Wie Linda von einer „SIE“ zu einem „ES“ transformiert wird

WEIMAR. (fgw) Nichts für zartbesaitete Seelen, erst recht nicht für gendernde und politisch korrekte unter diesen, ist der Roman „Eine Nachtmär“ einer Autorin mit dem Pseudonym „Ananke“ aus dem Jahre 2016. Aber auch, wer hier nun ausufernde Beschreibungen rein geschlechtlicher Aktionen (also Pornographie im engeren Sinne) erwartet, dürfte eher enttäuscht werden.


Gegliedert ist dieser Roman in vier Teile, in der Lindas Geschichte erzählt wird. Mit diesem Dialog: „'Herr?' Sie räuspert sich. 'Mein Name ist Linda. Ich bin gekommen.'

Eine unbekannte Stimme antwortet ihr von der Balustrade aus: 'Dein Name ist nicht von Belang.'" (S. 7)

beginnt der erste Teil - überschrieben „Der Pakt". Nichts deutet hier darauf hin, daß das vorliegende Buch mehr bzw. anders ist als nur ein konventioneller erotischer Roman, mehr ist als ein „normaler" Sado-Maso-Roman wie sie zuhauf auf den Buchmarkt kommen. Aber es deutet sich bereits mit diesem Dialog, mit der Antwort an, worum es im folgenden gehen wird...

 

Worum geht es zunächst? Lindas Vater benötigt teure medizinische Behandlung und ist daher in finanziellen Nöten. Um ihm zu helfen, hat sie daher spontan auf ein Inserat geantwortet. Es handelt sich dabei um einen Pakt, durch den sie sich für dreißig Tge voll und ganz einem „Herrn" unterwerfen soll. Linda bekommt diesbezüglich zu wissen: „Es geht nicht darum, OB du Schmerzen erleidest - die Frage ist höchstens, wann und aus welchem Grund." (S. 19)

 

Doch Linda versteht noch nicht ganz, sie ist ja der Meinung, es gehe (nur) um sexuelle Verfügbarkeit, weil sie mit diesem Pakt ja ihren Körper verkaufe. Der „Herr" wird daher genauer:

 

„'Was glaubst du, was ich von dir will?'

Linda zögert. Als sie antwortet, bemüht sie sich, ihre Worte langsam und mit Bedacht zu setzen: 'Ich denke, Ihr erwartet von mir, daß ich Euch gehorche. Ich bin hier, um Euch zu dienen, und Euch gefügig zu sein.'

Der Herr schüttelt den Kopf, und das Lächeln umspielt er seine Lippen. 'Um genau zu sein, erwarte ich nur eine Sache von dir', sagt er und blickt ihr direkt in die Augen. 'Ich erwarte, daß du hier, bei mir und für mich LEIDEST.'" (S. 25)

 

Und nun beginnen 30 Tage und Nächte voller Demütungen, immer neuer Schmerzzufügungen, immer bizarrer, immer extremer werden. Während dieser Zeit versucht sie sich darüber klar zu werden über das, was hier geschieht, über das, worauf sie sich ja immerhin freiwillig - wenn auch gegen Geld - eingelassen hat: „Wie kann es sein, daß sie, die noch vor wenigen Tagen ein ganz gewöhnliches Leben geführt hat, nun hier sitzt - in Dunkelheit und Einsamkeit, als Opfer eines sadistischen Wahnsinnigen?" (S. 34)

 

Aber auch dreißig Tage sadistischer Torturen haben einmal ein Ende. Sie darf gehen, doch der „Herr" prophezeit ihr, daß sie eines Tages freiwillig vor seiner Tür stehen und darum betteln werde, für immer in seiner Gewalt bleiben zu dürfen... Als Linda im väterlichen Hause eintrifft, stellt sie fest, daß der unbekannte Mann Wort gehalten hat. Gleich nach ihrem „Dienstantritt" ist eine immense Geldsumme eingegangen.

 

Doch Linda findet in ihr gewohntes Leben nicht zurück. Keine zwei Wochen dauert es, bis sie tatsächlich wieder vor dem Haus des Sadisten kniet und um Wiederaufnahme bittet. Als er sie endlich einläßt, bekommt sie nur zu hören: „'Ich werde dich nicht wieder bei mir aufnehmen. Aber ich werde dir gestatten, hier zu bleiben.' (...) Der Herr lächelt: 'Denk daran. Du bist keine Gefangene. Du kannst jederzeit zu mir kommen, um den Reif um deinen Fuß aufschließen zu lassen. Doch wenn du noch einmal durch diese Tür hinausgehst, dann wirst du dieses Haus nicht wieder betreten.'" (S. 67)

 

Verbunden damit sind Instruktionen, noch extremere als in den dreißig Pakt-Tagen. Und dieses Mal gibt es für sie nicht einmal mehr das Druckmittel des Geldes, das sie zuvor zur bedingungslosen Unterwerfung zwang. Aber - „ihr Körper, jede Faser ihres Fleisches giert nach seiner Herrschaft, und allein dieses Wissen reicht aus, sie mit glühendem Haß zu erfüllen, gegen den Herrn und gegen seine unumschränkte Macht über sie." (S. 76) Sie besteht so aus einer „Mischung aus Faszination und Abscheu, aus dem tiefsten Widerwillen und einer seltsam selbstzerstörerischen Lust" heißt es. (S. 89)

 

Die Zerstörung ihrer Persönlichkeit schreitet rapide voran, begünstigt durch ihre unerklärbare Selbstzerstörung. Letzteres obwohl sie es sich eingestehen muß: „Sie ist nicht die seine, und niemals wird sie die Seine sein. Für den Herrn ist sie keine Person, sondern ein Etwas, ein Spielobjekt, mit dem er sich die Zeit vertreibt. Sie ist nicht DIE SEINE, sondern SEIN. (...) Gezeichnet als sein Eigentum. Nicht SIE, nurmehr ES." (S. 103-104)

 

Und folglich wird sie ab jetzt von der Autorin nicht mehr „Linda" genannt; auch auch die Vokabeln „sie", „ihre" etc. kommen im Text nicht mehr vor. Es ist nur noch von einer „es" die Rede. Und fast unbeschreiblich ist das, was die junge Frau ab jetzt mit sich anstellen lassen muß bzw. was sie selbst mit ihrem Körper zu tun hat und auch tut.

 

Doch Lindas Leiden haben immer noch kein Ende, denn nach der Erkenntnis über ihren Status muß sie die Erfahrung machen, daß der Herr demnächst heiraten wird. Und zwar Claire, ein sehr junges und zartes, engelsgleiches Geschöpf. Davon handelt der dritte Teil „Das Fest". Kaum verehelicht, macht der Herr seiner Frau das Objekt, das einmal Linda war, zum Geschenk. Diese nimmt dieses „Kleinod" auch dankbar an. Und sie erweist sich bald als noch sadistischer als der „Herr". Das Objekt wird von der Autorin als „Kleinod" bezeichnet, noch später wird sie von Claire nur noch als „Blume" bzw. „Mohnblume" benamst. Doch Claire quält ihr Spielobjekt nicht nur, sondern sie übt sich mit ihr auch in lesbischen Spielen. Was dem Herrn jedoch nicht gefällt und obwohl er eigentlich schon von Anfang an auch sein „Eheweib" sadistisch quält, so übertreibt er es nun.

 

Was schließlich zum vierten Teil „Der Mord" führt. Wie sich die Lage zuspitzt und was es mit den Mord-Umständen auf sich hat, das soll jedoch nicht näher ausgeführt werden. Nur einige Sätze auf der vor-letzten Seite des Buches sollen dies andeuten:

 

„Das hier ist ihre Erlösung, ihre Möglichkeit zur Rückkehr in ihr eigenes Leben. Der Herr ist tot, seine hynotische Macht über sie ist versiegt. (...) Sie muß nur ihre alte Kleidung anlegen, die in einem sauberen Stapel neben ihr liegt, durch diese Tür hinausgehen, und sie kann als Linda zurück in ihr altes Leben treten." (S. 180) Doch da ist aber noch Claire...

 

So weit, so wenig zum Inhalt. Nicht der darin bezeichnete Leidensweg, das komplizierte Verhältnis von Sadist und Masochistin, die wirklich extremen Torturen sind das Interessante. Nein, für den Rezensenten ist dies wichtiger:

 

Zum einen der Kontrast von Inhalt und Form. Der Inhalt wird keinesfalls in vulgärem Deutsch mit geilem Schaum vor dem Mund erzählt. Nein, die Autorin bedient sich eines überaus gepflegten Deutschs. Einer wirklich guten deutschen Sprache, die davon kündet, daß die Autorin wort- und sprachmächtig ist.

 

Ein Beispiel hierfür darf aufgeführt werden:

 

„Die Zeit vergeht langsam und schmelzend, wie ein Lied. In der Luft liegt ein Geruch nach Herbst. Es ist still hier oben, kaum ein Laut ist zu hören außer den Geräuschen der Vögel und einem gelegentlichen fernen Autobrummen. Ein oder zwei Male hört sie einen Esel blöken, und sie wundert sich über den ungewohnten Laut. Der Wind zieht auf, die Septemberluft schneidet scharf in ihre nackten Glieder und läßt ihren Körper erbeben. Sie blickt zum Himmel hinauf, von dem eine fahle Septembersonne zwischen fliehenden Wolken scheint..." (S. 64) - Das ist Poesie pur und wer diese Zeilen liest, dürfte kaum auf die Idee kommen, daß diese in einem Porno stehen...

 

Ebenfalls löblich: Amerikanismen und „Denglish" kommen bei der Verfasserin an keiner Stelle vor. Das unterscheidet sie wohltuend von den meisten deutschen SM-Literaten. Und sie erzählt die unerhörte Begebenheit überaus sachlich, ja nüchtern. Alle die Dialoge sind knapp und glaubhaft. Allein schon das alles, läßt das geschilderte Grauen ertragen. Ja, selbst die Beschreibungen dieses Grauens kommen glaubhaft und logisch „rüber".

 

Und zum anderen: Ab dem zweiten Teil kommen in das bis dahin durchaus real vorstellbare Geschehen auch andere Genre-Elemente zum Tragen. Einige Worte klingen wie aus einem Märchen (Küchenjunge). Und da die Erzählung immer weiter aus Raum und Zeit wegführt, wird das Ganze durchaus zu Fantasy - gänzlich ohne Fantasy-Figuren. Außerhalb von Raum und Zeit - das bedeutet hier auch das bewußte Weglassen von gesellschaftlichen Verhältnissen und Konventionen. Ja, nur so kann das immer extremer werdende Geschehen glaubhaft/vorstellbar bleiben und für einen Leser außerhalb der Sado-Maso-Szene erträglich.

 

Schließlich das entscheidende, oben in Zitaten schon leicht angedeutet: Die feinfühligen Beschreibungen von Wahrnehmungen und Empfindungen der Protagonistin, ihre widersprüchlichen Empfindungen, ihre Widersetzlichkeit gepaart mit Unterwerfung. Das alles ist vorzüglich dargestellt und durchaus glaubhaft.

 

Wer dieses Buch aufmerksam liest als Transformation einer Persönlichkeit, der dürfte sicherlich zum Nach- und Weiterdenken angeregt werden. Denn was hier für den Sado-Maso-Bereich beschrieben wird, das findet - zwar in anderer Form - ja gar nicht so selten im „normalen" Leben statt. Ähnlicher Techniken bedienen sich doch u.a. die Gründer und Führer von religiösen Sekten oder die von Politsekten, um „ihre Schäfchen" zu manipulieren, damit sie sich „freiwillig" für bestimmte Zwecke mißbrauchen lassen können (Kamikaze-Flieger, Selbstmord-Attentäter).

 

Solcher Techniken bedienen sich auch gewisse Menschen, um andere Menschen finanziell und sexuell ausbeuteten zu können und ihre Opfer geben aus Liebe tatsächlich alles freiwillig bis zur Selbstzerstörung her: Und es sind nicht selten hochintelligente Frauen, die sich von gewissenlosen Männern hörig „bis zum geht nicht mehr" machen lassen.

 

Auch mal darüber nachzudenken, sollte bei der Lektüre eines solchen Pornos nicht zu kurz kommen. Vielleicht hilft ja sogar dieses Extrembeispiel, sich über Reales klarer zu werden.

 

Kurzum: die Autorin kann schreiben, erzählen und fabulieren, sie ist dabei wort- und sprachmächtig und das auch noch in einem gepflegten, guten Deutsch. Sie kann den Leser nicht nur fesseln, sondern auch „überzeugen", denn sie begnügt sich nicht mit der Oberfläche, sondern sie geht vielmehr auf die tieferen Abgründe spezieller schmerzhafter Leidenschaften ein.

 

Die Autorin mit dem Pseudonym Ananke wurde 1987 in NRW geboren und studierte in Mannheim Mathematik und Informatik und war als Software-Entwicklerin tätig.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Ananke: Eine Nachtmär. Roman. 182 S. Taschenbuch. Elysion-Verlag. Leipzig 2016. 9,90 Euro. ISBN 978-3-960000-29-7

 

 



 
09.01.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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