Was bezweckte Enrietta bloß mit ihrem Vermächtnis?

WEIMAR. (fgw) Im Pendragon-Verlag ist in diesem Frühjahr Sylvia Madsacks Roman „Enriettas Vermächtnis“ erschienen. Darin geht es aber nicht nur um eine horrende Erbschaft, sondern nicht minder um ein dunkles Geheimnis. Die „Aufklärung“ dieses Geheimnisses und sich offenbarender menschlicher Abgründe gelingt der Autorin, die studierte Psychologin ist, auf bemerkenswerte Weise.


Der renommierte 62jährige argentinische Schönheits-Chirurg deutsch-italienischer Abstammung Emilio Volpe erhält von einem Züricher Rechtsanwalt Kunde, daß die im Alter von 85 Jahren verstorbene weltbekannte Schriftstellerin Enrietta da Silva ihn als Erben eingesetzt habe. Er müsse aber diesbezüglich in die Schweiz kommen. In Zürich erfährt Emilio, daß es mit der Salzburger Schauspielerin Jana Horwarth eine gleichrangige Miterbin gibt. Jana ist um die 40 und wegen eines Bühnenunfalls gehbehindert. Enrietta hatte diese junge Frau einst quasi als Ziehtochter angenommen. Als beide beim Testamentsvollstrecker vorstellig werden, teilt dieser ihnen mit, daß das Erbe neben Immobilien Sachwerten auch Geldvermögen in Höhe von etwa 15 Millionen Schweizer Franken beinhaltet. Beide hätten aber eine gewisse Zeit, sich zu entscheiden, ob sie das Erbe auch annehmen wollen.

 

Der Anwalt will wissen, warum Enrietta gerade Emilio als Erben eingesetzt hatte. Der erzählt kurz seine Lebensgeschichte: Enrietta war eine begabte Studentin seines Vaters, eines Literaturwissenschaftlers, die aber von einem verheirateten Tango-Musiker geschwängert worden war. Emilios Vater nahm die junge Frau und deren Kind auf. Letzteres verschweigt Emilio aber, will er doch die Ehre der später weltberühmten Schriftstellerin wahren. Ja, er überlegt sogar das Erbe sofort auszuschlagen („um ihr Andenken zu schützen"). Denn Enrietta lehnte dieses Kind vehement ab und erwähnte es zeit ihres Lebens nirgendwo. Warum hat sie das eigene Kind vom Erbe ausgeschlossen? Emilio hat nur in Erinnerung, daß ihr Sohn Armando auf die „schiefe Bahn" geriet und hält ihn für einen reich gewordenen Schwerkriminellen, der es vermag, andere Menschen zu manipulieren.

 

Im Laufe der Bedenkzeit kommen sich Emilio und Jana näher. Da erscheint eines Tages Armando in Zürich und fordert sein Erbe ein. Die Rechtslage ist klar und auf seiner Seite: Auch wenn er im Testament nicht bedacht worden ist, steht ihm nach dem geltenden Schweizer Recht ein Pflichtteil in Höhe von sage und schreibe 75 Prozent zu. Und, Emilio hat sich sogar wegen des Verschweigens von Armandos Existenz strafbar gemacht, wobei die zu erwartende Strafe nicht gerade gering ist.

 

Es kommt zu haßerfüllten Begegnungen zwischen Emilio und Armando. Letzterer nähert sich aber auch Jana an und gewinnt deren Vertrauen. Obwohl wenn sie von Emilio laufend gewarnt wird. Die drei Menschen treffen sich immer wieder, obwohl Jana sich nach Salzburg zurückbegibt. Während die Gräben zwischen den beiden Männern immer tiefer werden, kommen Armando und Jana sich doch näher. Da verschwindet Emilio plötzlich. Und wird verletzt und verwirrt in Paris aufgefunden. Jana eilt zu ihm und bringt ihn wieder nach Zürich...

 

Und mit der Zeit erschließt sich dem Leser die wahre Geschichte Enriettas. Die so bald nicht mehr die Lichtgestalt ist, als die sie bislang galt. Vieles ist anders als es schien und noch scheint. Sylvia Madsack beläßt es aber nicht bei den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Jana und Emilio bzw. Armando, die eine Melange aus Freundschaft, Sexualität, Liebe sind. Sie zeichnet vielmehr die Psychogramme von Emilio, der nun sein Leben und selbst seine Ehe hinterfragt, und ein verblüffendes von Armando. Was der ist und wie er das geworden ist, das soll hier aber nicht gesagt werden. Man kann durchaus andeuten, daß Enriettas Vermächtnis letzlich anders ausfällt, als sie sich das gedacht hatte. Sie konnte drei konkrete Menschen letztlich doch nicht instrumentalisieren - das Mutter-Kind-Problem findet nach ihrem Tode so eine Lösung, eine überraschende Lösung.

 

Sylvia Madsacks Roman überzeugt durch eine gute Erzählsprache ganz ohne modische und überflüssige Schnörkel. Auch wenn es grundlegende Wendungen und verblüffende Überraschungen / Entwicklungen gibt, so sind diese dank der gekonnt gezeichneten Psychogramme der drei Protagonisten glaubhaft. Allerdings dürfte dieses Buch jedoch wohl eher eine weibliche Leserschaft finden. Und - dem Verlag sei an dieser Stelle noch für die gediegene Aufmachung des Buches Dank gesagt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Sylvia Madsack: Enriettas Vermächtnis. Roman. 286 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2021. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-749-9

 

 



 
17.06.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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