Wiedergelesen: „Wann wird das Morden ein Ende nehmen?“

WEIMAR. (fgw) So lautet der Titel einer Quellensammlung zur Geschichte Thüringens, die im Jahre 2008 zum 90. Jahrestag der Beendigung des I. Weltkrieges im November 1918 erschienen ist. Wissenschaftler und Studenten der Friedrich-Schiller-Universität hatten dazu unzählige Feldpostbriefe von Thüringer Kriegsteilnehmern gesichtet und in einer Publikation der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung aufbereitet.


Feldpost war für Soldaten im I. Weltkrieg nahezu die einzige Möglichkeit mit der Heimat in Kontakt zu bleiben. Elf Milliarden Briefe wurden zwischen 1914 bis 1918 zwischen Schützengräben und Wohnstuben zugestellt. Eine beachtliche logistische Leistung der Post. Das soll auch in diesem Zusammenhang gewürdigt werden.

 

Überwogen in den ersten Kriegsmonaten noch die Euphorie über die schnellen Siege und die Hoffnung auf einen baldigen Siegfrieden, so nahmen aber bald schon realistische Schilderungen des Frontalltags zu. Und im Laufe des Krieges wurden kritische Stimmen und ein Nachdenken über den Sinn des Krieges immer deutlicher. Die militärbehördliche Zensur konnte angesichts der milliardenfachen Post diese Wahrheiten nicht gänzlich unterdrücken.

 

In den Sammelband haben auch zwei Weimarer Briefeschreiber Aufnahme gefunden, die in einem ganz besonderen Verhältnis zueinander standen.

 

Gärtnerssohn und Landsturmmann

So der Landsturmmann Ludwig Sckell, Sohn des großherzoglichen Oberhofgärtners. Er schreibt am 30. November 1916 nach Weimar an seine Mutter Marie: „...Morgen haben wir bereits den 1. Dezember. Wie rasch die Zeit vergeht. Und noch immer will der schreckliche Krieg nicht zu Ende gehen. Ich las in der Zeitung vom Tode des Kaisers Franz Joseph. Ebenfalls auch vom Rücktritt des Staatsministers von Jagow, der, wie geschrieben wird, aus 'Gesundheitsrücksichten' seine Arbeit niederlegt.

Sollte mal der Krieg aus Gesundheitsrücksichten soundso vieler Hunderttausend Menschen an der Front beendigt werden, dies wäre ganz entschieden anzuraten. Diese Herren, da sie nicht mehr können, sitzen gut im Trockenen... Unsere Division... die armen Menschen haben es schrecklich, Tag und Nacht in den Granatlöchern. Viele werden wohl schon nicht mehr sein..."

 

Am 6. Juni 1917 schreibt er an seine Eltern: „...die Zeiten werden wieder anders, müssen anders werden... Gesegnet sei die Stunde, in der wir uns alle sagen können, jetzt könnt ihr wieder in Frieden und Ruhe miteinander weiterleben. Ja, wäre sie nur schon da... Vaters Ansichten betreffs des Eisernen Kreuzes" teile ich voll. Mir ist meine Gesundheit wichtiger als alle militärischen Auszeichnungen, die ja gewissermaßen ein Lockmittel sind, nur um die Leute anzuspornen..."

 

Am 4. November 1918 heißt es in einem Brief an Sckells Schwester Charlotte: „...Jetzt ist doch anzunehmen, meine liebe Lotte, daß wir bald den ersehnten Frieden bekommen und daß wir uns... bald alle gesund wiedersehen können. Ich bin gespannt, ob der Kaiser noch gestürzt werden wird. Hat doch schon unser Ludendorff abgedankt. Was für Änderungen doch im Reiche stattgefunden haben.Wie froh können doch Bulgarien und die Türkei sein, daß sie nicht weiter zu morden brauchen. Wenn auch die Bedingungen, die man ihnen gestellt hat, nicht leichte sind. Hoffentlich wird es dies Jahr zu einem Friedensweihnachten werden..."

 

Großherzog und General

Ganz anders sieht und erlebt Sckells Landesherr den Krieg. Denn auch Großherzog Wilhelm Ernst schreibt während eines zeitweiligen Frontaufenthaltes regelmäßig Feldpostbriefe nach Weimar an seine Ehefrau Feodora.

 

Am 7. März 1915 heißt es: „...Ich hätte mir Briefpapier mitbringen sollen, dachte aber nicht daran, hoffte auch, die Sache würde hier schneller vorwärts gehen... Gestern Nachmittag ritt ich bei unangenehmer Kälte übers Schlachtfeld von vorgestern. Es sah toll aus. So viele tote deutsche Soldaten habe ich noch kaum zusammen liegen sehen..."

 

Und am 22. Juni schreibt der Großherzog: „...ich machte auch einen Flug im Kampfflugzeug über die russischen Stellungen... Gestiegen wurde bis auf circa 1600 Meter Höhe. Es war prachtvoll, sich die Gegend von so oben anzusehen, aber ziemlich kalt. Man hatte das Gefühl unbedingter Sicherheit... Das Flugzeug ist ausgerüstet mit Maschinengewehr, automatischer Büchse und Bomben... Leb wohl mein Liebes, Dir und den Kindern tausend Küsse..."

 

Wilhelm Ernst antwortet am 26. August 1915 seiner Ehefrau: „...Daß ich dünner geworden bin, ist mir höchstens gesund. Aber ich kann wirklich nicht verstehen, daß Du mich gewissermaßen dadurch strafen willst, daß Du kein Kind haben willst! Jetzt werden gerade Offiziere und Leute beurlaubt, damit die Geburten nicht zu sehr zurückgehen. Jetzt hat gerade jede Frau die Pflicht, für die Fortpflanzung zu sorgen... Allerherzlichsten Dank für Deine Sendung, habe mich sehr darüber gefreut. Nur die Ananas sind etwas zu süß..."

 

Diese Sorgen um zu süße Ananas hatten die Millionen von einfachen Landsern, Unteroffizieren und niederen Offizieren nicht. Sie litten wie ihre Familien Kohldampf und konnten auch nicht nach kurzzeitigen Frontbesuchen wieder zurück in die Heimat. Ihr jahrelanges Elend in den mörderischen Materialschlachten, in den verdreckten Schützengräben, waren eine der Ursachen für den Ausbruch der Novemberrevolution 1918.

 

Ein Jahr nach dem hierzulande kaum gefeierten Jubiläum dieser November-Revolution habe ich diesen Band mit besonderem Interesse gelesen und kann ihn vor allem deshalb empfehlen: Die mediale Fürstenseligkeit wuchert ungebremst und die undemokratische Herrschaftszeit des deutschen Hochadels wird unkritisch immer weiter verklärt.

 

Siegfried R. Krebs

 

Denis Bechmann und Heinz Mestrup (Hrsg.): „Wann wird das Morden ein Ende haben?" kostenlos zu beziehen bei der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung in Erfurt. ISBN 978-3-937967-42-45

 

 



 
06.11.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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