Wie geröstete Sonnenblumenkerne weiteren Mord verhindern

WEIMAR. (fgw) Der Kiel-Krimi „Blutvilla“ ist das (erste) Gemeinschaftswerk von Stefanie Gregg (München) und Paul Schenke (Hannover): Zwei Autoren, die sich eigenem Bekunden zufolge persönlich nicht kannten, als sie dieses Projekt begannen.


Im Klappentext heißt dazu: „Die Millionärin Johanna Krogmann wird erschlagen in ihrer Villa nahe Kiel aufgefunden. Feinde hatte sie mehr als genug. Die halbe Gemeinde Flintbek war der skrupellosen Fabrikbesitzerin gegenüber feindlich gesinnt. Hauptkommissar Sven Fricke, der in dem Fall ermittelt, stößt schnell an seine Grenzen. Doch nicht nur die Suche nach dem Täter gestaltet sich äußerst schwierig, auch die Zusammenarbeit mit der attraktiven Staatsanwältin Elena Karinoglous stellt die Geduld des Ermittlers auf eine harte Probe und sorgt für gewaltigen Zündstoff."

 

Worum geht es in diesem Fall? Die 42jährige Erbin Johanna hat das Wirtschaftsleben im Ort total umgemodelt. Weg von einem paternalistischen Kapitalismus, wie ihn Großvater und Vater praktiziert hatten, und an dessen „Früchten" auch alle Arbeiter sowie Handel und Gewerbe in der Region langfristig partizipieren durften. Hin zu einem „neoliberalen" Kapitalismus, in der nur noch ihr eigener kurzfristiger Maximalprofit zählte. Nebenbei hatte sie noch ihre jüngere Schwester Sabine beim Erbe ohne Skrupel „übers Ohr gehauen".

 

Alles beginnt damit, daß Johannas Ehemann - Sohn des Flintbeker Bürgermeister Eggerstedt - bei Ausübung seines Extremsports in Mexiko tödlich verunglückt war. Und nur kurze Zeit nach Erhalt der Todesnachricht wird nun Johanna erschlagen in ihrer eigenen Villa aufgefunden.

 

Als Fricke mit seinen Ermittlungen beginnt, stellt sich zunächst die Frage, wer ein Motiv gehabt könnte. Die Liste wird lang und länger, auch wenn der Täter nur ein Linkshänder sein kann. In Verdacht geraten Schwester Sabine, ferner die am Vortag von Johanna gekündigte Aufwartefrau und deren Vater, dazu diverse örtliche Gewerbetreibende und schließlich sogar der mehr als zwielichtige Bürgermeister. Dieser war vor Amtsantritt lange Jahre Chauffeur im Hause Krogmann gewesen und leistet sich seither ein Luxusanwesen. Dazu noch ein sich sehr dubios verhaltender Callboy. Sogar der Dorfpolizist macht sich verdächtig, hatte er doch als Teenager mal ein kurzes Verhältnis mit der Toten. Doch alle Personen können ein Alibi nachweisen. Aufwartefrau und Vater scheiden aus, da sie nur wenig später ebenfalls tot aufgefunden werden; angeblich durch eine Überdosis Drogen. Dann wird auch noch der Bürgermeister erhängt aufgefunden.

 

Doch akribische Ermittlungsarbeit führt recht bald zum beweisbaren Ergebnis. Und der Leser wird überrascht, wer nicht nur für Johannas Tod verantwortlich ist und wer in diesem bösen Spiel so alles die Komplizen sind. Die Staatsanwältin, Tochter eines griechischen Vaters, und der nordisch herbe Kommissar ergänzen sich dabei trotz aller Kabbeleien und finden jeder für sich auf die richtige Spur. Wobei die forsche Staatsanwältin dadurch selbst in Lebensgefahr gerät und nur in letzter Minute von Fricke gerettet werden kann. Obwohl er sie nur dank verschütteter gerösteter Sonneblumenkerne, Elenas Lieblingsnaschwerk, findet.

 

Und nun klärt sich auch alles auf, wobei der Leser überrascht sein dürfte, daß hinter allem Geschehen ein sehr komplexer und äußerst perfider Plan steckte. Von dessen Komplexität jedoch nicht einmal alle Komplizen Ahnung hatten. Doch auf dem Weg zum Ziel müssen sich Ermittler und Leser auf etliche unerwartete Wendungen und verblüffende Erklärungen einstellen.

 

Die Spannung dieser Geschichte resultiert zum einen aus den schwer erklärbaren und verworrenen Familienverhältnissen Krogmann-Eggerstedt und zum anderen aus dem ambivalenten dienstlich-privaten Verhältnis von Kommissar und Staatsanwältin. Dabei wirkt gerade letzteres keinesfalls aufgesetzt - so wie leider in zu vielen Krimis „von der Stange". Vielleicht mußte dieses Element auch sein, weil dieses Buch ja von einem männlich-weiblichen Duo geschrieben wurde. Und weil sich so deren Schaffensprozess auf besonders einfühlsame Weise widerspiegeln kann. Oder als Kontrastmittel zu den ungutenVerhältnissen im Dorfe, was Mitmenschlichkeit, Kollegialität, Freundschaft, Liebe, Sex angeht...

 

Was erfreulich ist, und das ist sicherlich primär Verdienst der Lektorin, daß der Leser an keiner Stelle Brüche spürt, also nicht merkt, wer vom Duo welche Passagen geschrieben hat. Auch sind alle Charaktere, egal ob Hauptakteure oder nur Neben- oder Randfiguren, durchaus lebensecht und glaubhaft gestaltet. Das gilt nicht minder für die Dialoge (und die inneren Monologe) bzw. die Kabbeleien zwischen Elena und Paul.

 

Einfach genial muß in diesem Zusammenhang die Charakterisierung Johannas als eiskalte „Neoliberale" hervorgehoben werden, wie sie sehr krass in einer Vernehmung des Callboys (der ihr einmal pro Monat zu Diensten „stehen" mußte) durch Fricke zum Ausdruck kommt: „Die Krogmann war stinkreich, aber ich habe nie einen Euro mehr von ihr bekommen. Ganz im Gegenteil - Mengenrabatt wollte sie. Und fiese Sachen hat sie verlangt..." (S. 176)

 

Leider haben sich einige kleine sachliche Fehler in den Text eingeschlichen, die aber wohl nur sehr penible Leser entdecken werden (Verhör, Vernehmung, Befragung). Oder diesen: da ist vom Metzger die Rede, obwohl wir Norddeutschen diesen Beruf als Schlachter bzw. Fleischer benennen. Das aber mindert erzählerische Qualität und Spannung jedoch nicht.

 

Einen besonderen Gewinn für den Leser dürften die zwei Anhänge darstellen. In diesen verdeutlicht das Duo seinen Schaffensprozess, einschließlich der Diskussionen über bestimmte Passagen. Nicht verschwiegen wird dort Schenkes Problem mit der Kommasetzung...

 

Nach der Lektüre darf sich wohl nicht nur der Rezensent eine zweite Gemeinschaftsarbeit Gregg/Schenke wünschen. Schließlich möchte man ja auch wissen, wie es mit Staatsanwältin und Kommissar weiter geht. Und was die herbe norddeutsche Landschaft an den Ufern der Ostsee wohl noch so alles an Tatorten und fesselnden fiktiven Verbrechen zu bieten hat.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

S. Gregg / P. Schenke: Blutvilla. Ein Kiel-Krimi. 246 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2119-8

 



 
06.12.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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