hat Freunde, zu denen auch sein Chef Kriminaldirektor Rainer Schranz gehört - ebenso wie Kollegen von BKA (Bundeskriminalamt) und Bundesnachrichtendienst (BND). Er kann also verdeckt weiter ermitteln und gerät so bald in größte Lebensgefahr, in Gefahr, selbst ein Proband des Programms zu werden. Ein scheinbarer Unterstützer, Oberst Klaus Haferkamp vom MAD, dem Militärischen Abschirmdienst, spielt dabei ein Doppelspiel. Es gelingt ihm zwar, Eichborns Vertrauen durch detaillierte und wahre Information über das Programm zu gewinnen. Aber nur, um ihn dem Leiter des Programms auszuliefern. In letzter Minute gelingt es Schranz und Wagner, auch wegen der Hinweise der Stegmann, Eichborn zu retten und den Programm-Verantwortlichen aufzuspüren. Doch dieser verläßt eine Befragung als freier Mann, denn er weist den Kriminalbeamten einen echten US-amerikanischen Diplomatenpaß vor und kann flugs unbehindert in die USA ausreisen. Doch damit ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende...

 

Es bleibt spannend bis zur letzten Seite. Wobei es hier nicht so sehr auf die Frage ankommt, wer der Mörder ist, die wird ja bereits frühzeitig beantwortet. Wichtiger ist die Frage des Warum und Wie und die nach dem eigentlichen Hintermann.

 

V.S. Gerling hat seinen Roman übrigens nicht nur wie üblich in Kapitel eingeteilt, sondern zusätzlich noch in vier Phasen, die Bezug nehmen auf die Phasen des Programms der Psychosekte:

 

erstens, Erkenntnis; zweitens, Nullpunkt; drittens, Neu-Programmierung und viertens, Wiedergeburt. Erzählt wird das Ganze aus der Ich-Perspektive des Nicolas Eichborn. Ergänzend dazu gibt es fünf kurze "Zwischenspiele", in denen Killerin und Manipulator agieren.

 

Der Thriller lebt zu einem beachtlichen Teil durch die Figuren. Gerling hat deren Charaktere mal intensiver, mal auch nur kurz gezeichnet. Doch sowohl auf die eine Art als auf die andere Art werden die jeweiligen Figuren authentische Akteure.

 

Vor allem der Protagonist mit seiner lockeren, unverkrampften Redens- und Verhaltensweise insbesondere gegenüber vorgeblichen Autoritäten überzeugt. Überzeugt mit seinem Sarkasmus, mit seinem eigenwilligen Humor, der durchaus als subversiv bezeichnet werden darf. Auch keine übliche 08/15-Kommissarin ist die erfrischend anders wirkende und sehr sympathisch 'rüberkommende Figur der Helen. Daß die sich rasch anbahnende Liebesgeschichte beider nicht aufgepfropft und überflüssig ist, liegt daran, daß es angesichts der extremen Herausforderungen bei diesen Ermittlungen einer noch engeren ganz persönlichen Bindung als nur der formal dienstlichen bedarf. Die Figur des Schranz wächst im Laufe der Zeit von einem eher mißtrauisch beäugten Schreibtisch-Chef zu einem wirklichen Freund. Einer, der unkonventionelles, aber zielführendes Ermitteln, nicht nur toleriert, sondern dezent unterstützt. Dabei ist ja Eichborn mit seiner Renitenz und seiner Abneigung gegen Schreibtischhengste wahrlich kein pflegeleichter Untergebener.

 

Das Charakterbild der Karoline Stegemann wird allmählich offenbarer, im Laufe der Zeit kommt sogar ihre eigentliche Identität wieder zum Vorschein.

 

Sehr treffend sind mit relativ wenigen Worten die Figuren der Gegenspieler König, Stoll, Schlossmann sowie des MAD-Mannes Haferkamp gezeichnet.

 

Und gerade durch sie stellt dieser Roman auch ein Abbild der bundesdeutschen Gesellschaft von heute dar mit ihren unfähigen Managern und "Experten" in Politik, Staatsbürokratie und Wirtschaft. Das kommt z.B. in einem Gedankengang Helens zum Ausdruck:

 

"Eichborn wurde eine sehr gute Auffassungsgabe bescheinigt, gepaart mit einer außerordentlichen Kreativität. Weiter hieß es, er wäre eigensinnig mit potenziellem Hang zum Jähzorn. Darüber hinaus neigte er zur Aufsässigkeit gegenüber Vorgesetzten, die nicht seinen Qualitätsstandards entsprachen. Helen mußte schmunzeln. Früher galt ein solches Urteil als eine Art Gütesiegel. Man suchte starke Persönlichkeiten. Heute sah das häufig ganz anders aus. Schwache Chefs suchten sich noch schwächere Führungskräfte, die wiederum noch schwächere Mitarbeiter um sich scharten." (S. 26)

 

Eichborn treibt bei seinen Ermittlungen etwas um, etwas das nicht wenige Menschen bewegt. Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit. Angesichts dieser extremen Verbrechen, also des massenhaften Mißbrauchs von Menschen als Versuchskaninchen, ihrer Abrichtung zu bedingungslosen lebenden Mord-Automaten, sinniert der Ich-Erzähler bezugnehmend auf die eindeutigen Beweise:

 

"...Das würde für einen Haftbefehl reichen. Allerdings hatte ich nicht vor, diesen zu beantragen. Es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Es gibt aber auch einen schmalen Grat zwischen Gerechtigkeit und Rache. Ich wollte Rache. Das war ein Widerspruch, ich mußte mich entscheiden. Na ja. Eigentlich hatte ich mich längst entschieden. Ich schrieb Karoline eine SMS bestehend aus einem einzigen Wort. Es war sein Name." (S. 418/419)

 

Auch wenn Rache vom Standpunkt der Humanität aus eigentlich abzulehnen ist, so dürfte dennoch der Leser dieses Thrillers der Gerechtigkeit wegen das unkonventionelle Handeln des Protagonisten billigend in Kauf nehmen. Denn in solchen Fällen, wie denen der Handlung zugrundeliegenden, dürfte das Recht wohl kaum zu seinem Recht kommen.

 

Im Übrigen, wer mehr über solch reale Programme und Projekte, wie "Artischocke" und "MK-Ultra" erfahren möchte, dem benennt der Autor einen link zu von der CIA freigegebenen diesbezüglichen Unterlagen.

 

Abschließend: V.S. Gerlings Roman ist locker erzählt und flott geschrieben, was Tiefgründigkeit und Spannung sogar befördert. Und, dieser Roman behandelt - eher unausgesprochen - noch ein Paradoxon, denn seine Helden, das sind bundesdeutsche Beamte mit Zivilcourage.

 

Siegfried R. Krebs

 

V.S.Gerling: Das Programm. Thriller. 448 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. München 2014. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-017-4

 



 
09.08.2014

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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