Was gehört zu Deutschland? Und was ist mit dem Humanismus?

WEIMAR. (fgw) Gut zehn Jahre nach ihrer Gründung ist die Humanistische Akademie Deutschlands (HAD) „auf Tour“ gegangen und hat erstmals außerhalb der Bundeshauptstadt eine wissenschaftliche Konferenz durchgeführt. In Kooperation mit dem HVD-Landesverband „Die Humanisten Baden-Württemberg, K.d.ö.R.“ fand am 17. und 18. Juni 2016 im Humanistischen Zentrum Stuttgart eine überaus gut besuchte Konferenz mit dem absichtlich provokativen Titel „Was gehört zu Deutschland?“ statt. Nein, es ging dabei nicht vordergründig um den Islam und entsprechende Scheindebatten in Politik und Feuilleton oder am Stammtisch.


Horst Groschopp (Foto: SRK)

Insgesamt sieben Vorträge wandten sich sowohl aus aktueller als auch aus historischer Sicht der Frage zu, wer oder was alles zu Deutschland - „Was ist eigentlich Deutschland?" -(dazu-)gehört? Und es ehrt die HAD immer wieder, daß sie bei ihren Veranstaltungen nicht nur Humanisten, Freidenker, Religionsfreie, Humanisten oder Atheisten zu Wort kommen läßt, so jetzt auch hier in Stuttgart. Denn Humanisten wollen nun mal keine absoluten Wahrheiten verkünden, sondern sich im offenen Dialog mit anders Denkenden und Gläubigen aller Religionen der Wahrheit annähern.

 

Praktisches, Theologisches, Juristisches

„Selber denken - (praktischer) Humanismus in Pädagogik und Erziehung", darüber sprach Ulrike von Chossy, die Leiterin der Humanistischen Grundschule in Fürth. Sie machte mit diesem Thema schon deutlich, warum Humanismus zu Deutschland gehören muß (das selber-denken erlernen und in Handeln umsetzen) und daß ein so verstandener Humanismus in Deutschland punktuell schon da ist.

 

Angesichts der in Deutschland unkritischen Luther-Jubelfeiern sprach der Theologe und Kulturhistoriker Enno Rudolph von der Universität Luzern über „Reformation statt Renaissance - Luthers Kampf gegen die humanistische Freiheit": Humanismus (als Weiterentwicklung der italienischen Renaissance) sei in deutschen Landen auf Grund von Luthers kompromißloser Verwerfung der Idee der menschlichen Freiheit verhindert worden - mit Folgen bis in unsere Zeit.

 

Ausgehend von den aktuellen Mainstream-Debatten wurde der Vortrag des Leiters des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, über „Humanismus und Islam" mit großer Spannung und Erwartungshaltung aufgenommen. Ein Zuhörer konnte in der Diskussion diesen Vortrag jedoch nur als eine Predigt klassifizieren, für die auf typische Theologen-Art selektiv nur wohlfeile Stellen aus den jeweiligen „Heiligen Schriften" anstelle von sachlichen Argumenten zusammengestellt worden sind. Auffallend war insbesondere, daß Khorchide große Schwierigkeiten mit Begriffen wie Atheismus, Humanismus und Laizismus hat und diese in der Regel gleichsetzend gebrauchte. Der Wert seines Konferenzbeitrages dürfte darin bestehen, daß wohl nahezu alle Teilnehmer erstmals einen islamischen Theologen „leibhaftig" erleben konnten und sich in Debatten nicht mehr auf ein Wissen „aus Hörensagen" verlassen brauchen.

 

Wenn es um die Frage geht, was alles zu Deutschland gehört bzw. gehören darf, dann kommt man auch um juristische (verfassungs-, körperschafts- und vereinsrechtliche) Fragen nicht herum. Genau darum ging es im sehr lebendig gehaltenen Vortrag des HAD-Vizepräsidenten Thomas Heinrichs, Berliner Rechtsanwalt und Philosoph „Wie offen ist das deutsche Religions- und Weltanschauungsrecht?" Mit der Zuspitzung auf die Frage „Ein Recht für die Kirchen oder ein Recht für alle?" gab er eigentlich schon die Antwort auf die bundesdeutsche Realität. Und er trug u.a. diese Schlußfolgerungen und Erfordernisse vor:

 

Es gibt einen erheblichen Reformbedarf im Recht der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Große Teile der Politik verweigern sich dem jedoch konsequent und fordern stattdessen, alle (nichtchristlichen) Religionen sowie die Weltanschauungen sollten sich eben wie Kirchen organisieren. Dies verstößt aber gegen die Religionsfreiheit und das staatliche Neutralitätsgebot, ist integrationspolitisch kontraproduktiv, verschärft soziale Spannungen und fördert das Aufkommen rechtspopulistischer Strömungen und Parteien.

 

Aus humanistischer Perspektive ist es erforderlich, zwischen humanistischer Religionskritik und humanistischer Toleranz im Einzelfall eine angemessene Lösung zu finden, die einerseits Religionsgemeinschaften gegenüber Weltanschauungsgemeinschaften und Konfessionsfreien keinen privilegierten Status zuweist, andererseits aber allen Religions-/Weltanschauungsgemeinschaften und Konfessionsfreien innerhalb des rechtlichen Rahmens, den der Staat Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften bietet, Gleichbehandlung und Chancengleichheit gewährt.

 

Humanismus und HVD, HVD und Humanismus

Den zeitlich kürzesten Beitrag steuerte der Kulturwissenschaftler und frühere Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschland (HVD) Horst Groschopp mit der Fragestellung „Gehört der Humanismus zu Deutschland?" bei. Er bezog sich damit nicht nur am deutlichsten auf das Konferenzthema selbst, sondern auf die ebenso kulturell wie politisch aufgeladene Losung „Der Islam gehört nicht zu Deutschland". Groschopps Ausführungen lösten eine kontroverse Diskussion aus. Vortrag und Diskussion, die reale Stimmungen der HVD-Mitgliedschaft reflektieren, sollten den Verbandsfunktionären vor allem auf Bundesebene zu denken geben.

 

Aus Horst Groschopps Vortrag seien daher an dieser Stelle einige Fragestellungen und Aussagen wiedergegeben:

 

Was heißt das für den Humanismus? Wozu also die Frage, ob Humanismus zu Deutschland gehört? Nehmen wir dazu die Frage auseinander und formulieren ein paar Probleme in Thesenform. Was heißt „zugehören"? Und was ist Deutschland? Was gehört zum Humanismus? Gehört der Humanismus zum Humanistischen Verband Deutschlands (HVD)?

 

Jedenfalls gehört er ihm nicht, auch wenn immer wieder - bewußt oder unbewußt - der Eindruck entsteht, es wäre so. Daß ein solcher Besitzanspruch überhaupt assoziiert werden kann, liegt zuallererst an der Erklärungsschwäche der für den HVD Tätigen, die sich gemeinsam mit anderen im Umfeld derjenigen gesellschaftlichen Prozesse tummeln, in denen überhaupt mit dem Wort Humanismus agiert wird. Praktische Verbandspolitik grenzt andere aus dem eigenen Humanismus aus.

 

Im Umkehrschluß verhindert die Identifikation von HVD und Humanismus, daß sich andere humanistische Akteure - z.B. Arbeitersamariter oder Jugendweihe-Anbieter - auf den Humanismus einlassen. Zu groß ist die Angst, womöglich vereinnahmt, in eine bestimmte religionskritische Konfessionsfreien-Ecke gestellt zu werden. Humanismus wird erst dann mehr zu Deutschland gehören können, wenn der HVD klarer bestimmt, was dazu sein bescheidener Beitrag ist und in welchem Chor er singt.

 

Es ist eine offene Frage, ob bzw. inwieweit der Humanismus zu Deutschland gehört. Das ist nicht per Behauptung zu klären. Das Thema sollte von denen, die sich zu ihm bekennen und zudem noch organisiert sind, offensiver öffentlich diskutiert werden. Das betrifft auch einige Detailfragen, auf die Ja-Antworten zum einen nicht selbstverständlich und zum anderen nicht ohne Relativierungen zu haben sind: Gehört der HVD zu Deutschland? Wie deutsch ist er? Was trägt er zum Humanismus bei? Wie offen ist er als Weltanschauungsgemeinschaft allem Fremden gegenüber, vor allem, was ist ihm „fremd", nicht in den Glaubenssätzen („Selbstverständnisse"), sondern im realen Organisationsverhalten.

 

Regionale Demokratie- und Humanismus-Traditionen

Was noch alles zu Deutschland, seiner Geschichte und seinem Geistesleben gehört - also u.a. Regionaltypisches, darüber sprachen auf Bitten des gastgebenden Landesverbandes der emeritierte Historiker Axel Kuhn sowie der Freidenker und Publizist Heiner Jestrabek. Ihre Ausführungen waren insbesondere für die Konferenzteilnehmer aus Bayern, Berlin, Sachsen und Thüringen, aber sogar für viele „Einheimische", lehrreich. Kuhn sprach über die „Impulse durch die Französische Aufklärung und Revolution für die demokratische Bewegung in Württemberg". Hier ging es nicht um die sogenannten „Haupt- und Staatsaktionen", die in den Geschichtsbüchern zu finden sind, sondern vielmehr um die unbekannten Helden.

 

Ähnlich Heiner Jestrabek in seinem überaus anschaulichen Beitrag über „Freigeister, Dichter, Philosophen & Rebellen in und um Stuttgart seit dem 16. Jahrhundert". Da durften erfreuliche Besonderheiten, wie sich in Württemberg bzw. in Baden-Württemberg seit gut 100 Jahren Säkulare unterschiedlicher Herkunftsvereine organisatorisch zusammenfanden und schließlich dem HVD als Landesverband beitraten, nicht fehlen.

 

Resümee

Welches Fazit wäre aus der wirklich gelungenen Stuttgarter Konferenz zu ziehen? Zuvörderst - aus Sicht des Verfassers - dieses: Es sollte Brauch werden, daß die HAD künftig in jedem Jahr eine wissenschaftliche Konferenz „on Tour" veranstaltet. Und das vorrangig in jenen HVD-Landesverbänden ohne eigene Landesakademie; selbst wenn die jeweiligen Landesverbände kaum finanzielle Beiträge leisten können. Doch wenn der (organisierte) Humanismus in Deutschland tatsächlich ankommen soll, dann wäre das ein effektiver und öffentlichkeitswirksamer Beitrag seitens der Bundesakademie.

 

Und auch das sollte unbedingt noch festgehalten sein: Die südwestdeutschen Humanisten um Landesgeschäftsführer Andreas Henschel und HAD-Vizepräsident Ludwig Lauer waren nicht nur gute Organisatoren dieser Konferenz, sie alle erwiesen sich nicht minder als aufmerksame und herzliche Gastgeber.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

 



 
20.06.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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