Was ist in diesem Pamphlet bloß mit „Humanismus“ gemeint?

WEIMAR. (fgw) Gar nicht mehr taufrisch ist das Buch des britischen Professors John Gray (1948 geb.) „Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus“. Aber was ist in diesem Pamphlet bloß mit „Humanismus“ gemeint?


Der Titel dieser Publikation könnte - angesichts immer stärker werdender klerikaler Beeinflussung von Politik und Medien - möglicherweise den einen oder anderen Humanisten zum Kauf des Gray'schen Buches verleiten. Denn leider befindet sich auch der organisierte Humanismus in Deutschland in einer desolaten Lage. Und nicht zuletzt vielleicht gar wegen der marktschreierischen Verlagswerbung mit solchen Slogans wie „...wird sich als eines der wichtigsten Bücher dieses Jahrhunderts erweisen." Das allerdings darf schon wenige Jahre nach der Veröffentlichung bezweifelt werden. Glücklicherweise!

 

Gray, angeblich auch noch einer der wichtigsten Ideologiekritiker unserer Zeit, will „schonungslos mit dem Humanismus abrechnen". Denn für den Herrn Professor ist der Humanismus eine „gefährliche, lebensbedrohende Ideologie". Nun könnte man meinen, dies Buch sei ein Auftragswerk von heiliger katholischer Inquisition und evangelisch-lutherischen Sektenbeauftragten. Das schein jedoch nicht der Fall zu sein, denn auch das Christentum wird etwas „kritisiert".

 

Wichtiger ist dagegen die Frage, was Gray mit seinem Begriff des „Humanismus" meint. Den Humanismus des „Humanistischen Selbstverständnisses" des HVD oder den der Giordano-Bruno-Stiftung kann er wohl nicht meinen, wenn er zum Humanismus behauptet: „...verfügt heute über eine so weitergehende Macht wie einst die Offenbarungsreligionen... beruht auf einem Aberglauben und ist weiter von der Wahrheit entfernt als jede Religion... viel freier in ihrem Denken sind heutzutage religiöse Menschen..." (S. 11) Nach solch extrastarkem Tobak, solchem Nonsens bräuchte man, wenn man denn im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, eigentlich nicht weiterlesen.

 

Nach Gray ist der Humanismus sogar „die herrschende säkulare Weltanschauung" (S. 12). Aber wo bitteschön auf unserem Globus „herrscht" der Humanismus? Wo bloß bekommt er denn fast unbeschränkte Sendezeiten eingeräumt? Die erhalten doch allein katholische und lutherische Verkündiger!) großzügigst im Staatsfernsehen (ARD, ZDF, KiKa, DLF). Und an welcher Universität gibt es Humanistik-Lehrstühle? Dafür aber Theologische zuhauf? - Kurzum: gerade da beliebt der Herr Professor, wie bei all seinen kruden Behauptungen, nicht nur höchst oberflächlich zu sein, vor allem bleibt er jeden Beweis bzw. Beleg schuldig.

 

Dafür aber wimmelt es in seinem Pamphlet, anders kann man diese Schrift wirklich nicht bezeichnen, von Behauptungen/Postulaten wie: „Der Humanismus ist eine Religion." (S. 13) oder „Der Humanismus ist eine Erlösungsdoktrin." (S. 32) - Weiter heißt es: „Zu Kants Zeiten bekannten sich konventionell gesinnte Menschen zum Christentum, heute setzen sie auf Humanismus." (S. 51) - Der Gipfel (oder sollte man nicht besser sagen: der Tiefpunkt?) wurde aber bereits auf S. 32 erreicht: „Der Humanismus ist eine säkulare Religion, zusammengerührt aus modernen Bruchstücken der christlichen Mythologie."

 

Doch „Drachentöter" John Gray führt seinen Kampf gegen „den Humanismus" unbeirrt immer noch weiter, breitet sich darüber auf weiteren rund 200 Seiten aus. Da kommt selbst beim wohlmeinendsten Mitglied einer deutschen humanistischen (freidenkerischen, laizistischen etc.) Organisation nicht bloß Zorn über so viel vergeudetes Papier auf. Da möchte man vielmehr ein bekanntes Liebermann-Zitat laut und deutlich aussprechen...

 

Welches aber ist nun diese ominöse herrschende Ideologie „Humanismus", von der bzw. gegen die Gray mit Schaum vorm Munde geifert?

 

Wenn man mit seinem Blick nicht in einem elfenbeinturmartigen Studierstübchen verhaftet ist, sondern ohne Scheuklappen auf die reale Welt um uns herum schaut, dann ist es doch so um diese bestellt: Die mit absolutem Machtanspruch in der sogenannten (freien) westlichen Welt vorherrschende Ideologie stellt nach wie vor das Christentum in all seinen Spielarten dar. Und diese Ideologie will sich im Bunde mit nacktestem Kapitalismus über den gesamten Globus ausbreiten.

 

Übrigens, in Deutschland ist die Trennung von Staat und christlichen Kirchen noch immer nicht vollzogen, sondern seit 1919 nur eine immer weiter „hinkende".

 

Warum dann aber dieser verbissene Kampf des „Drachentöters" John Gray gegen den doch real leider verdammt einflußlosen Humanismus, egal ob der sich säkular, evolutionär, bürgerrechtlich oder ganz ohne Atrribut definiert? Dieser Frage jedoch weicht Gray bis ans Ende seiner bornierten Kampfschrift aus.

 

Kurzes Fazit eines denkenden Lesers: Dieses Pamphlet ist des Lesens und erst recht des Kaufens nicht wert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

John Gray: Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus. A.d.Engl.v. Alain Kleinschmied. 246 Seiten, geb.m.Schutzumschlag. Verlag Klett-Cotta. Stuttgart 2010. 19,90 Euro. ISBN 978-3-608-94610-9

 



 
30.10.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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