Wie U-69 die Fähre „Caribou“ vor Neufundland versenkte

WEIMAR. (fgw) Der Pendragon-Verlag hat jetzt mit Kevin Majors „Caribou“ ein Buch herausgebracht, das Freunde dieses Hauses zunächst wohl überraschen dürfte. Denn der U-Boot-Krieg im Nordatlantik während des Zweiten Weltkrieges gehört, wie andere Militaria auch, nicht zur Thematik des Bielefelder Verlages. Und daher soll gleich vorab gesagt werden, dieser Roman hat nichts, aber gar nichts, mit der „Landser-Literatur“ á la Prien oder Buchheim zu tun.


Den Hintergrund für Majors Roman bilden zwei historische Ereignisse: Am 14. Oktober 1942 versenkte das deutsche U-Boot „U-69" unter dem Kommando des Kapitänleutnants Ulrich Gräf vor der Küste des seinerzeit noch eigenständigen Neufundland die Fähre „Caribou". 137 Menschen Menschen verloren dabei ihr Leben. Und am am 17. Februar 1943 rammte ebenfalls im Nordatlantik ein britisches Kriegsschiff dieses U-Boot, das darauf sank. Niemand von der rund 50 Mann starken Besatzung überlebte.

 

Der Autor hat für seinen Roman Zeitzeugenberichte von Caribou-Überlebenden sowie Archivmaterialien, darunter auch das offizielle Kriegstagebuch des U-Boot-Kommandanten ausgewertet. Natürlich sind die Gedanken und Äußerungen der realen Protagonisten rein fiktiv. Ebenso wie die der fiktiven Personen, also von Besatzungsmitgliedern und Passagieren auf der Fähre.

 

Die Ereignisse bei beiden Aktionen werden parallel - wie in Film üblich- in Schnitt und Gegenschnitt erzählt. Auf der einen Seite aus der Sicht von U-Boot-Kommandant Ulrich Gräf - als Ich-Erzähler. Auf der anderen Seite, in deren Mittelpunkt der fiktive Steward John Gilbert steht, aus der Sicht eines neutralen Beobachters.

 

Die Menschen an Bord der Fähre sind zivile Opfer eines barbarischen Krieges, auch wenn etwa die Hälfte der Passagiere Militärangehörige waren. Major läßt seinen Leser miterleben, wie man trotz aller bewußten Gefahr das Leben auf der Fähre genießen wollte. Bevor es wieder zum Kriegseinsatz ging bzw. wie man am Ende der Überfahrt seinen beruflichen Verpflichtungen nachkommen mußte. Die Torpedierung traf alle völlig überraschend; ein begleitendes Kriegsschiff konnte nicht helfen. Und Major scheut sich auch nicht, darauf hinzuweisen, daß der Kriegsschiff-Kapitän lieber das U-Boot jagte als die in Seenot geratenen Menschen zu retten. Auch dadurch ist die hohe Zahl der Todesopfer zu erklären.

 

Übrigens, zu Beginn des Seekrieges war es üblich, daß Kriegsschiffe, einschließlich der deutschen, die Besatzungen von versenkten gegnerischen Schiffen retteten. Erst als ein US-Bomber ein deutsches U-Boot angriff und versenkte, das Überlebende eines von ihm torpedierten Schiffes an Bord genommen bzw. Rettungsboote im Schlepptau hatte, erst da wurde diese Praxis deutscherseits eingestellt (Laconia-Befehl). Insofern bleibt der Autor bei der historischen Wahrheit und übt sich nicht in schlicht-propagandistischer Schwarz-Weiß-Malerei.

 

Den deutschen Leser interessieren aber sicherlich gerade die Menschen an Bord des U-Bootes und die Vorgänge um ihre „Feindfahrten" herum mehr. Denn hierzulande kommen ja immer wieder eigentlich nur heroische deutsche U-Boot-Besatzungen in Film und Fernsehen vor: Als Helden, die Opfer wurden... Wobei verschwiegen wird, daß sie in erster Linie Opfer der verbrecherischen Kriegspolitik der Nazis sind.

 

Ulrich Gräf, zum Zeitpunkt der geschilderten beiden Kriegseinsätze gerade mal Mitte Zwanzig, wird keinesfalls als fanatischer Nazi bzw. Landsknecht-Typ dargestellt. Major zeichnet seinen Charakter runder, authentischer, glaubhafter: Gräf ist ein ehrgeiziger, nüchtern denkender und handelnder, pflichtbewußter Berufsoffizier, der durchaus nach Höherem strebt. Aber er ist auch ein Zweifelnder ob seiner Erlebnisse auf diversen Einsatzfahrten. Diese haben ihn desillusioniert. Mehr noch aber ist er durch die kurzen Erholungsaufenthalte in der Marinebasis desillusioniert worden. Auch die dort aufkeimende (fiktive) Liebesgeschichte mit Elise, einer aus München stammenden Krankenschwester, lassen ihn die Welt anders sehen als es die Nazi-Propaganda will. Erst recht aber ein Weihnachtsurlaub im heimischen Dresden, wo er mit dem Leben weit im Hinterland konfrontiert wird, läßt ihn an den Siegesparolen zweifeln. Dennoch gehorcht er nach wie vor den Befehlen und schon die nächste „Feindfahrt" wird ihn und seine Besatzung in den Tod führen.

 

Soweit kurz zum Inhalt. Diesbezüglich kann der Rezensent nur dem Klappentext dieses Buches zustimmen: »Kevin Major zeichnet ein lebendiges Bild der menschlichen Tragödien während der Schlacht im Atlantik. Er verleiht den Menschen ein Gesicht und eine Geschichte, ohne in ein simples Täter-Opfer-Schema zu verfallen.«

 

Was dieses Buch, diesen Roman mit sehr realem historischen Hintergrund, aber noch wertvoller macht, das ist das Nachwort aus der Feder von Christian Adam. Obwohl, das sei gestattet zu sagen, dieses Nachwort das Rezensieren sehr schwer machte. Denn Adam bringt in seinen Zeilen all das - und auf den Punkt gebracht - zum Ausdruck, was der Rezensent auch zu sagen hat!

 

Aus diesem Nachwort sei daher an dieser Stelle etwas ausführlicher - und unkommentiert - zitiert:

 

»Major geht es in seinem Roman nicht darum, eine eingeengte Sichtweise durch eine andere zu ersetzen. Vielmehr ist sein Herangehen zutiefst humanistisch geprägt. Ganz anders, und das muß in diesem Zusammenhang betont werden, vollzog sich die „Traditionspflege" der U-Boot-Männer in der jungen Bundesrepublik. Der Vorgänger „unseres" Kommandanten Gräf auf U 69, der spätere Korvettenkapitän Jost Metzler, trug seinen Teil dazu bei. (...) Aus Metzlers Perspektive, und vieler anderer, gab es nur treue Pflichterfüllung und deutsche Opfer. Die andere Seite blieb ausgeblendet.

 

Das Buch von Ritterkreuzträger Metzler ist ein gutes Beispiel dafür, mit welcher Macht in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 erfolgreich Geschichtsklitterung betrieben wurde. Es ist damit bei weitem kein Einzelfall, sondern Teil eines breiten Stroms solcher Erinnerungsliteratur. (...)

 

Majors Blick auf beide Seiten tut gerade in Zeiten gut, in denen die neuen Ewig-Gestrigen wieder Schlußstriche fordern oder die Katastrophe der Nazi-Herrschaft als „Vogelschiß" verharmlosen wollen. Der Weg, den Major einschlägt, ist der einzige Weg, der es ermöglicht, die Sehrohrperspektive der U-Boot-Fahrer auf das Allgemein-Menschliche zu erweitern und vielleicht für immer loszuwerden.« (S. 327-329)

 

Danke, Christian Adam für diese klaren Worte. Danke, lieber Günther Butkus für dem Mut, dieses Buch dem deutschen Leser zugänglich zu machen und auch für dessen Gestaltung als überaus gediegenes Verlagsprodukt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Kevin Major: Caribou. Roman. Übers. v.Bernd Gockel. 344 S.m.Abb. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-683-6

 



 
31.08.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ