Was „christliche Werte“ doch in Wirklichkeit wert sind...

WEIMAR. (fgw) Silvia Stolzenburg erzählt gute Geschichten, interessante Geschichten, dazu überaus spannende. Alles zwar nur fiktional, aber dennoch ein hohes Maß an Authentizität atmend – auch wenn diese Ereignisse und Charaktere gut 600 Jahre vor dem Hier und Heute „angesiedelt“ sind. Ja, so wird Geschichte lebendig, wird sie emotional erfahrbar. Das tut der eigenen Bildung gut, obwohl es ja eigentlich nur Unterhaltungsliteratur ist. Allerdings Unterhaltungsliteratur auf höchstem Niveau.


Das Gesagte gilt ohne Einschränkung für die Reihe über die aus Konstantinopel stammende Salbenmacherin Olivera, die es durch Liebe und Ehe ins katholische Süddeutschland verschlagen hatte. Nunmehr liegt bereits der vierte Band, „Die Salbenmacherin und der Engel des Todes", vor, der im September des Jahres 1409 spielt.

 

Die hochschwangere Olivera und ihr Mann Götz haben sich, allen Widrigkeiten zum Trotz, nun in der Freien Reichsstadt Nürnberg etablieren können. Götz ist amtlich bestallter Stadtapotheker und Olivera geht ihm als Kräuter- und Heilkundige zur Hand. Insbesondere kümmert sie sich um eigene Kunden im Heiliggeist-Spital. Sowohl um reiche und gutzahlende dort lebende Alte als auch um die Armen in der Siechenstube.

 

All das, und hinzu kommt, daß sich Götz gerade um einen Sitz im großen Rat der Stadt beworben hat, läßt ihre alten Neider und Feinde nicht ruhen. Insbesondere den Medicus nicht, einen aufgeblasenen Quacksalber, der unbedingt auch Ratsherr werden will, der - mehr noch als das - selbst eine Apotheke betreiben möchte. Apotheken waren ja schon damals ein ein überaus lohnendes Geschäft.

 

Und so schmieden der Medicus und der Spitalmeister eine böse Intrige, um nicht nur Olivera auszuschalten, sondern auch um Götz unmöglich zu machen. Wer aber ihre Verbündeten, vielmehr ihre Hintermänner sind, das bleibt im Dunkeln...

 

Olivera hat gerade einen Brief aus Konstantinopel erhalten mit der Mitteilung, daß ihre geliebte Großmutter und Lehrmeisterin verstorben sei. Dennoch zerbricht sie nicht, geht weiter ihren freiwilligen Pflichten im Spital nach. Dort und in Götzens Apotheke aber gehen seltsame Dinge vor sich.

 

Der elfjährige Jona ist inzwischen Lehrjunge in der Apotheke. Eines Nachts erwischt er einen Einbrecher. Der ist niemand anderes als sein Kumpel Casper. Aus falsch verstandener Freundschaft läßt Jona diesen entkommen. Dafür wird nun aber er des Diebstahls verdächtigt. Zeitgleich kommt es zu etlichen Todesfällen im Spital. Reiche Alte sterben da ebenso wie arme Wöchnerinnen. Und einer der Alten hatte zuvor noch sagen können, daß nachts im Spital eine Frau, ein Engel umher gehen würde. Im Spital arbeitet inzwischen auch Gerlin, die dem Leser aus Band 3 bekannte „Hure". Sie bemerkt, daß einer der Priester den jungen Mägden hintersteigt und diese mißbraucht. Und der macht auch ihr drohend unsittliche Angebote. Kurz darauf nimmt sich eine dieser Mägde das Leben.

 

Und es kommt wie es kommen mußte, lautstark verdächtigt der Medicus Olivera des Giftmordes in mehreren Fällen. Sie wird verhaftet, doch der städtische Henker Jacob läßt sie entkommen. Er glaubt den Verdächtigungen nicht. Gerlin iherseits vermutet, daß der Priester hinter einigen der Todesfälle steckt. Olivera wird aber auf der Flucht schwer verletzt und kann sich nur mit Mühe auf eine Insel im Fluß retten. Dort hat Casper sein Versteck, dort befindet sich mittlerweile auch Jona. Er war der Verdächtigungen leid und hat sich daher seinem Freund aus Bettlertagen wieder angeschlossen.

 

Doch mit Oliveras Eintreffen müssen sich die beiden Jungen entscheiden. Casper bestiehlt die Frau, die ums Überleben kämpft, und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Jona hingegen überwindet seine Ängste und kehrt zur Apotheke zurück. Braucht doch Olivera dringend ein warmes Bett und Arzneien. Doch da muß er erfahren, daß inzwischen auch Götz verhaftet worden ist. Der hatte den Spitalmeister entführt, um zu erfahren, wer hinter der Intrige gegen Olivera steckt. Dennoch gelingt es Jona, zusammen mit Götzens Gesellen Olivera heimzubringen. Auch Gerlin war unterdes nicht untätig. Sie hat entdeckt, wer die Giftmorde begangen hatte und wo das Gift versteckt ist. Doch niemand will ihr glauben, auch sie soll nun verhaftet werden. Also verläßt sie das Spital und geht ebenfalls in die Apotheke.

 

Gerlin übernimmt es, eine Hebamme zu rufen. Denn der fast zu Tode geschwächten Olivera droht eine Totgeburt. Das wird beobachtet und Olivera soll erneut verhaftet werden. Doch es fügt sich nun eins zum anderen, auch wenn inzwischen der Medicus selbst die Flucht ergriffen hat.

 

Wie das ganze aber weitergeht und was dieses Abenteuer für alle Beteiligten noch bereithält, das mag sich jeder selbst erlesen.

 

Was nun aber hat diese Geschichte mit den in der Überschrift genannten „christlichen Werten" zu tun?

 

Vieles. Da ist zum einen die Intoleranz, ganz wie es das erste sogenannte Gebot im Kern fordert! Ist doch Olivera nicht nur Frau, sondern als Griechin dazu Ausländerin und als griechisch-orthodoxe Christin - trotz Konvertierung - auch noch eine Andersgläubige. Und dann, und das vor allem, ist sie heilkundig, also gefährliche Konkurrenz für alle männlichen Quacksalber. Und selbst Götz ist in Nürnberg ja nur ein Zugewanderter. Oliveras achso christliche Widersacher, ja Feinde, werden allesamt getrieben von Neid, Mißgunst, Niedertracht, Hab- und Machtgier, sprühen nur vor Scheinheiligkeit und Heuchelei. Das wurde ja schon in den Bänden 1 bis 3 deutlich.

 

Es kann also der Frömmste in Frieden nicht leben, weil es dem hab- und machtgierigen Nachbarn nicht gefällt. Nichts da also mit der immer wieder hochgejubelten „christlichen Nächstenliebe". Und wenn man dann noch sieht, mit welcher Falschheit der Pfaffe sich die Mägde sexuell gefügig machte... Kein Wunder, wenn die Autorin ihre Heldinnen Olivera und Gerlin nicht nur einmal gotteslästerliche Gedanken angesichts pfäffischen Salbaderns durch den Kopf gehen läßt.

 

Bei alledem geht es in diesem Band nicht zuletzt um Loyalität und Freundschaft. Das betrifft insbesondere Jona. Silvia Stolzenburg macht nicht den Fehler, in Betteljungen wie Jona und Casper, „edle Wilde" zu sehen. Nein, beide sind als real mögliche Charaktere angelegt, die sich entscheiden müssen. Jona nimmt eine gute, wenngleich nicht widersprüchliche Entwicklung. Casper hingegen ist durch und durch der Verbrecher, der er durch die Umstände geworden ist.

 

Diese aufwühlende Geschichte zieht ihren Leser bis zur letzten Zeile in den Bann. Und man darf daher auf Fortsetzung(en) gespannt bleiben.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Die Salbenmacherin und der Engel des Todes. Historischer Roman. 378 S. geb. Gmeiner-Verlag. Maßkirch 2019. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2423-6



 
03.03.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ