Wiedergelesen: Roman über das Land der hölzernen Götter

WEIMAR. (fgw) Jan Fridegards kulturhistorischer Roman „Land der hölzernen Götter“ wurde vom Rezensenten erstmalig zu Beginn der 1980er Jahre gelesen. Und jetzt – mehr als drei Jahrzehnte später – hat er es wiedergelesen. Wie seine Eindrücke seinerzeit gewesen sind, das ist nicht mehr erinnerlich. Damals ging es wohl mehr um das Abenteuerliche aus ferner Zeit. Heuer sind es primär die Aspekte des materiellen und religiösen Lebens, die ihm bei der Leküre ins Auge gefallen sind.


Fridegard schildert in seinem Roman - nach dem Vorbild isländischer Sagas - das Leben während des 9. Jahrhunderts in der schwedischen Region rund um den Mälarsee. Seine Erzählung basiert auf historischen Überlieferungen, die durch Fotos von archäologischen Funden illustriert werden. Eine kleine vergleichende Zeittafel ordnet das Geschehen im Lande der Nordmänner in die Weltgeschichte ein. Das 9. Jahrhundert war übrigens die Blütezeit der arabisch-islamischen Hochkultur...

 

Der Autor beschreibt zunächst das Leben und den Alltag auf einem Wohnplatz. Und wer dort wie lebt: Häuptlingsfamilie, freie Krieger sowie Sklaven für Haushalt, Feld und Vieh. Später kann der Leser auch Einblicke in das Leben auf der Burg eines der vielen (Klein-)Könige nehmen sowie in eine Handelsstadt am Meer. Ergänzt wird das alles durch sehr feinfühlige und plastische Naturschilderungen.

 

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zum einen der dunkelhäutige und schwarzhaarige Schmied Holme sowie seine Liebste Ausi, beide Sklaven. Als ihr gemeinsames Kind, eine Tochter, geboren wird, ordnet der Häuptling dessen Aussetzung im Wald an. Jetzt lehnt sich Holme auf, sucht und findet das Kind und holt dann Ausi nach. Nach einiger Zeit in einer Grotte begeben sich die drei in die nahegelegene Stadt...

 

Auf ihrer Flucht treffen sie auf einen Fremdling, den dritten Protagonisten der Handlung. Dieser kommt aus einem südlichen Land mit dem Auftrag, die Heiden des Nordens zu missionieren. Der mit dem Schiff reisende Fremdling war Opfer eines Überfalls geworden. Weil die Nordmänner aber Respekt vor Zauberern haben, lassen sie ihn am Leben und setzen ihn am Strand aus. Der Fremdling gelangt ebenfalls in die Handelsstadt und bekommt vom König die Genehmigung, dort für das Christentum zu werben...

 

Die Wege von Holme und Ausi sowie vom Fremdling sollen sich dann noch öfter kreuzen, wobei Ausi den Predigten des Missionars bereitwillig ihr Ohr leiht. Wie es mit den Schicksalen der Helden weitergeht, das soll hier aber nicht weiter erzählt werden.

 

Interessanter sind die Passagen, die das religiöse, kultische Brauchtum der „Heiden" beschreiben. Ebenso die Missionierungsbemühungen - diese sowohl aus der Sicht des Fremdlings als auch aus den Sichten der Einheimischen, insbesondere von Holme (ablehnend) und Ausi (aufgeschlossen und auf ein besseres Leben hoffend). Der Missionar ist von seiner Sendung überzeugt; für ihn ist die Religion der Einheimischen lediglich Aberglauben und Götzendienst. Deshalb kann er auch die ihm sehr lange entgegengebrachte Aufmerksamkeit und Toleranz nicht verstehen. Bis er eines Tages seinerseits in totaler Verblendung alle Grenzen überschreitet.

 

Für den Missionar finden sich Beschreibungen, wie diese von Ausi: „Ein paarmal begegnete sie seinen klaren Augen und wandte sich sogleich ab. Es war eine kalte Freundlichkeit darin, die sie vorher noch nie in jemandes Blick gesehen hatte.Die Krieger waren mürrisch-stolz und hochmütig, aber das hier war etwas anderes. Sie hatte das dumpfe Gefühl, daß solche wie Holme und sie einem Mann wie diesem da gehorchen und dienen müßten." (S. 55)

 

Das (überaus harte) Leben der Nordleute (auch das der Freien) wird von Fridegard keinesfalls beschönigt oder idealisiert. Ganz im Gegensatz zu manch heutigem Mitmenschen, der im damaligen Wikingerleben eine „goldene Zeit" sehen will. Die Wikinger waren eben nicht nur freie Krieger (meist auf Raubzügen in nah und fern), sondern auch Sklavenhalter. Die Sklaven hatten für das Wohlleben der seefahrenden Krieger zu sorgen. Erwähnt wurde ja auch schon das Aussetzen von Neugeborenen. Er verschweigt auch nicht, daß damals bei religiösen Zeremonien Menschenopfer durchaus üblich waren. Vieles dieser Verhaltensweisen wird aber verständlicher, wenn man die rauen und kargen Umweltbedingungen bedenkt. Zu viele Menschen konnten einfach nicht mit Lebensmitteln - insbesondere über die langen Winter hinweg - versorgt werden.

 

Was das spirituelle Leben der vom Fremdling abfällig Heiden genannten Menschen angeht, so schildert Fridegard ab S. 131 u.a. detailliert das Bestattungsritual für einen Häuptling, also die seinerzeit übliche öffentliche Verbrennung auf einem Scheiterhaufen.

 

Ausführlicher soll hier aber auf die „drei hölzernen Götter" eingegangen werden, mit denen Holme, Ausi und der missionierende Fremdling eines Tages konfrontiert werden. Letzterer nimmt diese so wahr: Zweien „diente man mit Blutopfern, sogar Menschen wurden geschlachtet, wenn es galt, ihren Zorn zu mildern. Den dritten verehrte man, indem man dort Unzucht trieb sowohl in Worten wie in Werken." (S. 83)

 

Ab S. 109 beschreibt Fridegard das Neuntagesfest, dessen Opfer die Götter veranlassen sollten, den Menschen Siege und gutes Wachstum und Gedeihen während der nachfolgenden Neunjahresperiode zu schenken. Einige Zitate sollen diese Kulthandlungen illustrieren, wobei der Schwerpunkt auf das Ehren des dritten Gottes gelegt wird:

 

„Auch um die drei Götterbilder kümmerte sich Holme wenig (...) schenkte ihnen nur einen hastigen, forschenden Blick. Stets hatte er gehört, daß sie für Sklaven nichts übrig hatten und so zahlte er es ihnen mit gleicher Münze heim. Tief drinnen in seinem bärbeißigen Gemüt sagte ihm irgend etwas, daß von diesen Holzstatuen nichts zu befürchten sei. (...)

 

...wäre am dritten Tag ein fröhlicheres Fest zu erwarten. Es sei der große Opfertag für den Erntegott, der ihnen den Samen, die Kinder, die Kälber, die Füllen und die Eier schenke. (...) Dieser Gotte liebt es, alle berauscht und in froher Stimmung zu sehen. (...) Dieser Gott war den beiden Kriegsgöttern durchaus nicht gleich; sein Körper wirkte fast weiblich, und sein Mund war zu einem Lächeln hochgezogen. (...)

 

Auf dem Marktplatz verkauften einige Händler Met, und das Gedränge um ihre Verkaufstische war groß. Der Gott sah hinweg über die Seinen und lächelte. In der Tempelhalle begannen sich eigentümlich gekleidete Menschen zu versammeln. (...)

 

Die Sänger gruppierten sich um den Gott, und es wurde ganz still in der Menge. Eine hohe klare Männerstimme begann zu singen, und Ausi lauschte halb benommen. (...) Nun stimmten alle ein, dann war die Stimme wieder allein da und fuhr fort, alles genau zu beschreiben, was vorkommen konnte, wenn ein Mann und eine Frau allein waren. (...)

 

Der Sänger verstummte und wurde von einem neuen abgelöst. Er sang ein anderes Lied, aber es handelte von denselben Dingen, noch unverhüllter. Die Worte des Liedes dankten dem Gott für die Freuden und Genüsse, die er schenkte und sie beschrieben genau, wie man es anstellen sollte, ihm Ehre zu erweisen. Bei gewissen wiederkehrenden Worten im Lied hoben alle ihre Bierkannen. Zwischen den niedrigen Reihen von Schattenbildern, die sich gegen den hellen Hintergrund abhoben, konnte Ausi sehen, wie Männer und Frauen auf den Bänken einander näherrückten. (...)

 

Aus dem Tempel kamen zwei Menschen, ein Mann und eine Frau. Beide hatten nur einen leichten Rock um den Leib. (...) Der Mann und die Frau führten eine Art Tanz aus und zeigten dabei soviel von dem, was die Rocktücher verdeckten, daß sie die Menge in wilde Erregung versetzten. (...) Der Huldigungstanz des schönen Paares zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes schloß damit, daß sie hinter seiner Gestalt zusammenkamen und teilweise von ihr verdeckt wurden. Dort geschah, wirklich oder nur angedeutet, das, was die Masse zum Kochen brachte und wie einen Wald im Sturm erbrausen ließ. Kurzes Auftauchen des einen oder anderen in Bewegung. Zuletzt erschien auf der einen Seite der Kopf der Frau, zurückgeworfen und mit herabhängendem, noch immer blumengeschmücktem Haar. Der Gott verbarg den Rest mit seinem Körper und lächelte wie in heimlichem Einverständnis mit den Zuschauern..."

 

Das war dann der Auftakt für ein Geschehen, daß man heute als wilde Orgie oder Gruppensexparty bezeichnen würde. Männer und Frauen, Freie und Versklavte, Alte und Junge begannen sich kreuz und quer zu paaren... Standesunterschiede galten für die Zeit dieses Gottesdienstes nicht mehr. Und zwischen den einzelnen Paarungen labte und stärkte man sich bis zum Morgengrauen mit Met und Fleisch. Dieses sollte sich dann am sechsten und am neunten (und letzten) Tag dieses Opferfestes wiederholen.

 

Für lustfeindliche christliche Missionare war solches Treiben natürlich des Teufels und vor allem Sünde... Für die Menschen damals und dort bedeutete das aber noch etwas anderes: Denn es ist doch nur normal und von großer Wahrscheinlichkeit, daß so mancher Krieger oder Häuptling zeugungsunfähig war. Aber ein zeugungsunfähiger Mann war eben kein richtiger Mann und erst recht kein Kriegsheld oder Anführer. Durch das befristete und kultische Freigeben des allgemeinen Geschlechtsverkehrs konnte auch die Frau eines Zeugungsunfähigen schwanger werden und so für dessen Ehre „sorgen". Und sollte diese Frau nie schwanger werden, dann war eben nicht er, sondern allein sie an diesem Mißstand schuld...

 

Fridegard schreibt lakonisch dazu auf S. 145: „Wie alle erwartet hatten, wurde es ein gutes Jahr nach dem großen, das ganze Land umfassenden Opferfest. Saat und Ernte wuchsen hoch, die Tiere gediehen gut und bekamen reiche Nachkommenschaft.

 

Viele Frauen, die seit vielen Jahren kein Kind mit ihrem Mann gehabt hatten, spürten nun bald die Folgen jenes Opfers, das sie dem Gott der Fruchtbarkeit in den Frühlingstagen des Opferfestes dargebracht hatten."

 

Jan Fridegards Roman (um 1940 geschrieben) ist in deutscher Übersetzung im Jahre 1980 in der DDR erschienen. Glücklicherweise ist das Buch auch heute noch antiquarisch zu erwerben.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jan Fridegard: Land der hölzernen Götter. Kulturgeschichtlicher Roman. A.d.Schwed.v. Hans-Jürgen Hube. 160 S. m. Abb. Halbleinen m.Schutzumschl. Prisma-Verlag Zenner & Gürchott. Leipzig 1980.

 

 



 
26.02.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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