Wie der Aberglaube klerikalen Machtanspruch sichern soll

WEIMAR. (fgw) In Pandemie-Zeiten hat Silvia Stolzenburg nun den sechsten und letzten Teil ihrer Salbenmacherin-Saga „Die Salbenmacherin und der Fluch des Teufels“ vorgelegt. Die sich teilweise überschlagenden Ereignisse bewegen sich zwischen den zwei Kernaussagen dieses Romans: Der Aberglaube dumm gehaltener Menschen sichert den Machtanspruch des christlichen Klerus. Außerdem, gerade in Notzeiten haben eifernde Scharlatane leichtes Spiel mit den Ängsten der Menschen.


Seit dem letzten lebensgefährlichen Abenteuer der Salbenmacherin Olivera und ihrer Familie sind gut zweieinhalb Jahre vergangen. Alles scheint nun endlich zum besten bestellt. Doch dem ist nicht so, denn im Nürnberg des Jahres 1412 ereignen sich gleich mehrere Vorfälle.

 

Da entdecken Oliveras Tochter Cristin und Oliveras junger Gehilfe Jona während des Suchens nach Heilkräutern vor den Stadtmauern einige Leichen, die vom Dauerregen freigespült worden sind. Jona weiß Bescheid, es handelt sich um den Mann und dessen Gehilfen, die seinerzeit Oliveras Säugling entführt hatten. Alle Welt glaubt zwar, daß diese geflüchtet seien. Jona vertraut sich Olivera und ihrem Mann Götz an. Nun befürchtet man schlimmstes. Und es sollte schlimm kommen, denn diese Leichen werden erneut freigespült und ans Ufer der Pegnitz getrieben. Der Rat beginnt mit Untersuchungen, die Identität der Toten kann festgestellt werden. Doch allen Bängnissen und Befragungen zum Trotz geht dieser Kelch glücklicherweise an Olivera vorüber.

 

Zum anderen leidet die Tochter eines einflußreichen Ratsherren unter einer rätselhaften Krankheit. Der schickt nun nach Olivera, weil schon der Medicus keinen Rat wußte. Auch Olivera muß passen. Im Gesinde und dann auch in der Stadt kursieren bald Gerüchte über eine mögliche teuflische Krankheit, dem Antoniusfeuer. Das läßt die Salbenmacherin nicht ruhen und sie vertieft sich in die Bücher ihrer Großmutter. Sie wird fündig. Alles deutet darauf hin, daß das Mädchen unter der Brotseuche leidet, hervorgerufen durch vergiftetes Korn (Mutterkornpilz). Trotz aller Bemühungen stirbt das Mädchen. Bald werden weitere Todesfälle - sämtlich Kinder - bekannt. Olivera stellt Forschungen an und es stellt sich heraus, daß ein Bäcker schlechtes Backwerk verkauft hatte. Doch auf sie will niemand hören. Im Gegenteil, es handelt Vorwürfe und Beschuldigungen. Die Rede ist nun von einem Fluch des Teufels.

 

Der Ratsherr setzt durch, daß man Botschaft zum Bamberger Bischof schickt mit der Bitte um Entsendung eines Teufelsaustreibers. Ein solcher trifft auch bald ein, mit allem Pomp eines hohen Herrn.

 

Olivera hat inzwischen eine Medizin finden können, die zumindest bei einigen Erkrankten zur Linderung der Leiden führt. Sie wird dabei vom Medicus unterstützt. Der „Austreiber" kann sich aber durchsetzen und verbietet weitere Behandlungen. Der Medicus widersetzt sich und wird nun vom Austreiber beschuldigt, von Teufel besessen zu sein. Andere Kranke sind bereits seinen Exerzitien unterzogen worden und jämmerlich gestorben. Und alle bekannten sich, vom Teufel besessen zu sein.

 

Olivera ist zunächst nicht betroffen. Doch bei hrem Gerechtigkeitsempfinden kann sie nicht mitansehen, wie der Medicus zu Tode gepeinigt werden soll. Also mischt sie sich ein. Zumal sie erkennen konnte, daß der Austreiber seinen Opfern vor den Befragungen irgendwelche Drogen verabreicht hatte. Doch sie kann zunächst nichts ausrichten, wird sofort ebenfalls der Besessenheit beschuldigt. Der Tod ist ihr sicher. Doch Jona und die Magd Gerlin eilen ihr zu Hilfe, während Götz mittlerweile den einzig vernünftig gebliebenen Ratsherrn Hans Tucher um Hilfe angehen konnte.

 

Aber die Rettungspläne mißlingen. Es wird immer gefährlicher für Olivera. Doch was wäre ein solcher Roman ohne ein „happy end"? Wie es gelingt, dem Teufelsaustreiber das Handwerk zu legen, das soll spannend bleiben. Natürlich gibt es in diesem Roman auch noch einige andere Konflikte und gefährliche Situationen, auf die hier ebenfalls nicht eingegangen werden soll.

 

Silvia Stolzenburg läßt in ihrem Roman die Magd Gerlin sagen: „Ich habe schon so viele Pfaffen erlebt, die alles tun würden, um als Heilsbringer und Erlöser dazustehen. Manch einer ist sogar über Leichen gegangen." (S. 193) Sie hat es erfaßt, was auch Götz schon vermutete: Dem Bamberger Bischof und seinem Werkzeug gehr es nicht um die Heilung Kranker, sondern einzig darum, sich die selbstbewußten Bürger der Freien Stadt Nürnberg zu unterwerfen...

 

Und wenn man es recht überlegt, dann paßt dieser historische Roman wirklich gut zur derzeitigen Pandemie-Situation. Wieder ist da eine rätselhafte Krankheit, deren Ursachen und Ursprünge man nicht wirklich kennt. Und die vereinfachend und verfälschend von herrschender Politik und Medien „Corona" bezeichnet wird - und nicht korrekt „Covid-19" genannt wird. Aberglaube schürt auch heuer Ängste und Anschuldigungen; Scharlatane bekommen weithin Gehör geschenkt. Da setzt wie im Mittelalter vielfach der Verstand aus. Und Politik kann so ohne Widerstand Maulkorb-Gesetze beschließen, Grundrechte einschränken...

 

Silvia Stolzenburg hat es mit ihrem sechsten Salbenmacherin-Band verstanden, nicht nur einen spannungsgeladenen, emotionsreichen Mittelalter-Roman zu schreiben. Geschildertes damaliges Denken und Handeln kann und soll vielmehr auch anregen, heute nicht auf Gerüchte etc. hereinzufallen, sondern nüchtern zu forschen und aus Erfahrungen zu lernen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Die Salbenmacherin und der Fluch des Teufels. Historischer Roman. geb. 344 S. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-0017-9

 



 
03.10.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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