Wien, Buchengasse 100. Oder „Ne pozabi, ti si Slovenka“

WEIMAR. (fgw) Wer die österreichische Geschichte verstehen will, vor allem die der Arbeiterbewegung, sollte „Buchengasse 100“ lesen. Es sind die Lebenserinnerungen einer mutigen jungen Frau, die der Kampf für Österreichs Freiheit zu den Titopartisanen geführt hat.


Marianne wollte sie sich nennen, als sie sich im Herbst 1944 in Slowenien den Tito-Partisanen anschloss. Der Tarnname klinge zu deutsch, meinten die Genossen zu Oswalda „Ossy" Tonka, die damals noch Sokopp hieß. Das falle auf. Warum nicht das slawische Marjana?

 

Wenige Tage vorher hatte das Arbeitermädchen den deutschen Einberufungsbefehl als Luftnachrichtenhelferin nach Kiel erhalten. In der Nazi-Uniform wollte die illegal tätige Kommunistin jedoch nicht kämpfen. Über ihren slowenischen Verlobten, der in Wien Aufträge für die Partisanen erledigte, stellte sie Verbindungen zum jugoslawischen Widerstand her.

 

Die Tito-Partisanen, das war Ende 1944 die einzige bewaffnete Kraft, der sich österreichische Widerstandskämpferinnen- und kämpfer von innerhalb des Deutschen Reichs realistischerweise anschließen konnten. Die wenigen, die es getan haben, waren fast ausschließlich österreichische Sloweninnen und Slowenen. Nur vereinzelt waren es Wehrmachtsdeserteure. Ossy alias Marjana war die erste Wienerin.

 

Zwar gab es auch in der Roten Armee deutsche und österreichische Deserteure und vereinzelt Widerstandskämpfer von vor dem Krieg - um dorthin zu gelangen, musste man aber vorher an die Ostfront. Und dass es keine größeren Verbände an Österreichern gab, lag an der UdSSR selbst. Ein Drittel der österreichischen Sozialdemokraten, die 1934 in die Sowjetunion geflüchtet waren, war bei den stalinistischen Säuberungen im Gulag verreckt oder erschossen worden.

 

Ein Befreiungskrieg. Ein jugoslawischer Bürgerkrieg.
Ein kleiner österreichischer Bürgerkrieg.

Es ist vielleicht kennzeichnend für die komplexe historische Beziehung zwischen Österreich und Ex-Jugoslawien, dass sich auf beiden Seiten Österreicher fanden. In der Mehrzahl freilich bei den Nazis, die in Jugoslawien eines der grausamsten Besatzungsregime etabliert hatten. Wehrmachtsführung und SS setzten am Balkan bevorzugt „Ostmärker" ein. Viele Offiziere kannten die Gegend noch vom Ersten Weltkrieg, manche sprachen sogar eine der Sprachen Jugoslawiens. Die einfachen Soldaten kamen häufig aus alpinen Regionen und mussten für den Einsatz im Balkangebirge nicht großartig ausgebildet werden.

 

Es waren in einem überproportionalen Ausmaß Österreicher, die für die unzähligen Kriegsverbrechen am Balkan verantwortlich waren. Etwa der Luftwaffengeneral Alexander Löhr, der die Bombardierung Beograds befahl. Und der ab 1943 als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe E weiter wüten durfte, von Kreta bis Kroatien Zivilisten erschoss und Dörfer anzündete.

 

Der Zweite Weltkrieg in Jugoslawien, das war ein verzweifelter Kampf eines Volkes um seine Freiheit von den deutschen Besatzern. Das war der jugoslawische Bürgerkrieg gegen die Ustaša und die ebenfalls faschistischen slowenischen Domobranci und gegen die serbischen Cetniks. Nicht selten schoss Bruder auf Bruder, Cousin auf Cousin. Der Zweite Weltkrieg in Jugoslawien, das war gegen Ende hin, wenn auch in weitaus geringerem Ausmaß, auch österreichischer Bürgerkrieg. Es konnte schon vorkommen, dass Österreicher auf Österreicher schossen.

 

Die knappe Sprache lässt die Ereignisse nah an die Leser heran

 

Auch Ossy alias Marjana machte ungewollte Bekanntschaft mit einem österreichischen Wehrmachtsoffizier. Er verhörte sie brutal. Mit knapper Not entkam sie lebendig. „Ne pozabi, ti si Slovenka", „Vergiss nicht, du bist Slowenin", rief ihr der Partisan zu, der mit ihr verhaftet wurde. Nur nicht verraten, woher du kommst. Das Rat dürfte ihr das Leben gerettet haben.

 

Um die Kapitel mit den Kriegserinnerungen Ossy Tonkas zu lesen, sollte man „Buchengasse 100" vielleicht zwischendurch beiseite legen. Sie sind heftig. Ossys knappe, schnörkellose und direkte Sprache arbeitet die Grausamkeit heraus und lässt sie besonders nahe an den Leser heran. Gerade weil sie die Beiläufigkeit von Tod und Folter im Partisanenkrieg so deutlich macht.

 

Man muss sich zusammenreißen, darf nicht nachdenken, muss aufstehen. Sonst ist man tot.

 

Dass ausgerechnet eine Kommunistin ausgerechnet bei den Titopartisanen für die Freiheit Österreichs kämpft, mag Menschen befremdlich vorkommen, die sich wenig mit der österreichischen Geschichte und vor allem der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung auseinandergesetzt haben.

 

Ein Exkurs zur österreichischen Geschichte

Einen großen Teil dieser Wissenslücken können Ossys Lebenserinnerungen schließen. In „Buchengasse 100" arbeitet sie anhand der Geschichte ihrer Familie die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung von Ende der 1860-er bis nach dem Zweiten Weltkrieg heraus.

 

Der Großvater ist einer der ersten illegalen Gewerkschafter und Sozialdemokraten auch zu einer Zeit, als noch gar keine sozialdemokratische Arbeiterpartei gab. Der Vater ist ebenfalls überzeugter Gewerkschafter und Sozialdemokrat und beteiligt sich, soweit es seine Kräfte zulassen, am Aufbau des Roten Wien, des versuchten Gegenentwurfs zu Kapitalismus und Bolschwismus. Und hadert mit der Führung seiner Partei, die sich die ganze Erste Republik lang immer mehr in die Defensive drängen lässt.

 

Eine Niederlage als Fanal. Der Februar 1934

Das Ende der Partei muss er nicht miterleben. Im Februar 1934 gehen Sozialdemokratie und Gewerkschaft in einem Kugelhagel und Strömen von Blut unter. Zu spät und zu zögerlich hatte sich die Parteiführung entschlossen, die Republik mit Waffengewalt gegen den schleichenden faschistischen Putsch zu verteidigen, der ein Jahr davor begonnen hatte. Zu lange und zu oft war sie selbst in dieser Phase zurückgewichen, hatte den beginnenden Faschismus zu viele rote Linien überschreiten lassen.

 

Und selbst im letzten Moment überließ sie die Initiative anderen. Den faschistischen Heimwehren und ihren aufbegehrenden Parteimitgliedern, einer war Ossys Onkel Otto, die mit der Waffe in der Hand Republik und Partei vor den Faschisten verteidigen wollten.

 

Als sich die sozialdemokratische Parteileitung entschloss, die Kampfleitung zu übernehmen, waren die ersten Schüsse gefallen. Der Aufruf zum Generalstreik konnte nicht weitergegeben werden. Wirkungsvoller militärischer Widerstand war nicht zu organisieren. Der Kampf um die Republik brach nach drei Tagen zusammen.

 

Ganz umsonst war der Kampf nicht: Er galt in ganz Europa als Fanal, dass der Kampf gegen den Faschismus auch ein bewaffneter Kampf sein müsse oder gar kein Kampf wäre.

 

Viele Sozialdemokraten liefen zur Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) über. Die war bereits seit 1933 illegal und sie war gut organisiert. Auch Ossys Tanten wurden Kommunisten. Ossy selbst trat der kommunistischen Jugendbewegung bei und beteiligte sich an Sabotageakten.

 

Die KP als Hauptträgerin des Widerstands

Im Widerstand gegen den österreichischen und ab 1938 den deutschen Faschismus in der Heimat konnten die Revolutionären Sozialisten, die Nachfolgepartei der Sozialdemokratie, nie die Bedeutung der KP erlangen.

 

Bis zu 80 Prozent der getöteten österreichischen Widerstandskämpfer- und kämpferinnen waren Kommunisten. Von denen wiederum war ein Großteil vor 1934 bei der Sozialdemokratischen Partei. Der hohe kommunistische Blutzoll ist freilich nicht nur auf den unbestrittenen Mut vieler kommunistischer Kämpferinnen und Kämpfer zurückzuführen. Die Partei ordnete auch viele Himmelfahrtskommandos an, deren Zweck im Nachhinein zweifelhaft erscheint.

 

Auch auf einer zweiten Ebene hat die KP zu Österreichs Unabhängigkeit nach 1945 beigetragen. Sie war schon in der Ersten Republik die erste Partei, die sich zur Unabhängigkeit der österreichischen Nation bekannte.

 

Bis heute gelten österreichische Partisanen als Vaterlandsverräter

Bis 1933 betrachteten alle anderen Parteien die Republik Österreich als Provisorium und strebten einen Anschluss an Deutschland an. Als erste Partei nach der KP strichen die Sozialdemokraten offiziell den Anschlussparagraphen aus dem Parteiprogramm - nach der Ernennung Adolf Hitlers zum deutschen Reichskanzler.

 

Die Haltung der ab den späten 20-ern faschistischen Christlichsozialen blieb bis zum Anschluss ambivalent. Sie nahmen für sich in Anspruch, die Verteidiger Österreichs gegen den „Nationalsozialismus" zu sein - und nannten in ihrer Verfassung Österreich einen „christlichen und deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage." Als die Panzer der Wehrmacht in der Nacht auf den 12. März 1938 über die Grenze rollten, erhielt das Bundesheer den Befehl, in den Kasernen zu bleiben, auf dass „kein deutsches Blut vergossen werde".

 

Den geistigen Nachfahren dieser Herren gelten die österreichischen Kämpferinnen und Kämpfer bei den Tito-Partisanen bis heute vielfach als Vaterlandsverräter. Die faschistischen Kanzler gelten diesen Leuten bis heute als Patrioten.

 

„Ein Meisterwerk zur österreichischen Arbeitergeschichte"

In „Buchengasse 100" zeichnet Oswalda Tonka nach, wie diese Ereignisse ihre Familie beeinflussten - vom erzwungenen Austritt aus der Gewerkschaft, der Armut des Proletariats in der Donaumonarchie bis zur Hinrichtung eines Onkels durch die Gestapo.

 

Sie verschweigt auch nicht, dass einige Mitglieder der weit verzweigten Familie überzeugte Austrofaschisten oder „Nationalsozialisten" waren.

 

Nicht zu Unrecht wird das Buch in Rezensionen so beschrieben: „Mit „Buchengasse 100" ist Oswalda Tonka ein Meisterwerk zur österreichischen Arbeitergeschichte gelungen, literarisch anspruchsvoll, packend erzählt und historisch detailgetreu. Die Sokopp-Tonkas waren über 100 Jahre lang an zeitgeschichtlichen Brennpunkten zugegen."

 

Herausgegeben hat „Buchengasse 100" Gitta Tonka, Oswaldas Tochter.

 

 

Christoph Baumgarten

 

 

Oswalda Tonka: Buchengasse 100. Geschichte einer Arbeiterfamilie. Hrsg. von Gitta Tonka. 232 S. Promedia- Verlag. Wien 2016. 17,90 Euro. ISBN 978-3-85371-405-8

 



 
28.12.2016

Von: Christoph Baumgarten
 
 
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