Warum ein Atheist den Bau einer Kirche aus Holz verfügte

WEIMAR. (fgw) Arto Paasilinna (geb. 1942) gilt in seiner finnischen Heimat als Kultautor. Dem Rezensenten sagte dieser Name aber bis zum Jahreswechsel 2018/2019 nichts. Nur durch Zufall stieß er da auf seinen Roman „Nördlich des Weltuntergangs“.


Dieser Roman wurde bereits im Jahre 1992 geschrieben und erstmals 2003 ins Deutsche übersetzt. Und das ist durchaus bemerkenswert, denn in Paasilinnas Buch spielen eine globale Finanzkrise sowie eine millionenfache Flüchtlingswelle nach Mittel- und Nordeuropa eine nicht unwesentliche Rolle. Fast könnte man meinen, der Autor sei ein Hellseher, hat er doch - wenngleich mit anderen Fakten - Ereignisse zwischen 2007/2008 und 2015 bis heute „vorhergesagt".

 

Doch nicht um diese Thematik soll es hier gehen. Nein, hat doch Paasilinna seinem in jeder Hinsicht lesenswerten Roman vielmehr ein ganz anderes Thema zugrunde gelegt! Nur darauf soll im weiteren eingegangen werden, handelt es sich dabei um ein gar köstliches Beispiel von Kirchen- und Religionskritik voller eigenwilliger, skurriler Witzigkeit.

 

Und das alles beginnt anno 1991 so: Ein gewisser Asser Toropainen, der mit seinen 89 Jahren als „der alte Kirchenbrandstifter", Atheist und „eingefleischter Kommunist" vorgestellt wird, liegt im Sterben. Seine weibliche Verwandtschaft im lutherisch geprägten Finnland möchte, daß er des Seelenheils willen vor dem Ableben noch einem Geistlichen seine Sünden bekennt... Aber der alte Mann fügt sich nicht und erweist sich selbst in seinen letzten Lebenstagen als wahres Schlitzohr:

 

„'Kommt mir bloß nicht mit einem salbadernden Priester..., aber schafft einen Notar her. Das Testament muß ins Reine gebracht werden.' Der Notar wurde geholt, das Testament auf den letzten Stand gebracht und gleichzeitig die Asser-Toropainen-Kirchenstiftung gegründet." (S. 8)

 

Diese Passage sorgt zunächst für Verblüffung beim Leser. Denn ist es nicht paradox, daß ausgerechnet ein Atheist und Kommunist zum Gründer einer Kirchenstiftung wird? Und es kommt noch paradoxer, denn besagter Toropainen ist überdies sogar Millionär mit hohem Bankkonto und relativ großem Grundbesitz... Doch gemach, der alte Mann wußte, was er tat... Es stellt sich schon bald heraus, daß er klaren Verstandes bis zuletzt auch ein strategischer Denker ist.

 

Im Text geht es so weiter:

 

„Der Karfreitag brach an. (...) Im Radio wurde der Gottesdienst übertragen. Der Priester fand harte Worte für den gewaltsamen Tod Jesu vor zweitausend Jahren, sodaß der Eindruck entstand, die Finnen wären schuld an der besagten Gräueltat. Asser befahl den Frauen, das Radio auszuschalten. (...) Gegen Mittag trat sein höchst lebendiger Enkel Eemeli Toropainen in die Stube, ein kräftiger Mann von 45 Jahren, ehemals Direktor der Nordischen Holz-Haus AG." (S. 9)

 

Man erfährt, daß dieses mittelgroße Unternehmen wegen der Rezession in Konkurs gegangen war und daß sämtliche Angestellten nun arbeitslos seien. Eemelis erste Worte an den Großvater sorgten sich aber nicht um dessen körperliches Befinden, sondern um dessen geistiges befinden:

 

„'Der Notar erzählte, daß du eine kirchliche Stiftung gegründet hast. Bist du auf einmal fromm geworden, oder was ist passiert?', fragte Eemeli.

(...Asser gibt nun seinem Enkel die notariell beglaubigten Papiere zu lesen...)

Es handelte sich um die ordnungsgemäß aufgesetzte Gründungsurkunde einer Stiftung und ein Testament, in dem der Stiftung 800 Hektar Forst-Land und gut zwei Millionen Finnmark Vermögen vermacht wurden sowie Wertpapiere von etwa einer Million. (...) Aus der Zweckbestimmung der Stiftung ging hervor, daß diese die Aufgabe hatte, mindestens eine (1) Holzkirche zu erbauen und zu unterhalten." (S. 10)

 

Und daß Asser seinen Enkel als Stiftungsvorsitzenden und Testamentsvollstrecker eingesetzt habe. Eemeli kam ins Grübeln:

 

„Die angebotene Aufgabe reizte ihn, gar keine Frage. Aber was steckte dahinter? War der Alte senil, der frühere Kirchenfeind fromm gworden? (...) Der Großvater wurde ein wenig verlegen. Noch nie hatte jemand an seinem Verstand gezweifelt. (...) Er glaube zwar nicht an Gott und Jesus Christus, aber irgendwie scheine es ihm angemessen, eine Kirche errichten zu lassen. Aus reinem Jux habe er sich die Sache ausgedacht.

'Sozusagen zur Erinnerung. Und du als Fachmann für Holz und Balken kriegst zur Abwechslung mal wieder Arbeit.'

Asser führte weiter aus, daß seines Wissens für ein derartiges Bauvorhaben keine allgemeine oder offizielle Begründung notwendig sei. (...) Wenn er im Dorf eine Furnierholzfabrik errichten ließe, würde sie vermutlich bald nach seinem Tod Pleite machen. Was hätte das für eine Zweck? 'Eine Kirche aber macht nicht Pleite!' - 'Aber wenn jemand kommt und deine Kirche in Brand steckt?' - 'Dann kannst du nichts machen. Du kassierst die Versicherungssumme und baust eine neue.' (...)

Der Großvater verwies auf die Gründungsurkunde der Stiftung. (...) Eine Kirchgemeinde zu gründen, war nicht unbedingt erforderlich. Was den Pastor anging, war überhaupt nichts erwähnt. Der bloße Kirchenbau genügte." (S. 11-13)

 

Kurz nach diesem Gespräch verstirbt der alte Asser und Eemeli macht sich an die Arbeit, des Großvaters Vermächtnis mit Leben zu erfüllen. Auf dem ererbten Grundstück wird eine Holzkirche nach Eemelis Entwürfen errichtet und seine früheren Mitarbeiter haben damit ebenfalls für längere Zeit Arbeit und Einkommen.

 

Während des Baugeschehens kommt es immer wieder zu Begegnungen der besonderen Art, sind doch die etablierten lutherischen Bischöfe und Pastoren keinesfalls erfreut über diesen ketzerischen Kirchenbau. Ihnen wäre es lieber, Assers großer Nachlaß käme in ihre Verfügungsgewalt. Zumal sie ja viel besser wüßten, wie man die Gelder „anlegen" könnte... Der Klerus arbeitet ab nun mit allen Tricks gegen das Stiftungsprojekt und schaltet dabei staatliche Behörden, wie Bauausschüsse, das Finanzamt und die Polizei, ein.

 

Mit dem Projekt können sich aber dagegen die Grünen (Vegetarier und Veganer) anfreunden, die sich auf Stiftungsgrundstücken niederlassen und dort schließlich auch bleiben dürfen. Sie bekommen aber - als weltfremde Sektierer anderer Art - vom Autor dankenswerterweise ebenso ihr Fett weg wie die Priesterkaste. Es sind auch gerade die diesbezüglichen Passagen, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern mehr noch zum Nachdenken anregen.

 

Die Handlung des Romans zieht sich im folgenden über einen Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrhundert hin. Erfolge und Widrigkeiten paaren sich steter Regelmäßigkeit. Bis hin zur Groteske, wollen doch nicht nur die Amtskirche, sondern dazu diverse Sekten und sogar US-amerikanische Heuschreckenfonds/Organhändler das Projekt kapern und für ihre Zwecke umfunktionieren. Solche Angriffe von außen können aber abgewehrt werde, auch wenn diese Typen Eemeli für einige Jahre in ein dänisches Geefängnis stecken können. In Finnland selbst müssen und können sich aber aufgrund globaler Ereignisse alle Seiten irgendwie miteinander arrangieren und ein mehr oder weniger autarkes sselbstbestimmtes „Paradies" aufbauen, das sogar dem Weltuntergang zu widerstehen vermag...

 

Paasilinnas Roman liest sich von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur spannend und zugleich amüsant. Eingebettet in das große Ganze sind gekonnt auch diverse Einzelschicksale. Humor und Satire, dazu Groteskes und Absurdes sowie Gesellschaftskritik, einschließlich der Kirchenkritik, sind hier eine gute Liaison eingegangen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Arto Paasilinna: Nördlich des Weltuntergangs. Roman. A.d.Finn.v. Regine Pirschel. 318 S. Taschenbuch. BLT u. editionLübbe. Bergisch Gladbach 2005. 7,95 Euro. ISBN 978-3-404-92192-5

 



 
16.02.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ