Wenn auf Haiti der Alptraum zur grotesken Realität wird

WEIMAR. (fgw) Der Trierer Litradukt-Verlag hat jetzt mit „Im Namen des Katers“ bereits den vierten Roman aus der Feder von Gary Victor über den haitianischen Kriminalinspektor Dieuswalwe Azémar in deutscher Übersetzung herausgebracht. Mit diesem Band erweist Victor sich einmal mehr als meisterhafter Autor von Weltgeltung. Und mehr noch als in den ersten drei Azémar-Romanen kommt hierin das Phantastische, das Groteske, das für die haitianische Gesellschaft so typisch ist, zum Ausdruck.


Azémar, der das Leben in seiner Heimat nur im Suff ertragen kann, ermittelt aktuell zu einer Mordserie, die ihn durchaus persönlich berührt. Denn alle Opfer waren wie er selbst dem übermäßigen „Genuß" des billigsten Zuckerrohrschnapses zugetan. Und sie sollen, aber anders als er, darüberhinaus noch Liebhaber von Katzenfleisch gewesen sein. Dem Vernehmen und auch dem Aberglauben nach, sollen Fusel und Katzenfleisch ideal zusammenpassen.

 

Azémar kommt aber dieses Mal mit seinen Ermittlungen nicht voran. Dagegen plagen ihn nächtliche Alpträume; eigentlich immer derselbe: Wie er mit einer Machete eine vor ihm kniende Frau enthauptet... Hinzu kommen Schmerzen und ungewohnte Reaktionen seines Körpers. Folge eines Fetisches, den er sich kurz zuvor von einem Hexer, einem Voodoo-Priester, hatte implantieren lassen. Nun will er diesen aber wieder los werden. Doch der Priester weigert sich. Stattdessen offenbart er das Geheimnis dieses Fetischs: Azémar werde dadurch, wenn er nicht innerhalb einer bestimmten Frist das Blut einer ihm nahestehenden Person vergieße - siehe Alptraum, auf ewig zum Werkzeug des bösen Geistes. Und Azémar habe nur noch sechs Tage Zeit... Der Inspektor führt dann, wie schon so oft in diesem Land ohne funktionierenden Rechtsstaat, eine „außergerichtliche Exekution" durch: Er tötet den Hexer mit zwei Schüssen.

 

Also, Inspektor Azémar hat nun gleich zwei Probleme auf einmal: Den scheinbar unlösbaren Fall der Serienmorde und ein Schicksal, dem er anscheinend nicht entrinnen kann. Da beauftragt ihn sein neuer Vorgesetzter, Kommissar Dulourd, mit einem anderen Fall, dies aber als Bitte formuliert: Er soll nach einem Vermißten namens Georges aus der Familie einer Dame aus der „high society" suchen. Diese Dame sei eine gute Freundin des Kommissars und überdies sehr einflußreich. Der Inspektor ist zunächst nur etwas verstört, wird es aber vollends, als er erfährt, daß es sich bei dem Vermißten nicht um einen Menschen, sondern um einen Kater handelt. Der ihr von ihrem Bruder kurz vor dessen Tod geschenkt worden war. Doch ein stattliches Erfolgshonorar stimmt ihn um. Schließlich kostet die Ausbildung von Azémars Tochter in den USA ein Heidengeld...

 

Und nun wird es turbulent und immer turbulenter. Nicht nur, daß auf Azémar ein Attentat verübt wird. Während seiner Katersuche stößt er auf verschiedene weitere überaus dubiose Personen - und heimtückisch-verräterische dazu - und gerät schließlich noch zwischen die Fronten eines Bandenkrieges. Alle Beteiligten suchen nach dem Kater, dem inzwischen magische Kräfte zugeschrieben werden. Als der Inspektor den Kater schließlich sogar findet, obwohl der Kommissar ihm inzwischen weitere Suche verboten hatte, ist es ebenjener Vorgesetzter, der ihm den Kater entreißt. Gleich darauf wird aber der Kommissar von Dritten getötet. Die Katersuche geht also weiter. Und Azémar gerät in weitere lebensgefährliche Situationen, einschließlich eines Wettsaufens auf dem Luxusanwesen eines Bandenchefs. Aber schon wieder ist der Kater verschwunden.

 

Langsam beginnt Azémar aber trotz Saufens, wieder mit klarem Kopf zu denken. Und so kommt er allmählich der Wahrheit auf die Spur. Nix da mit magischen Kräften oder delikatestem Fleischgeschmack. Alles hat einen höchst profanen, lebensweltlichen Hintergrund. Das wird immer klarer, als sich der Inspektor dem Zeitpunkt des Schenken des Katers zuwendet, also der beruflichen und persönlichen Vergangenheit des Bruders seiner Besitzerin. Nun ist Azémar endlich auf der richtigen Spur, wird im wahrsten Sinne des Wortes fündig. Aber nach wie vor spielen wichtige Personen in seinem Umfeld falsch, wird es für den Inspektor immer wieder lebensgefährlich. Doch schließlich kann er das Rätsel des Katers lösen und dabei noch ein ganz anderes kapitales Verbrechen aufdecken. Und auf seine Weise beenden, aber nicht allein durch „außergerichtliche Exekutionen".

 

Es stellt sich weiterhin heraus, daß die Mordserie und die Katerentführung zusammengehören. Der Täter in beiden Fällen kann überführt werden, auch dessen Motiv wird offenbart. Wie fast immer ging es dabei um Geld, sehr viel Geld. Sogar den überaus lebendigen Kater kann Azémar seiner Besitzerin wieder zuführen und erhält zum Dank noch einen exorbitant hohen Scheck.

 

Der Kater ist also ein ganz normales Tier. Doch als Azémar sich von seiner Auftraggeberin verabschiedet hat, da wird es wieder mystisch, glaubt er doch den Kater mit menschlicher Stimme sprechen zu hören. Und was ist mit der Prophezeiung des Hexers, dem Wahrwerden des wiederkehrenden Alptraumes? Was wird der sechste Tag bringen?

 

Dieser Prophezeiung, dieser Drohung wegen, hat Gary Victor den vorliegenden Band, abgesehen vom längeren Prolog, in sechs Kapitel gegliedert; überschrieben mit „Tag 1" bis „Tag 6".

 

Doch zurück zu dem Besonderen dieses vierten Azémar-Romans, also dem „tragenden Element" des Mystischen. Nie zuvor hat Victor Reales und Phantastisches so sehr miteinander verknüpft, wie in diesem Buch. Das Phantastische erscheint auf den ersten Blick, beim nur oberflächlichen Lesen sogar als durchaus real. Doch damit widerspiegelt der Autor nicht bloß das Massenphänomen der haitianischen Volksspiritualität. Nein, auf diese Weise kann er das scheinbar Irrationale der Suche unterschiedlichster Charaktere nach dem Kater noch hervorheben. Nicht zuletzt macht es auch die mitunter suffvernebelte Verfassung des Protagonisten deutlicher.

 

Wer jedoch aufmerksamer liest, der stößt diesbezüglich auf solche Zitate wie:

 

[Azémar; SRK] „...hatte auch gelernt, daß man sich manchmal in den Wahn vorwagen mußte, wenn man die Antworten auf die Rätsel finden wollte, die der Irrsinn schmiedete." (S. 55)

 

„Was er [der eine Bandenchef; SRK] erzählte, hatte weder Hand noch Fuß, aber in dieser Geschichte gab es keine Logik. Eine mörderische Posse. Seine einzige Chance war, in der Logik des Wahnsinns zu bleiben und Vabanque zu spielen." (S.73)

 

„Aber Dieuswalwe Azémar besaß immerhin eine Eigenschaft, die vielen seiner Landsleute fehlte, nämlich Verstand." (S. 88)

 

Was wohl nicht dezidierter erwähnt werden muß, daß Victor natürlich auch in diesem Buch deutliche und auf den Punkt gebrachte Sozialkritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in seiner Heimat übt; dafür stehen etliche Zitate - Stichworte wie „Rechtsstaat" und „Demokratie" mögen dafür genügen.

 

Unterstützt werden solche Aussagen noch durch Victors gewohnt spannende Erzählweise. Und wenn man ihm dabei noch viel „schwarzen Humor" bescheinigen muß, dann kann man dies durchaus doppeldeutig auffassen. Unbedingt lobend erwähnt werden muß auch die Titelgrafik von Francisco Silva. Kann man sich doch so erstmalig ein visuelles Bild von dem fiktiven Charakter Dieuswalwe Azémar machen.

 

Wird es einen fünften oder gar auch noch sechsten Fall für diesen liebgewonnenen Kriminalinspektor geben? Man kann es nur hoffen und wünschen!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gary Victor: Im Namen des Katers. Kriminalroman. A.d.Franz.v. Peter Trier. 168 S. Taschenbuch. Litradukt-Verlag. Trier 2019. 12,00 Euro. ISBN 978-3-940435-30-9

 



 
25.02.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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