Was passiert, wenn man mit großen Scheinen um sich schmeißt

WEIMAR. (fgw) In der Reihe der unveränderten Neuausgaben der Krimi-Reihe um den Detmolder Hauptkommissar Jupp Schulte ist der jetzt der im Jahre 2001 erst-erschienene zweite Band „Der Berber“ erschienen.


Reitemeier und Tewes machen den Leser neugierig, beginnen sie doch rätselhaft mit einem Prolog, den sie im Jahre 1967 ansiedeln: Beim Bier sinnieren drei Studenten u.a. darüber, „was eigentlich einen vollwertigen Menschen ausmacht."

 

Die Erkenntnis lautet so:

„Er braucht einen Eintrag in die Einwohnermeldekartei seiner Gemeinde, einen Personalausweis, eine Nummer bei der Bundesversicherungsanstalt, eine Lohnsteuernummer und so weiter. Viel mehr braucht man nicht, um ein angesehenes Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Und wir, ja wir, können ihm all das verschaffen. Ich habe eine Idee..." (S. 9)

 

Und selbst wenn der Leser solche und ähnliche Stellen aus dem Prolog immer im Hinterkopf haben sollte, so machen sie ihm dennoch lange, sehr, sehr lange nicht erkennbar, was das mit dem Kriminalfall im Jahre 2001 zu tun haben kann. Eine gute Idee des Autorenduos, dem Leser eine solche Rätselnuß zum Knacken mit auf den Lektüre-Weg zu geben.

 

Was ist denn nun ist das Aufregende, das Unerhörte, das sich eines schönen Tages im Jahre 2001 ereignet? Dazu soll der „Einstieg" ins erste Kapitel in voller Länge zitiert werden:

 

»Frau Feldbusch staunte nicht schlecht. Nun betrat schon der achte 'Berber' die Sparkassenfiliale am Detmolder Markt. Ebenso wie seine Vorgänger wedelte auch er mit einem nagelneuen Fünfhundertmarkschein.

„Könn'se de ma' wechseln, die im Aldi haben nich chenug Kleingeld."

„Sicher doch", meinte Frau Feldbusch freundlich wie immer, „ich muß aber erst mal kurz nach hinten, heute haben alle nur große Scheine."

Sie nahm den Geldschein und verließ den Kassenraum.

„Komisch", dachte sie bei sich, „alle Penner kommen mit einem Fünfhunderter, alle sind von 1990 und sind nagelneu, obwohl wir mittlerweile das Jahr 2001 haben."« (S. 11)

 

Der biederen Sparkassenangestellte kommt das nicht geheuer vor. Auch wenn ihre Überprüfung ergibt, daß all diese Scheine „sauber" sind. Dennoch ruft sie die Polizei an. Und dann hat Wachtmeister Volle, ein wahrer „Vollpfosten" in Uniform, seinen ersten Auftritt.

 

Der „Berber" genannte Obdachlose wird zur Vernehmung mit in die Kreispolizeibehörde genommen. Aber Maren Köster und ihre Kollegen Lohmann und Braunert kommen keinen Schritt weiter, zumal inzwischen noch -zig weitere Fünfhunderter in Detmolder Geschäften aufgetaucht sind und stets von sogenannten „Berbern" vorgelegt wurden.

 

Nein, es gab kein einziges bekanntes resp. angezeigtes Verbrechen bundesweit, keinen Überfall, keine Erpressung, aus denen diese Banknoten stammen könnten. Nicht eine der Geldscheinnummern ist diesbezüglich registriert.

 

Zur Herkunft geben alle Banknoten-Besitzer an, sie hätten diese vom „Professor" bekommen, der eigentlich ein fieser Zeitgenosse sei. Wer dieser Professsor ist, kann jedoch keiner sagen, man wisse nur, daß er auch nur einer von ihnen wäre. Also steht nur fest, daß ein Namenloser große Geldscheine in Umlauf gebracht hat. Aber warum ausschließlich an Obdachlose und dies auch nur im Lipper Land?

 

Und während die Krimalisten immer noch ergebnislos rätseln, ereignet sich nächtens in Detmold, konkret auf dem Bahnhof, ein Kapitalverbrechen. Denn dort wird ein Obdachloser tot auf einer Bahnsteigbank aufgefunden. Was nun ein Fall für Jupp Schulte ist, da es sich eindeutig um Mord handelt. Doch dann stellt sich heraus, daß der Tote sogar mehrere Fünfhunderter bei sich hatte, versteckt unter den Einlegesohlen seiner Schuhe. Was wiederum dazu führt, daß ab jetzt Schulte und Maren Köster ihre Ermittlungen koordinieren müssen.

 

Aber das ist nicht alles. Aus einem Museum wird ein wertvoller Stuhl aus dem Jahre 1930 gestohlen. Dieser Fall landet nun zusätzlich auf Maren Kösters Tisch. Die aber schnell dem Charme des Museumsdirektors erliegt und ihre Objektivität verliert. Doch damit nicht genug. Der bewußte Stuhl kann bei einem Antiquitätenhändler sichergestellt werden: Es ist nur eine Kopie. Das Original, nur nicht nur dieses, wird dann in der Wohnung des Direktors aufgefunden. Und in seinem Tresor etliche der bekannten Fünfhunderter, angeblich eine wohltätige Spende eines Mäzens...

 

Doch langsam kommt aber etwas Licht ins Dunkel. Vor allem kann der Tote vom Bahnhof, in dem die Detmolder „Berber" Banknoten-Besitzer den „Professor" erkannten, identifiziert werden. Es bleibt aber nicht bei diesem einen Todesfall. In einer Wandergegend wird eine ältere Frau tot aufgefunden. Ebenfalls ein Mord. Und... diese Frau war irgendwie über Jahre mit dem „Professor" verbandelt.

 

Die vereinten Recherchen führen endlich zu Ergebnissen: Die Banknoten stammen aus einem Erpressungsfall im Jahre 1991, der aber nicht zur Anzeige gekommen war. Denn der Erpreßte starb bald darauf. Dieser Erpressung lag jedoch ein noch viel größeres Verbrechen in der Nazi-Zeit zugrunde. Der „Professor" und die ermordete ältere Frau waren Mitwisser des Erpressungsversuches. Also mußten sie mundtot gemacht werden, gerade angesichts der plötzlichen Geldschwemme.

 

Wo nun aber ist das seinerzeit erbeutete Geld? Zumal es sich um einen Millionenbetrag handeln muß? Wer war der Erpresser? Und warum wirft er gerade jetzt - im Jahre 2001 - dies über Obdachlose - mit vollen Händen um sich? Diese Fragen werden schließlich beantwortet. Gerade die letztere ist es, die die lippeschen Geldschein-Orgien erhellen wird.

 

Ja, der Erpresser von damals und der Mörder in der Gegenwart kann ermittelt werden. Jupp Schulte ist ihm auf den Spuren, gerät dabei aber in größe Lebensgefahr. Seine Rettung verdankt er besonders dem Hund „Monster", der ihm schwer verletzt während dieses Falles zugelaufen war.

 

Natürlich menschelt es auch in diesem Band gehörig. Da ist nicht nur die Karikatur eines Polizisten, der Wachtmeister Volle". Da ist nicht nur der neue Detmolder Chef, Polizeirat Erpentrup, der Schulte in den nächsten fast zwanzig Jahren das Leben schwer machen wird. Außerdem, wie kommt Maren Köster aus der doch peinlichen Affäre mit dem Museumsdirektor heraus? Dann ist da schließlich die Familie Lohmanns, in der es wegen der Liebesbeziehung einer Tochter zu mächtig Trubel, der sich sogar in der Dienststelle fortsetzt, kommt. Und, von „Monster" war ja schon die Rede. Eigentlich ist das sogar eine Geschichte für sich.

 

Eine Bewertung des vorliegenden Bandes kann und will der Rezensent sich ersparen. Warum? Weil er hier nur das überschwängliche Lob zum ersten Band wiederholen kann.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Reitemeier & Wolfram Tewes: Der Berber. Kriminalroman. 288 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 13,90 Euro. ISBN 978-3-86532-707-9

 



 
13.06.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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