„Wir“ sind mit Waffen und mit Soldaten heute (fast) überall

WEIMAR. (fgw) Mitte 2017 wird deutlich: Die deutsche Militärpolitik hat aktiv mit der Umsetzung der im „Weißbuch 2016“ veröffentlichten Thesen begonnen.


So sieht und stellt sich die Bundeswehr selbst dar...

Unter anderem hieß es dort: Deutschland ist bereit, sich früh, entschieden und substantiell als Impulsgeber in internationale Debatten einzubringen. Deutschlands sicherheitspolitischer Horizont ist global und umfasst auch Cyber-, Internet- und Weltraumgefahren. Deutschland will Verantwortung für Stabilität und Sicherheit des internationalen Umfelds übernehmen. Vorzuhalten sind militärische Mittel von der Beobachtungsmission bis zur Friedenserzwingung. Zu verbessern ist die Ausrüstung der Bundeswehr, ihre Einsatzbereitschaft und Reaktionsfähigkeit. Zu überdenken ist eine mögliche Reform des verfassungsrechtlichen Rahmens für Auslandseinsätze.

 

Weitere Merksätze weisen im Kern vor allem darauf hin: Deutschland steigt auf in die Liga der globalen Akteure. Die deutsche Armee ist nicht mehr Wehr zum Schutz eigener Grenzen, sondern Einsatzarmee zur weltweiten Sicherung macht- und wirtschaftspolitischer Interessen Deutschlands und ihm eng verbündeter Staaten.

 

Was auch heißt: Der Einsatz der Bundeswehr ist in jedem Land und auf jedem Kontinent, weltweit, denkbar. Der neue Leitspruch der Deutschen Bundeswehr könnte lauten: Wir sind überall!

 

Der an deutscher Historie Interessierte erinnert sich. Diesen Satz, dieses Motiv gab es schon. Nur waren seine Herkunft, seine Vorzeichen und Ziele gänzlich andere: Mit seinem 1973 verfassten Lied „Wir sind überall, überall auf der Erde", schuf der Autor Reinhold Andert eine von vielen Menschen begeistert aufgenommene Hymne der Hoffnung und Zuversicht auf eine Zeit des Friedens. Vom einst berühmten Oktoberklub gesungen und zu einem der Hits des der DDR nirgendwo zugetrauten „Festival des politischen Liedes" avanciert, reichten Melodie und Text dieses Songs inmitten der eben ausgebrochenen Hysterie zur Atombewaffnung weit über die engen und abgeschotteten Grenzen der kleinen DDR hinaus. Die Worte seiner Schlusszeilen, „wir bleiben dabei, überall muss Frieden sein", waren wie ein Fanal, wie ein Ruf an die Jugend der ganzen Welt.

 

Diese Worte und deren Melodie verhallten aber nach 1990 im Sog einer neuen und ganz anderen Welle.

 

Das Weißbuch schrieb den neuen Text, die Instrumente sind andere - sie spielen gegebenenfalls eine unmelodische, garstige Melodie. In 16 Ländern auf drei Kontinenten sind deutsche Soldaten heute im Einsatz, auf dem vierten Kontinent werden sie an Hightech-Waffen ausgebildet. Und ganz nebenbei: Deutschland ist drittgrößter Waffenexporteur der Welt.

 

„Wir" sind (fast) überall! Ob unter eigener, der Flagge der UN oder der NATO, deutsche Soldaten sind in aller Welt.

 

In den Operationen „Sea Guardian" und „Sophia" kreuzen sie im Mittelmeer, „bekämpfen" Schleuser und retten mit Kriegsschiffen Flüchtlinge. In der Ägäis beteiligt sich die Bundesmarine am Sichern und Beobachten der Gewässer vor Griechenland, der Türkei und der Levante. Vom Stützpunkt Al-Asrak in Jordanien aus fliegt die Luftwaffe mit Tornados und Tankflugzeugen gegen den IS, und in Konya/Türkei sind deutsche AWACS-Besatzungen ständig bereit zu Aufklärungs- und Leiteinsätzen. Im Nordirak unterstützen deutsche Soldaten Kämpfer der Peschmerga gegen den IS. In Afghanistan sind noch immer (oder schon wieder) mehr als 1.000 Bundeswehrsoldaten im Einsatz, um im Rahmen der Operation „Resolute Support" eine Stabilität des Landes zu gewährleisten, die zuvor mit 3.500 Mann Beteiligung am 10 Jahre währenden ISAF- Einsatz nicht erreicht wurde. 18 Jahre nach Beginn des SFOR-, nunmehr KFOR- Einsatzes im Kosovo bemühen sich noch immer rund 470 deutsche Soldaten um Befriedung dieses rebellischen Landstrichs.

 

Wer kennt die Länder, nennt die Namen. Deutsche Soldaten sind dabei im Sudan, im Südsudan, in Djibouti und Somalia. Bei MINURSO in der Westsahara schützen sie Marokko gegen die Polisario, und bei ATALANTA am Horn von Afrika jagen sie Piraten. In Mali erfüllt die Bundeswehr mit mehr als 1.000 Mann bei MINUSMA und EUTM eine Doppelaufgabe. Unter der Bezeichnung Enhanced Forward Presence sichern deutsche Soldaten in Litauen mit rund 700 Mann und „Leopard"- Panzern Westeuropa vor dem angeblich möglichen Einfall russischer Truppen.

 

Damit befinden sich rund 3.400 Soldaten der Bundeswehr ständig im Auslandseinsatz, bei Kontingentwechsel sind es entsprechend mehr. Zudem erfolgt auf Stützpunkten in den USA vor allem die Ausbildung der deutschen Luftwaffe, und in Suda auf Kreta üben Soldaten der Bundeswehr den Start von „Patriot"- Raketen.

 

Längst verklungen ist das im Text genannte Lied. Wie begann doch dessen letzter Vers? „Wir bleiben dabei - auf der Erde muss Frieden sein". Nur: Wer liebt und hört heute noch solche Lieder? Die Einen strebten 1973 und später überall mit Liedern und machtvollen Demonstrationen nach dem weltweiten Frieden. Die Anderen glaubten schon vorher und glauben noch immer, den durch sie selbst gefährdeten Frieden mit Kampfjets, Panzern und Cyberwaffen sowie mit Argumenten zu sichern, die man 1990 überwunden glaubte. Und sie sind heute (fast) überall.

 

 

Martin Kunze

 

 

 



 
23.07.2017

Von: Martin Kunze
 
 
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