Wenn Palmer mehrfach „die Engel im Himmel singen hört“...

WEIMAR. (fgw) Was ist der Engelsknochen? Was hat es mit diesem Knochen auf sich? Die beiden Fragen werden im zweitem Palmer-Thriller des Schweizers Bruno Heini „en passant“ auch beantwortet. Aber um diesen Knochen geht es im Buch eigentlich gar nicht. Obwohl im Prolog ein Hund beim „Gassi-Gehen“ erst einen Knochen, dann ein ganzes Skelett ausbuddelt... Aber yselbst um dieses geht es nicht...


Christabel Palmer ist 28 Jahre jung und jobbt derzeit als Detektivin in einem Luzerner Kaufhaus. Sie haßt aber ihren für sie peinlichen Vornamen und läßt sich deshalb immer nur „Palmer" nennen. Palmer stammt aus einfachen Verhältnissen und wollte ursprünglich Polizistin werden. Die Polizeischule mußte sie jedoch als Beste verlassen, weil sie einem befreundeten Kollegen aus der Patsche geholfen hatte. Nebenbei hatte sie eine eigene und sogar erfolgreiche Rockband, diese aber inzwischen aufgelöst.

 

Es geht ihr aber von jeher um Recht und Gerechtigkeit, um Freundschaft und Loyalität. Daher setzte sie sich in Heinis erstem - atemberaubenden - Thriller „Teufelssaat" für die entführte Freundin Juli, ein erfolgreiches Model, ein.

 

Kaum ein Jahr später muß sie wieder privat ermitteln, weil sich die Polizei wiederum um einen Hilferuf nicht wirklich kümmert: Die Sängerin von Palmers alter Band, Niki, ist verschwunden; für Palmer nicht mehr erreichbar, obwohl sie diese dringend per Handy um ein persönliches Treffen gebeten hatte. Niki hatte nach dem Aus der Band den neureichen Anwalt Beat Aschwanden geheiratet und führt mit diesem nun ein Hausweibchen-Leben „im goldenen Käfig". Ihr Mann hatte auch darauf bestanden, daß sie kein musikalisches Comeback anstrebt. Als Palmer nach mehrfachem Versuch Niki nicht erreichen kann, begibt sie sich in Aschwandners Kanzlei. Dort erfährt sie, daß Niki nach Marokko in ein Hotel verreist wäre. Aber es führen keine Spuren dorthin, Palmer läßt also nicht locker, so daß Aschwandner nun selbst eine Vermißtenmeldung abgibt. Von Kripochef Stocker wird sie aber dennoch aufgefordert, sich aus der Sache herauszuhalten...

 

Jetzt ermittelt Palmer erst recht auf eigene Faust und beginnt so, wie sie es auf der Polizeischule gelernt hatte: Mit einer Liste von Fragen... Und sie geht dabei davon aus, obwohl sie anderes hofft, daß Niki einem raffinierten Mord zum Opfer gefallen ist.

 

Wer aber könnte ein Motiv haben? Aschwandner, der immer wieder angibt, sich trotz kriselnder Ehe nie von Niki scheiden lassen zu wollen? Und das trotz seines intimen Verhältnisses mit der Möchtegernsängerin Jessica, die es sich mittlerweile in Aschwandens Villa gemütlich gemacht hat. Verdächtig benimmt sich dazu noch Emily, seine Tochter aus erster Ehe. Palmers Überlegungen gehen sogar in Richtung von Aschwandens Ex-Frau, einer Privatbankerin. Und dann ist da noch der obskure Rapper und Pizzabote „Mad Dog"...

 

Nächste Frage ist, welches könnte das Motiv für Nikis Ermordung sein? Es ist diese Frage, die Palmer am meisten beschäftigt und worauf sie am wenigsten eine Antwort finden kann. Erst später, als es offenkundig wird, daß Niki nicht mehr am Leben ist, stellen sich die Fragen nach dem Tatort und einer möglichen Stelle fürs Verschwindenlassen der Leiche.

 

Es sind logisches Denkvermögen und einige Zufälle, die Palmer schließlich auf die richtige Spur führen. Dennoch, sie hat nur Verdachtsmomente vorzuweise, keine handfesten Beweise und sogar kaum Indizien. Von all dem will die Polizei erneut nichts wissen. Ja, zeitweise wird sie selbst von der Polizei der Tat verdächtigt. Denn sie hat bei einer Recherche einen Flüchtigkeitsfehler begangen.

 

Und wie das Leben es so will, kommt Palmer dem Täter nicht nur nahe, sondern dieser ebenfalls ihr. Ein erster Mordanschlag auf sie schlägt aber fehl. Selbst eine Intrige führt nicht zu Palmers Ausschaltung. Nun verknoten sich ihre Ermittlungen/Schlußfolgerungen mit einer Falle, die ihr, der Alleingängerin, der Mörder stellt. So daß sie schließlich selbst um ihr Leben kämpfen muß...

 

Dieser bis zuletzt spannende Thriller besticht nicht nur durch den Fall an sich oder die Art und Weise von Palmers Ermittlungsarbeit. Heini vermag nicht minder durch seine Sprachmächtigkeit und Erzählkunst zu fesseln. Mit dem brutalen Mordfall und anderen kriminellen Vorkommnissen kontrastieren zum einen seine Situationsschilderungen wie feinste Ziselierungen auf Silberschmiedearbeiten oder seine bildlich-lyrischen Milieubeschreibungen (wie z.B. auf S. 179 ab „Wolkenlos lag der Himmel über der Luzerner Bucht...").

 

Und es sind Sätze, Passagen wie diese, die Lesefreuden bereiten:

 

„Ein Teenie stand halbverdeckt in der Tür, blickte Palmer wortlos in die Augen. (...) Sie war auffallend dünn. Magersüchtig, dachte Palmer. Oder vegan." (S. 54) - Damit ist ein Charakter wie Emily kurz, aber treffend gezeichnet.

 

Treffend gezeichnet auch Aschwanders neue 24jährige Gespielin Jessica: „Sie steckte in einem dunkelblauen, gekürzten Sweatshirt und trug eine kunstvoll zerrissene Jeans, welche ihre Individualität unterstrich, indem sie die junge Frau so aussehen ließ wie alle anderen." (S. 57) Gerade dieses Bild sollte man sich mehrfach durch den Kopf gehen lassen. Besser kann die spätkapitalistische Konsumgesellschaft wohl nicht in nur einem Satzbeschrieben werden.

 

Zu dieser Möchtegernsängerin (man blicke mal in Richtung der zu suchenden Superstars im Fernsehen) läßt Heini seine Heldin Palmer wortlos reflektieren: „Und was 'deinen Song' betrifft: Klar hab ich ihn gehört. Da ist viel Begeisterung in deiner Stimme zu hören, nur leider kaum Talent. Hast keine Ahnung von Tuten und Blasen. Okay, Tuten." (S.59)

 

Heini wird noch deutlicher, wenn er solch menschliche Ausformungen der Konsum- und „social media"-Ära wie folgt beschreibt: „In ihrem Account ließ Jessica alle daran teilhaben, was sie den lieben langen Tag so trieb. (...) Das eine oder andere weltbekannte Musikvideo hatte sie eingefügt und auch einige haarsträubende Ernährungstips. Ratschläge von Hollywoodschauspielerinnen waren generell besonders beliebt, da offenbar genau deren fehlendes Fachwissen die Tips umso glaubwürdiger machte." (S. 133)

 

Durchaus zeitkritisch ist diese Passage, die aktuelle politische und mediale allseits wabernde Heuchelei aufs Korn nimmt: „Ihr Blick glitt zu Boden. Als der dunkelrote Perserteppich unter ihren Füßen in ihr Bewußtsein drang, fragt sich Palmer, ob es wohl in der heutigen Zeit politisch korrekt war, diesen als 'Perserteppich' zu bezeichnen." (S. 61)

 

Insofern ist auch Heinis zweiter Thriller nicht nur ein überaus spannender Kriminalroman, sondern auf subtile Weise erneut ein gutes Stück stichhaltiger Gesellschaftskritik. Der bürgerlich-kapitalistische Staat, wie hier die Schweiz, stellt eben keine ideale und heile Welt dar.

 

Und zum anderen konstrastieren mit dem Thrill nicht minder Brunos feinfühlige Beschreibungen von Stimmungen und Empfindungen Palmers, also ihres Innenleben. Ein Beispiel hierfür mag genügen:

 

„Palmer lehnte sich zurück und trommelte mit den Fingerspitzen neben dem Touchpad auf das Laptopgehäuse.

Alles Theorie.

Sie drehte sich und blickte aus dem Fenster.

Scheiße.

Sie war sich sicher, Niki brauchte ihre Hilfe. Aber noch immer war sie nicht vom Fleck gekommen.

Die Zeit rannte ihr davon.

Furcht breitete sich in Palmers Eingeweiden aus.

Über ihr knarzte die Decke."

(S. 70)

 

Heinis Heldin Palmer ist in jeder Hinsicht eine selbstbewußte (und selbstverständlich auch kompetente), selbst denkende Frau, die sich nicht von sogenannten Autoritäten oder den allgegenwärtigen „Experten" unterkriegen läßt, wenn sie gegenüber dem Kripochef nachstehendes äußert: „Und ich mag Leute nicht, die sich anmaßen, immer genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Zum Glück ist es aber Tauben egal, was die Vogelkundler sagen. Sie gurren, fliegen und kacken auf Statuen, wie es ihnen paßt." (S.152)

 

Außerdem gewinnt Palmer in diesem Band weiter an Statur, indem Heini sie mehrfach auf ihren Lebensweg zurückblicken läßt. Und eingebettet darin sind mannigfaltige Reminiszenzen zur Rockmusik, speziell zu Jimi Hendrix.

 

Man kann Bruno Heini für diese Fortsetzung nur loben und hoffen, daß es hoffentlich bald einen weiteren Palmer-Thriller geben möge.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Bruno Heini: Engelsknochen. Thriller. 248 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2206-5

 

 

 



 
01.08.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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