Wer mordet während der Baltrumer Badezeit - und warum?

WEIMAR. (fgw) Was kann es denn schöneres geben auf der friesischen Insel Baltrum als ein unbeschwertes Strandleben an einem hochsommerlichen Augusttag? Diese Frage wirft der Klappentext zu Ulrike Barows Inselkrimi „Baltrumer Badezeit“ auf. Nun, auch der schönste Inseltraum kann getrübt werden, wenn da plötzlich eine Leiche sichtbar wird. Und wenn dazu diese Leiche nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Wenn also ein Mord diese Idylle trübt. Und bald darauf noch ein zweiter...


Larissa Jakobs gehört zu einer Truppe junger Leute, die während der Sommerzeit auf Baltrum für die DLRG als Rettungsschwimmer tätig sind. Sie genießen zum einen das schöne Wetter, haben zum anderen aber auch alle Hände voll zu tun mit den kleinen Unvorsichtigkeiten und Nachlässigkeiten der Badegäste. Eines schönen Tages erscheint der überaus gewissenhafte Hannes Danner nicht am Dienstplatz. Aber man sieht ihn bei einer Düne sitzen. Was seine einzige eigene Nachlässigkeit ist, weil er von dort aus angeblich die bessere Sicht habe. Als Danner jedoch nach Stunden immer noch dort hockt, schauen seine Kollegen nach. Und finden ihn dort zusammengesunken sitzen. Allerdings nicht lebend oder schlafend, sondern erstochen - also ermordet. Große Aufregung also auf der kleinen ostfriesischen Insel, denn Morde gehören hier absolut nicht zur Tagesordnung. Die Inselpolizei hat da auch gleich ein Problem, ist doch Michael Röder immer noch krankgeschrieben. Also muß sein Freund Arndt Kleemann vom Festland, von der Auricher Kripo, den Fall übernehmen. Sehr zum Leidwesen Röders, der zu gerne ermitteln möchte. Und der dem Stress mit seiner Frau entkommen will. Denn diese hat für den Rekonvaleszenten erholsames und sportliches Strandleben pur angesagt.

 

Für Kleemann und Kollegen steht nicht nur die Frage im Raum, wer denn der Mörder sein könnte. Mehr noch beschäftigt sie die Frage nach dem Mordmotiv. Schließlich haben sie, wie auch die Rettungsschwimmer, erkannt, daß der Tote „wie arrangiert" dagesessen habe. Verdächtig machen sich von Anbeginn zwei Personen: einer der Rettungsschwimmer und dazu sogar einer der Inselpolizisten. Die würden sich „komisch benehmen" und auch irrational agieren bzw. reden... Röder will angesichts dessen unbedingt mitermitteln. Seine Kollegen wollen und dürfen das aber nicht gestatten, bitten ihn aber um Mithilfe bei einem anderen Fall: Auf der Insel würde ein Zechpreller-Pärchen sein Unwesen treiben. Gerne stürzt Röder sich wenigstens in diese Aufgabe. Und wie früher so läuft ihm auch jetzt der ewige Querulant, der Stammgast-Urlauber Eberhard Fischer, unentwegt über den Weg. Was der nicht alles zu nörgeln hat...

 

Die Autorin fügt noch weitere durchaus lebensechte Figuren in das Inselpanoptikum ein: so die eigenwillige Ersatzrettungsschwimmerin Elke oder Heinrich Basler - ein sich ebenfalls merkwürdig benehmender Urlauber nebst Freundin. Oder ein junger Autist namens Timo Habben, der überall seine Drohnen fliegen läßt. Und schließlich noch Gerd: Als Larissa zu einem Seminar auf die Nachbarinsel will, knickt sie mit dem Fahrrad um, hat Gehschwierigkeiten. Gerd eilt ihr zu Hilfe und zwischen beiden entwickelt sich ein kleiner Flirt. Aber auch Gerd benimmt sich eigenwillig, als ob er etwas zu verbergen habe. Larissa gerät ins Zweifeln.

 

Derweil geschieht ein zweiter Mord - Opfer ist diesmal die Prostituierte der Insel, Elena Mansholt. Als sie eher zufällig von Kleemann befragt werden soll, findet er sie sterbend vor. Ihre letzten Worte sind nur schwer zu verstehen. Aber gerade das macht insbesondere den einen Polizisten erneut verdächtig. Und - auch Elena wurde in arrangierter Weise aufgefunden. Wie aber passen beide Morde an so unterschiedlichen Personen zusammen?

 

Während der Ermittlungen kommt es zu zwei dramatischen Ereignissen. Zum einen unterbricht eine gewaltige Sturmflut die Ermittlungen. Und gleich darauf verschwindet Larissa spurlos. Ist sie etwa ein weiteres Opfer? Es ist dann eher ein Zufall, der sowohl Röder als auch Kleemann auf die richtige Spur führt. Der Täter gibt sogar unumwunden - und dazu noch voller Stolz - seine Taten zu! Was er jedoch als Motiv anführt, das läßt alle nur den Kopf schütteln... Auch der Fall der Zechpreller löst sich zum Wohlgefallen und Gelächter auf.

 

Ja, es sind vor allem das Psychogramm des Mörders und seine verquere Motivation, die den Reiz dieses Krimis ausmachen. Aber das ist es nicht allein. Nein, da muß man das gesamte Figurenensemble nennen, all diese eigenwilligen Charaktere. Zu diesen gehört auch der Inselpastor mit dem überaus sprechenden Namen Friedemann Untied. Die DLRG-Leitung ist der Meinung, daß die traumatisierten Rettungsschwimmer psychologischen Beistand benötigen würden. Und auf gut bundesdeutsch kommt hierfür immer nur ein Pfaffe in Frage, nicht aber ein wissenschaftlich ausgebildeter Psychologe.

 

Besagter Pastor Untied stellt sich also zur Unzeit bei den Rettungsschwimmern ein. Die jungen Leute, insbesondere Larissa und Elke, schütteln ob seines seelsorgerischen Angebotes nur den Kopf:

„Larissa konnte es sich nicht erklären, aber bereits nach den ersten Worten des Mannes sträubte sich alles in ihr, dem ihre geheimen Sorgen anzuvertrauen. War es die sonore Stimmlage, die sicher beruhigen sollte, bei ihr jedoch nur Unruhe zurückließ?" (S. 234)

Zu einem anderen Zeitpunkt verwickelt der Pastor auch Röder in eine Diskussion, bei der er klar den pfäffischen Machtanspruch über Mensch, Gesellschaft und Staat zum Ausdruck bringt: „Werden Sie auch am Dorffest teilnehmen? Ich werde dabei sein. Zuerst der Gottesdienst, dann darf gefeiert werden, sage ich immer..." (S. 204)

 

Diese zwar unterschwellige, aber gekonnte Kritik am staatlich geförderten klerikalen Machtanspruch gehört ebenfalls mit zum Besten dieses Krimis.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Ulrike Barow: Baltrumer Badezeit. Inselkrimi. 314 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2893-7

 



 
21.02.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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