„Wie wir als 'Vereinigte Thüringer Ketzer' Flagge zeigen“

WEIMAR. (fgw) Die nördlich von Weimar gelegene Kreisstadt Apolda ist seit 29. April bis zum 24. September Austragungsort der 4. Thüringer Landesgartenschau. Eingebettet in dieses florale Angebot war am zweiten Juni-Wochenende das Spektakel des 16. Thüringentages. Beide Vorhaben ließen insbesondere die Lutheraner zur Hochform auflaufen und so wurde schon frühzeitig dies verkündigt: „Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland werde sich auf der Landesgartenschau mit rund 370 Veranstaltungen präsentieren. Diese würden rund um eine kleine gläserne Kirche stattfinden, die als 'Gottes Gartenhaus' allen Konfessionen offen stehen, freien Blick in die umliegende Natur gewähren und zum Nachdenken über Gottes Schöpfung anregen solle.“ Auch die kleine Thüringer säkulare Szene vernahm das. Und reagierte. Wie, darüber sprach Siegfried R. Krebs mit Frank Roßner, 2009 Mitbegründer des Humanistischen Verbandes in Thüringen und seit 2015 dessen Vorsitzender.


Frank Roßner, 2.v.r., am gemeinsamen Infostand in Apolda (Foto: Archiv Roßner)

Krebs: Herr Roßner, 70 Prozent der Thüringer sind religionsfrei und gerade diese und die säkularen Verbände kommen in Politik und veröffentlichter Meinung kaum vor. Aber nun wollten Sie diese klerikale Aufdringlichkeit nicht allein im Raum stehen lassen... Für Sie waren jetzt also solche Höhepunkte der staatlich geförderten klerikalen Hochzeit Anlaß, deutlich Flagge zu zeigen?

Roßner: So ist es. Wir als HVD wandten uns deshalb an den DFV und die gbs und schlugen vor, daß wir gemeinsam den Thüringentag zu einer öffentlichen Präsentation unserer Organisationen und Angebote nutzen sollten. DFV und gbs stimmten ohne lange zu überlegen zu und so führten wir mehrere gemeinsame Vorbereitungstreffen durch.

 

Welches waren Ihre Zielstellungen für das gemeinsame öffentliche Auftreten?

Wir sind uns einig, daß es darum geht, den religionsfreien Menschen in Thüringen zu zeigen, daß es uns gibt und wie wir als Verbände für ihre Interessen eintreten. Auch den Gläubigen in unserem Bundesland und den politischen Kräften wollen wir zeigen, daß die teilnehmenden Verbände sehr wohl einen Wertekanon vertreten, der mit Grundgesetz und der Landesverfassung konform geht und mit Menschenrechten, Solidarität, Bildung, Kultur und Wissenschaft die wesentlichen Elemente für die Gestaltung einer modernen Gesellschaft enthält. Und natürlich geht es allen Beteiligten darum, den Bekanntheitsgrad des eigenen Verbandes zu erhöhen und neue Mitglieder zu gewinnen.

 

Das alles ohne Berührungsängste? Und was kam schließlich heraus?

Es gibt untereinander keinerlei Berührungsängste. Viele der Aktiven kennen sich seit längerer Zeit und wir stimmen ja in wesentlichen Fragen, was die Staat-Kirchen-Trennung, die ungerechte Privilegierung der sogenannten Amtskirchen und die Benachteiligung nicht-gläubiger Mitmenschen angeht, weitestgehend überein. Wir kranken hier in Thüringen zum Glück nicht an Organisations-Egoismen. Konkret verabredeten wir zum Beispiel, uns zum langen Thüringentags-Wochenende in Apolda mit drei nebeneinander stehenden Info-Tischen unter einem Dach (einem Pavillon) zu präsentieren. Die Behörden genehmigten unsere Anmeldungen anstandslos und zu den Sicherheitskräften vor Ort hielten die „Vereinigten Thüringer Ketzer" einen sehr guten Kontakt.

 

Was hat speziell Ihr Verband dort angeboten?

Insbesondere die HVD-Thesen „Reformation 2017" als A4-Flugblatt-Poster und gedruckt, unsere Broschüre „Gläserne Wände", das kostenlose Reformationssonderheft der Zeitschrift „Das Parlament" mit einem ausgezeichneten Artikel unseres Bundesvorsitzenden Prof. Frieder Otto Wolf sowie diverse Flyer mit den Angeboten des HVD in verschiedenen Bundesländern. Ferner stellten wir zur Ansicht Bücher und Schriftenreihen der führenden Wissenschaftler des Verbandes vor. DFV und gbs präsentierten ihre Publikationen in ähnlicher Weise.

Übrigens, zuvor waren unsere Verbände bereits am 27. Mai in Jena beim sogenannten Kirchentag auf dem Weg mit einem kompakten Infostand präsent gewesen.

 

Mal direkt gefragt, haben auch Offizielle von Land, Kommune und EKD Ihre Stände zur Kenntnis genommen? Wenn ja, wie? Und wie haben sich „outende" einfache Gläubige zu ihren Angeboten geäußert?

Und direkt geantwortet kann ich sagen, daß wir mit den HVD-Thesen „Reformation 2017", die ja aus der Broschüre „Gläserne Wände" von Michael Bauer und Arik Platzek abgeleitet sind, schon über ein Material verfügen, das offene Probleme beim Aufbau einer modernen Bürgergesellschaft anspricht und über das noch über einen längeren Zeitraum zu diskutieren ist. Darüber wird nicht nur im Deutschlandfunk oder zum kürzlich in Nürnberg stattgefundenen Humanistentag mit führenden Vertretern der EKD diskutiert.

Nein, auch aus Thüringen kamen direkte Anfragen, so von den Linken Laizisten, eine Einladung von „Radio Lotte Weimar" zum Interview mit Michael Bauer und mir sowie zu einem unangemeldeten Telefoninterview von „MDR Radio Thüringen" mit unserem Beisitzer Rainer Thorwirth, geführt einen Tag vor dem Thüringentag. Von der Mediengruppe Thüringen werden wir dagegen noch nicht beachtet, obwohl auch dort unsere Schriften und Materialien bekannt sind.

Natürlich war vielen interessierten Besuchern unseres Infopavillons anzumerken, daß wir in Thüringen ein „Heimspiel" haben und unsere humanistischen Angebote von „der Wiege bis zur Bahre" angenommen werden. Das heißt aber nicht, daß man in Scharen in die Verbände eintritt, aber man freut sich, daß es uns gibt. Auch bei Gläubigen und Priestern ist dies teilweise der Fall.

Es gab jedoch auch Einzelfälle - extreme Fälle, die sagten „Ihr seid schlimmer als die Kommunisten, ihr wollt uns unseren Luther wegnehmen". Darauf konnten wir nur antworten, daß wir als HVD niemanden missionieren wollen, sondern unser Angebot an die Menschen geht, die mit der Religion nichts mehr zu schaffen haben, also dem Klientel, welches für die Kirchen weitgehend verloren ist.

 

Und wie schätzen Sie die Resonanz beider säkularen Aktionen ein?

Zunächst, wir haben uns ohne Illusionen an die Stände gestellt. Und weil wir so etwas erstmalig unternommen haben, gab es auch keine rosa Blütenträume. Daher freuen wir uns, daß wir mit etwa 200 Besuchern ins Gespräch gekommen sind und daß die Publikationen der drei Organisationen auch guten Absatz fanden. Der Hauptanteil der Besucher kam natürlich aus Thüringen und aus sehr unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. Darüber ergaben sich auch eine Reihe sehr interessanter Kontakte mit Besuchern aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen, Niedersachsen und Berlin, um nur einige zu nennen. Jedenfalls sehen wir uns ermutigt, auch künftig und vermehrt wieder „auf der Matte" zu stehen. Schön wäre es, wenn sich uns dann auch die Thüringer Mitglieder des IBKA (Internationaler Bund der Konfessionsfreien und Atheisten) anschließen könnten.

 

Sie deuten schon Künftiges an?

Ja, so findet bereits am 11. November 2017 in Eisenach eine gemeinsame Tagung unserer drei Verbände mit den Linken Laizisten statt. Hier wird unter anderem Dr. Horst Groschopp, der frühere Präsident des HVD-Bundesverband und der Humanistischen Akademie Deutschlands sowie Gründungspate des HVD-Landesverbandes Thüringen, über Luther-Ehrungen in der DDR und der BRD referieren.

 

Vielen Dank für die Informationen und für Eisenach gutes Gelingen!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 



 
07.07.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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