Wissenswertes über die proletarische Freidenker-Bewegung

WEIMAR. (fgw) Wissenswertes über die proletarische Freidenker-Bewegung... Aber leider nur im Reprint und höchstens antiquarisch erhältlich. Dennoch soll hier und heute darauf – und sogar etwas ausführlicher – eingegangen werden. Viele der Fakten sind doch inzwischen teils oder gar völlig unbekannt.


Im Jahre 1926 gab das in Thüringen wirkende Lehrer-Ehepaar Anna und Walter Lindemann, beide Freidenker und Kommunisten, eine Programmbroschüre mit dem Titel „Die proletarische Freidenker-Bewegung" heraus, gegliedert in die drei Abschnitte „Geschichtlicher Teil", Theoretischer Teil" und „Praktischer Teil" mit insgesamt sechs Kapiteln. Henning Eichberg hat diese Schrift rund 55 Jahre später als Reprint neu herausgegeben und durch einen sehr informativen Anhang „Proletarische Freidenker. Über eine alternative Kulturbewegung, die in der Rechristianisierung der Linken unterging" ergänzt. Was er darin schreibt, findet - das soll gesagt sein - aus westdeutscher Sicht und dem dortigen Erkenntnisstand Ende der 1970er Jahre statt. Was das Reprint angeht, so ist leider schwer lesbar, was dem Argumentations-Stil ihrer Zeit, der Zusammenstellung der einzelnen Kapitel und vor allem seiner Typographie geschuldet.

 

Zur schweren Lesbarkeit schreiben die Lindemanns in ihrem Vorwort selbst: „Die Broschüre ist so aufgebaut, daß sie eine Erläuterung des Programms der „Gemeinschaft proletarischer Freidenker" ist. Zugleich sind die ursprünglichen „Thesen aus denen, wie gesagt das Programm entstanden ist, wieder mit abgedruckt. Da inzwischen durch die Gründung der „Internationale proletarischer Freidenker" (IpF) auch deren Programm, Richtlinien usw. für die Freidenkerbewegung Deutschlands bindend geworden sind, so sind den einzelnen Teilen der Broschüre die zu ihnen gehörigen Stellen vorangedruckt." (S. 6)

 

Geschichtlicher Teil

Von den vierzehn „Richtlinien der IpF" sollen nur die erste, vierte, fünfte und die letzte hier Erwähnung finden:

 

„1.) Die völlige geistige Befreiung der Arbeiterklasse setzt ihre ökonomische Befreiung voraus. Aber im Kampfe für diese ökonomische Befreiung ist die Bekämpfung der geistigen Rückständigkeit der Arbeiter eine der wichtigsten Waffen.

(...)

4. Die wirksamsten ideologischen Kräfte der Reaktion sind Religion und Nationalismus.

5. Die Religion hat die Aufgabe, das Proletariat von seinen Lebensinteressen abzulenken.

(...)

14. ...Jede proletarische Partei muß dafür kämpfen, daß für den Staat die Religion Privatsache ist, aber für sie selbst darf die Religion nicht Privatsache sein. Insbesondere von den Führern und Funktionären der proletarischen Bewegung muß verlangt werden, daß sie voll und ganz auf dem Boden des Marxismus stehen, der mit jeder religiösen Ideologie unvereinbar ist." (S. 7-8)

 

Gerade die hervorgehobene Passage sollte auch heute von Linken, insbesondere von DEN LINKEN (wie Gysi, Buchholz oder Ramelow), zur Kenntnis genommen werden...

 

In Kapitel I geben die Lindemanns einen Überblick über die „Allgemeine Geschichte der Klassen", während es in Kapitel II um „Die Klassen und ihre Stellung zur Kirche" geht. Behandelt werden hier die Feudalklasse, die Bourgeoisie und das Proletariat.

 

Bezüglich der Feudalklasse heißt es u.a.: „Je mehr die Kirche als unfehlbar galt, je angesehener die Priester waren, desto leichteres Spiel hatte die herrschende Klasse. Jede Gewalttat, jede Ausbeutung wurde den Untertanen als Prüfung Gottes vorgelegt. Die Geduld, die diese im Ertragen hatten, würde ihnen, so sagte die Kirche, im Jenseits als gutes Werk angerechnet werden. Ja, sie verstieg sich sogar zu dem lebensfeindlichen Satze: Je elender der Mensch auf Erden, desto seliger sei er im Himmel." (S. 15)

 

Nicht wesentlich anders nutze die Bourgeoisie Religion und Kirche...

 

In der Passage zum Proletariat wird auf das Erfurter Programm der SPD von 1891 verwiesen:

 

„Erklärung der Religion zur Privatsache. Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als private Vereinigungen zu betrachten, welche ihre Angelegenheiten vollständig selbständig ordnen. Weltlichkeit der Schule. Unentgeltlichkeit der Totenbestattung." (S. 17)

 

Von solchen Forderungen, also der Trennung von Staat und Kirche, hat sich die SPD aber schon in der Weimarer Republik verabschiedet, wie es derzeit auch tonangebende Personen aus der LINKEN tun. Ja, selbst maßgebliche Vertreter „humanistischer Verbände" wollen von solcher Forderung nichts mehr wissen... Warum wohl?

 

Ausführlich gehen dann die Lindemanns auf die Entwicklung freigeistiger Organisationen ein:

 

„Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchen eigene proletarische freigeistige Organisationen auf. 1905 wurde der 'Verein der Freidenker für Feuerbestattung' -V.d.F.f.F.- in Berlin gegründet; 1908 in Eisenach der 'Zentralverband proletarischer Freidenker Deutschlands' (aus dem die 'Gemeinschaft proletarischer Freidenker' -G.p.F.- erwuchs).

(...)

In Thüringen wurde [Anfang der 1920er Jahre; SRK] der Freidenkerunterricht erkämpft... Zahllos waren die Abmeldungen vom Religionsunterricht. Das Schulgebet wurde abgeschafft usw. usw. Man kämpfte für die Anstellung von Freidenkerlehrern 'entsprechend der Anzahl der vom Religionsunterricht befreiten Kinder'. (...) Die Zahl der Feuerbestattungen nahm enorm zu. [Diese Entwicklungen wurden aber alsbald durch bürgerliche Landesregierungen wieder abgeschafft; SRK] (S. 18-19)

 

Mit dem Abflauen des revolutionären Elans nach der Novemberrevolution und der Spaltung der Arbeiterbewegung in zwei Parteien, die der Sozialdemokraten und die der Kommunisten, sei es auch zu Spaltungen in der Freidenker-Bewegung gekommen, schreiben die Autoren. Sie können aber auch auf gegenläufige Tendenzen verweisen:

 

„Die Jahre 1925 und 1926 sind reich an Erfolgen, sie bringen die Ernte ein, die in der stillen Arbeit des täglichen Kampfes herangereift war. Die Spaltung in der G.p.F. wird überwunden. In Coburg wird im Herbst 1925 beschlossen, die 'Reichsarbeitsgemeinschaft freigeistiger Verbände' noch enger zusammenzuschließen, um den Kampf gegen den Reichsschulgesetzentwurf noch geschlossener führen zu können. Im Oktober beschließen die in Berlin versammelten Funktionäre des V.d.F.f.F. den Kurs auf die Einigung aller proletarischen Freidenker zu nehmen. Ende Januar 1926 beschließt die G.p.F. auf ihrer Generalversammlung die Vereinigung mit dem V.d.F.f.F. Und dann folgten in Berlin auf der Hauptversammlung des V.d.F.f.F. zwei weitere Schritte: der V.d.F.f.F. gibt sich ein marxistisches Programm und beschließt seinerseits die Vereinigung mit der G.p.F." (S. 20-21)

 

Das II. Kapitel schließt mit einem kurzen Überblick über „Die religiöse Gliederung Deutschlands", darin heißt es u.a.:

 

„Wir kommen nun zu der aus der Kirche ausgeschiedenen Bevölkerung. In der G.p.F. sind 80.000 Familien organisiert - 300.000 bis 400.000 Menschen; der Berliner 'Verein der Freidenker für Feuerbestattung' hat 400.000 Mitglieder, das sind 800.000 bis eine Million Menschen, wenn man die Zahl der nicht organisierten Kinder mitrechnet." (S. 23)

 

Auf das dritte Kapitel „Die alte und die neue Weltanschauung" soll hier weiter eingegangen werden.

 

Theoretischer Teil

Dieser Teil besteht nur aus einem einzigen, dem IV. Kapitel „Verhältnis der Arbeiterparteien zur Religion". Die Autoren führen hier zunächst den G.p.F.-Programm-Paragraphen 3 („Die Mitgliedschaft ist unabhängig von der besonderen Parteizugehörigkeit.") an und gehen dann auf die These 6 ein:

 

„Die Kirche kann nicht endgültig gestürzt werden durch ideologische Zertrümmerung, sondern nur durch die Zertrümmerung ihrer wirtschaftlichen und politischen Machtstellung. Darum mündet der Kampf gegen die Kirche aus in den politischen Kampf." (S. 33)

 

Sie vertiefen das mit Blick auf die Dialektik des Freidenker-Programms:

 

„Der Kampf gegen Kirche und Religion bleibt so lange ein Machtkampf, eine politische Frage, bis nach dem Siege des Proletariats die Kirche ein privater Verein geworden und auf die Beiträge ihrer Mitglieder angewiesen ist. Erst dann kann der Kampf UM RELIGION UND WELTANSCHAUUNG mit geistigen Waffen ausgetragen werden, da dann beide Lager unter gleichen Bedingungen kämpfen." (S. 38)

 

Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß noch heute die katholische und die evangelischen Kirchen in Deutschland über mehrere hunderttausend Hektar Grundbesitz verfügen und daß ihre anderen wirtschaftlichen Unternehmungen (darunter auch eigene Banken) milliardenschwere Konzerne sind...

 

Die Autoren wenden sich dann ausführlicher den entsprechenden Auffassungen von Marx, Engels, Lenin und Luxemburg zu und setzen sich schließlich mit dem „religiösen Sozialismus" auseinander:

 

„Ganz abwegig ist diejenige Theorie, die man heute unter dem Sammelnamen 'Religiöser Sozialismus' zusammenfaßt. Sie ist aus der Verballhornung des Satzes von der 'Religion als Privatsache' entstanden. (...) Der religiöse Wahn hat breiteste Teile der Sozialdemokratie erfaßt." Mit solchen Theorien werde die Absage der Sozialdemokratie an sozialistische Revolutionen begründet, heiße es doch bei deren Apologeten u.a.: „Religiöse Ergebnisse allein bestimmten den Gang der Geschichte. Der Geist siege ohne jede Gewaltanwendung." (S. 42-43)

 

Die Lindemanns gehen im weiteren auf die Kulturpolitik von SPD und KPD sowie deren Verhältnis zur Freidenker-Bewegung ein.

 

In Bezug auf die SPD führen sie aus:

 

„Es ist klar, daß sich die Sozialdemokratische Partei gegen eine konsequente Freidenkerbewegung wehrt. Mit Notwendigkeit ergibt sich daraus für ihren rechten Flügel folgende Taktik: Eroberung der Freidenkerorganisationen - und danach Lahmlegung. Oder aber, falls die Eroberung nicht gelingt: Zerschlagung der Organisationen durch Spaltung. Und damit wiederum Lahmlegung." (S. 47)

 

In dieser Hinsicht haben sich rechte Sozialdemokraten übrigens die „bewährte Strategie und Taktik" der Priesterkaste zu eigen gemacht, die seit Jahrhunderten auf diese Weise reagieren, wenn sich das Volk gegen die da oben, zu denen sie ja selbst gehören, aufrührt.

 

Sehr kritisch sehen die KPD-Mitglieder Anna und Walter Lindemann aber auch ihre eigene Partei, wenn sie schreiben:

 

„Demgegenüber müssen zwei Fehler besprochen werden, an denen die kommunistische Politik gelitten hat. Der eine ist auch heute noch nicht ganz überwunden. Das ist der, daß man die Notwendigkeit von Freidenkerorganisationen nicht anerkennen will. Einige Kommunisten - in bestimmten Gegenden - behaupten zum Teil immer noch, eine besondere Freidenkerorganisation sei überflüssig, all das könne die Partei allein machen." (S. 47-48)

 

Leider wirkte eine solche Auffassung nach 1945 im Osten Deutschlands bei der SED nach, wo man der Meinung war, daß die wesentlichen Forderungen der Freidenker in der DDR ja staatliche und gesellschaftliche Realität geworden seien. Was zwar im Grundsatz stimmte, aber eben nicht ganz...

 

Der praktische Teil umfaßt zwei Kapitel, die übrigens maßgebliche Funktionäre des heutigen Humanistischen Verbandes (HVD) sehr aufmerksam zur Kenntnis nehmen sollten, grenzen sie sich doch vehement von der „Freidenkerei" ab. Diese sei ja nur kirchenfeindlich, Humanismus müsse stattdessen praktisch sein.

 

Aber wer sich genau informiert, der bekommt nicht nur anhand dieser kleinen Broschüre mit, daß die proletarischen Freidenkerorganisationen der 1920er Jahre sehr wohl praktisch waren. All das, was der HVD als seine originären Erfindungen ausgibt, wurde bereits damals praktriziert: Fest- und Feiergestaltung, lebenskundlicher Unterricht, kulturelle Arbeit, Lebenshilfe und gegenseitige Solidarität, dazu sogar noch ein eigenes kostengünstiges Bestattungswesen für die Mitglieder...

 

So heißt es im G.p.F.-Programm in § 2:

 

„Die Aufgaben der G.p.F. sind:

a) Die Gestaltung des Alltags- und Gemeinschaftslebens.

b) Bildung und Erziehung der Jugend.

c) Volksaufklärung im Geiste dieser Weltanschauung.

d) Reinigung der Köpfe von kirchlichen, religiösen und übernatürlichen Vorstellungen und von bürgerlichen Moralbegriffen." (S. 50)

 

Kapitel V wendet sich im Komplex „Die Aufgaben der proletarischen Freidenkerbewegung" sehr differenziert den primär als kulturpolitisch verstandenen Aufgaben zu, beginnend mit Forderungen in bezug auf Staat und Kirche:

 

„1.Trennung von Kirche und Staat, Kirche und Schule.

2. Weltlichkeit der Schule, der Krankenpflege, des Wohlfahrts- und Bestattungswesens.

3. Streichung der Aufwendungen und Leistungen aus den Mitteln des Staates oder der Gemeinden für konfessionelle Zwecke.

4. Erklärung der kirchlichen und religiösen Organisationen zu privaten Vereinigungen, die die Mittel zur Beschaffung und Erhaltung ihrer Einrichtungen durch ihre Mitglieder selbst und ohne Hilfe staatlicher und anderen Behörden aufzubringen haben. (...)

Dazu kommt die Forderung nach Enteignung der Kirche zugunsten des Staates." (S. 52)

 

Es folgen viele Beispiele über bereits übliche Angebote oder zu Vorstellungen für die Gestaltung des Alltags- und Gemeinschaftslebens (Passageriten, Feste und Feiern, Feuerbestattung, Kultur, Künste und Bildung).

 

Zur gegenseitigen Hilfe heißt es u.a.:

 

„Auch die Freidenkervereine haben sich mannigfaltige Einrichtungen der gegenseitigen Hilfe geschaffen. Während aber alle Leistungen der Kirche auf diesem Gebiete den Charakter der Wohltätigkeit, des Almosengebens, des Hochmuts tragen und für den Arbeiter demütigend sind, weil er sich bei denen, die ihn ausbeuten, auch noch bedanken soll, hat die gegenseitige Hilfe im Proletariat die entgegengesetzte Wirkung. (... denn) Eine der obersten Tugenden des Proletariats ist die Solidarität." (S. 61-62)

 

Hinzuzufügen wäre, daß bis in die heutige Zeit die Kirchen Gutes in der Regel nur mit dem Geld anderer tun...

 

Im weiteren geht es um die Eigenart der Organisation und den Umfang der Mitgliedschaft im Gegensatz zu einer Parteimitgliedschaft:

 

„Dagegen veranstaltet die Freidenkerorganisation ihre Feiern für ALLE Proletarier, alle will sie von der Wiege bis zur Bahre durch das Leben gegleiten. Für alle will sie Freidenker-Unterricht, Schulfeiern und Feste einrichten; für alle will sie die Gefühle gegenseitiger Hilfe pflegen, nicht nur für einen Vortrupp." (S. 71)

 

Kapitel VI ist lapidar überschrieben mit „Anhang" und beginnt folgendermaßen:

 

„Motto: Wir brauchen Kultur in der Arbeit, Kultur im Leben, Kultur im Alltagsleben. (Trotzki, 'Fragen des Alltagslebens')

 

Wir wollen unsere Arbeit schließen mit einigen Zitaten aus Trotzkis Buch, weil uns gerade die Schriften Trotzkis notwendige praktische Richtlinien für unsere Arbeit zu geben scheinen." (S. 77)

 

Dieser Bezug auf Trotzki, insbesondere dieser positive Bezug, läßt staunen. Denn anno 1926 war Trotzki in der Sowjetunion bereits verfemt, aus der Partei ausgestoßen und durch die Stalin-Fraktion auf gut-christliche Weise maximal „verteufelt" worden. Staunen auch deshalb, weil die Lindemanns ansonsten durchaus loyale Mitglieder der stalin-hörigen KPD waren.

 

Henning Eichbergs Anhang

Eichberg stellt die Schrift der Lindemanns in einen größeren Zusammenhang, faßt wesentliche Aussagen in Kurzform zusammen und ergänzt etliche ihrer Ausführungen, was Daten und Fakten (so entstand ja aus den von ihnen genannten Organisationen 1930 der DFV, der Deutsche Freidenker-Verband) angeht.

 

Gegliedert hat Eichberg seinen Text in die Abschnitte „Arbeiterkultur und Lebensreform", „Subkultur und religiöse Frage", „Vom bürgerlichen Atheismus zur Volksbewegung", „Kirchenaustritte und politischer Aufschwung", „Massenorganisationen" (mit Namen und Mitgliederzahlen), „Freidenkerliteratur" (Überblick über seinerzeitige Zeitschriften und Bücher), „Jugendweihen" (mit einem Beispiel von 1930), „Eine neue heidnische Praxis" („Der erfolgreichste Feiertag der Arbeiterklasse wurde zugleich von den Freidenkern als Höhepunkt betrachtet: der 1. Mai: Er galt ihnen nicht nur als Fest der Arbeitersolidarität, sondern zugleich als Frühlingsfest mit tausendjähriger Tradition." - S. 94), „Vom Maibaum zum grünen Widerstand" (der Maibaum seit der Französischen Revolution als Freiheitsbaum!), „Sonnenwendfeier und Ästhetisierung des Alltags" (Sonnenwendfeier heute: Welthumanistentag), „Faschistische Verfolgung", „Nach 1945", „Die Rechristianisierung der Linken", „Warum verfiel die Freidenker-Bewegung?" und schließlich „Von der Veränderung der Vergangenheit zur Veränderung der Zukunft".

 

Aus den vorletzten Abschnitten sollen hier einige Zitate angeführt werden, setzen sie doch die Freidenkergeschichte der Lindemanns in wesentlichen Zügen fort:

 

„Der NS-Staat ab 1933 zerschlug diese Ansätze. Die Freidenkerverbände wurden sofort verboten. (...) All dies geschah nicht - wie später von den Kirchen dargestellt - durch einen antichtristlichen Staat, sondern im Zeichen eines - allerdings trügerischen - christlich-faschistischen Totalitarismus und unter dem Beifall evangelischer und katholischer Theologen. Pastoren, die sich später viel auf ihren 'Widerstand' zugute hielten, begrüßten 1933 die NS-Maßnahmen gegen die 'bolschewistische Gottlosengefahr' und 'gegen Demokratie und Liberalismus'. Der Staatsakt Hitlers in Potsdam am 21.3.1933 vollzog sich mit kirchlichem Zeremoniell. Am 20.7.1933 brachte das Reichskonkordat der katholischen Kirche erhebliche Rechte in deutschen Schulen. SA und SS strömten uniformiert in die Kirchen. Offizier konnte nur werden, wer einer christlichen Kirche angehörte. (...) Der Gauleiter Simon kniete vor dem 'heiligen Rock' in Trier und die Fuldaer Bischofskonferenz revanchierte sich 1936 mit einem Hirtenbrief - im Hinblick auf den spanischen Bürgerkrieg - gegen den Bolschewismus. In dieser Lage gab es keinen protestierenden Theologen (...) Die in den Schulen und Geschichtsbüchern gepflegte Vorstellung, als sei die Hitler-Zeit eine Zeit der Christen- Verfolgung gewesen, muß als Legende zurückgewiesen werden. (...) Nach 1945 standen die Kirchen auf der Siegerseite. (...)

Auch für die Besatzungsmächte nach 1945 waren die Freidenker als Volksbewegung unerwünscht. (...) Im westlichen Besatzungsgebiet sahen die Alliierten im Christentum einen wertvollen Helfer bei der Verfolgung ihrer politischen Ziele. Die Kirchen wurden zu einer Säule des Bonner Staates. (...) Der Religionsunterricht in den Schulen wurde gefestigt. Die konfessionelle 'Wissenschaft' Theologie erhielt erneut ihren Platz an den Universitäten bestätigt. (...) Aus den Massenmedien tönen die Simmen der beiden Staatskirchen. Westdeutschland wurde ein christlicher Staat - trotz inzwischen wieder zunehmender Kirchenaustritte.

 

Der 1951 wiedergegründete „Deutsche Freidenkerverband" konnte von seinen früheren Mitgliedern - mehr als eine halbe Million vor 1933 - nur noch Bruchteile erfassen (1955: 5.500).

(...)

Die westdeutsche Linke vollzog den Rechristianierungsprozess mit und warf ihre freidenkerischen Tendenzen fast ganz über Bord. Reste der Jugendweihen verkümmerten am Rande der SPD. Stattdessen hieß es jetzt: 'In Europa sind Christentum, Humanismus und klassische Philosophie geistige und sittliche Wurzeln des sozialistischen Gedankenguts." (S. 97- 99)

 

Statt von Rechristianierung wäre aber wohl besser von Klerikalisierung der Politik und der SPD zu reden. Was hier mit Stand von 1980 für Westdeutschland konstatiert wird, das hat sich inzwischen sogar noch verstärkt. Und das, obwohl sich der Anteil der (formalen) Evangelen und Katholiken an der Gesamtbevölkerung der 50-Prozent-Marke nähert.

 

Und das Gesagte gilt mittlerweile auch für die aus der SED hervorgegangene Partei DIE LINKE, die sich in Kirchenhörigkeit, besonders in Berlin und in Thüringen, überbietet. Gerade dieser Tage bietet die nach Rosa Luxemburg benannte Parteistiftung eine kirchenpropagandistische Veranstaltung an, der zufolge Religion absolut keine Privatsache sei. Zu Wort kommen auf dem Podium da ein Bischof u.ä. akademisches Personal... Aber kein einziger freigeistiger/laizistischer Mensch.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Walter u. Anna Lindemann: Die proletarische Freidenker-Bewegung. Geschichte-Theorie-Praxis. (Im Anhang Henning Eichberg: Über eine alternative Kulturbewegung, die in der Rechristianisierung der Linken unterging). 108 S. brosch. Lit-Verlag, Reihe Arbeiterkultur Bd.2. Münster 1981. ISBN 978-3-88660-25-4

 



 
20.01.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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