Wohin die Feuerspur Tina führt und was sie dabei alles erkennt

WEIMAR. (fgw) Die Meisterin des historischen Romans, Silvia Stolzenburg, entwickelt sich immer mehr auch zu einer Meisterin im zeitgenössischen Krimi-Genre. Davon künden u.a. der Anfang des Jahres bei Weltbild erschienene Roman „Feuerspur“ und ihre neue Protagonistin Tina Baumann.


Tina Baumann ist Anfang 30, aufgewachsen in einem kleinen Dorf im Bundesland Sachsen-Anhalt, die es mit ihrer Familie nach der sogenannten Wende ins Schwabenländle verschlagen hat. Tina arbeitet mittlerweile in Stuttgart als Kriminaltechnikerin „Brandorte", möchte sich aber gerne zur Brandermittlerin weiterentwickeln. Liiert ist sie seit einiger Zeit mit ihrem Kollegen, dem Brandermittler Tom Heinecker.

 

Was aber in ihrem Umfeld niemand ahnt, was der Leser aber frühzeitig erfährt: Als Sechsjährige hat sie mit ihrem jüngeren Bruder „Matze" im Hause der Großeltern zum Schutz gegen Geister und Dämonen eine Papierlaterne angezündet, was nächtens zu einem großen Brand führte. Davon künden Narben an ihren Beinen und sie leidet wegen des traumatischen Erlebnisses seit 26 Jahren unter Alpträumen.

 

Aber nicht nur deshalb ist ihr Verhältnis zu den Eltern getrübt, denn diese sind bigott katholisch. Sie werfen ihr und ihrem Bruder Sünde vor: lebt doch Tina mit einem Mann ohne Trauschein zusammen und ihr Bruder sogar in schwuler Partnerschaft. Was Tina aber nicht weiß, die Eltern wissen um die Brandursache, haben aber ihre Kinder anderes glauben lassen. Und so Schuldgefühle bei Tina kultiviert.

 

All das kommt in Tina mit Wucht bei einem aktuellen Brandfall wieder hoch. Die Eltern nerven sie und ihren Bruder mit Anrufen und bösen Briefen. Vor dem Hintergrund der Stuttgarter Brände ist sie gezwungen, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und damit mit ihren Eltern auseinanderzusetzen. Und endlich offenbart sie sich - befreiend - auch Tom. Das alles führt nicht zuletzt zu einer späten „Abnabelung", so daß sie klaren Kopf auch für ihr Privatleben bekommt.

 

Wohin führt die Spur des Feuers?

Beruflich wird Tina damit konfrontiert: Eine Villa ist abgebrannt. Alles deutet zunächst auf einen „Dumme-Jungen-Streich" hin, verdächtig machen sich jugendliche Nachbarn. Diese Spur verfolgen die Ermittler mit Nachdruck, während Tina aufgrund der Spurenlage frühzeitig daran zu zweifeln beginnt. Dann stürzen sich die Ermittler auf die Villenbesitzerin, eine aus dem Orient stammende Bildende Künstlerin. Hat sie etwa Cannabis angepflanzt und damit fahrlässig einen Brand verursacht? Liegt möglicherweise sogar Versicherungsbetrug vor?

 

Kurze Zeit später erfolgt ein Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim. Jetzt deuten alle Spuren auf einen neonazistischen, ausländerfeindlichen Anschlag hin. Politik und Medien beginnen sich zu überschlagen, setzen die Polizei auf diese Weise unter Druck. Kriminaltechnische Analysen ergeben jetzt, daß beide Anschläge von der selben Person verübt worden sind. In Verdacht gerät nun ein Feuerwehrmann. Insbesondere Tom versteift sich auf diesen als einzig möglichen Täter.

 

Man geht jetzt von einer Serientat aus und bezieht typische Täterprofile in die Ermittlungen ein, wenngleich man immer noch den ersten Fall mit den Nachbarsjungen in Verbindung bringt. Tina greift die Serientäterspur auf und recherchiert - ohne Scheuklappen - zu früheren Brandfällen in Stuttgart.

 

Beim Villenbrand waren ihr rund um den Tatort Kritzeleien aufgefallen, die sie zunächst für „Gaunerzinken" hielt. Beim Asylbewerberheim gibt es ähnliche Kritzeleien, die hier aber deutlich als Hakenkreuze erkennbar sind, allerdings in etwas ungewöhnlicher Form. Tina untersucht nun die alten Brandorte genauer. Überall sind nicht nur die Fakten bezüglich der Brandbeschleuniger identisch, sondern überall finden sich mehr oder weniger deutlich solche Hakenkreuzsymbole. Tina konkretisiert ihre Analysen noch durch zwei zusätzliche Erkenntnisse: Die Opfer der Anschläge waren alle weiblich - z.T. sogar Lesben - und alle Anschläge erfolgten jeweils um Neumond herum. Weitere Recherchen ergeben, daß diese Hakenkreuze früher einmal als Bann gegen Hexen verwendet worden waren. Tinas Kollegen wollen davon partout nichts wissen, belachen sogar den Hinweis auf Hexenverfolgung hier und heute.

 

Aber - Tina kommt unbewußt dem Brandstifter näher, sogar recht nahe. Ohne ihn aber real wahrzunehmen, obwohl dieser sie beobachtet. Und sie schließlich „stalkt". Da er um seine Entdeckung fürchten muß, verübt er eines Nachts einen Brandanschlag auf Tinas Wohnung. Diese kann sich jedoch mit Tom retten, aber nur mit dem, was sie auf der Haut tragen. Auch hier wollen die Kollegen zunächst nicht Tinas Hinweisen auf einen gezielten Anschlag folgen.

 

Doch nun beginnt sogar Tom zu zweifeln und unterstützt Tina. Ein weiterer Neumond steht an. Und zwar der zum neumodischen „Halloween". Doch wo wird der Brandstifter nun zuschlagen? Wo realistisch in der Großstadt Stuttgart? Tina und Tom begeben sich persönlich auf Spurensuche und geraten dabei selbst wieder in Lebensgefahr...

 

Vom Brandstifter erfährt der Leser fast bis zur letzten Seite so gut wie nichts. Silvia Stolzenburg läßt diesen in einem besonderen Handlungsstrang in sehr kurzen Kapiteln agieren. „Er" wird zunächst nur als „der Beobachter" eingeführt, bis er schließlich dem Leser als „Feuerteufel" erkennbar wird. Nur langsam werden seine Motivation, seine Ziele offenbar. Deutlich wird aber schnell, daß Frauen für ihn grundsätzlich nur „Schlampen" sind. Und daß er sich in einer Mission sieht, ja wähnt, in einer gottbefohlenen sogar. Er wird so dem Leser als evangelikaler Fanatiker erkennbar, obwohl weitere Angaben zur Person und zu deren sozialem Hintergrund bis fast zuletzt nicht erfolgen. Deutlich wird jedoch dieses: Alle bisherigen Anschläge sind nur „Fingerübungen" für das sorgfältig geplante große Inferno... Man möchte da fast an die Umsetzung der berüchtigten „Offenbarung des Johannes" denken.

 

Beste Unterhaltungsliteratur, die auch der Aufklärung verpflichtet ist

Diese drei Stränge - die Brandanschläge und Ermittlungen, darin eingebettet Tinas eigene traumatische Feuer- und Familienerfahrungen, sowie die sehr knapp gehaltene Figur des Brandstifters - hat Silvia Stolzenburg meisterhaft miteinander verwoben. Diese Komplexität sorgt für Spannung, vor allem aber dafür, daß solches durchaus mögliche Geschehen nicht bloß oberflächlich betrachtet wird. Wie es eben in Politik und Medien heute üblich ist, man bleibt an der Oberfläche, denkt weniger in Zusammenhängen und Sensationen sind wichtiger, weil profitabler, als Aufklärung.

 

Sehr lesenswert, weil in Krimis von der Stange so gut wie nicht vorkommend, sind die penible (dazu sehr sprach- und bildmächtige) Schilderung der Brandorte und -spuren, der Arbeit der Spurensicherer vor Ort und der kriminaltechnischen Arbeit im Labor.

 

Ebenfalls hervorhebens- und lobenswert ist, daß Silvia Stolzenburg sich nicht der oktroyierten „politischen Korrektheit" unterwirft, sondern schonungslos offen über zwischenmenschliche Konflikte schreibt. Sie differenziert Personengruppen; aus pauschalen Klassifizierungen („die Moslems" bzw. „die Asylanten" z.B.) werden bei ihr glaubhafte Individuen bzw. im Asylbewerberheim auch konkrete Ethnien mit eigenen sozio-kulturellen Prägungen. So wie ja auch ethnische Deutsche keinesfalls pauschal als „die Christen" bezeichnet werden...

 

Der Leser muß nun aber nicht befürchten, daß es sich beim vorliegenden Buch um eine polit-agitatorische Schrift handelt. Nein, „Feuerspur" ist und bleibt ein überaus spannender und verdammt gut lesbarer Kriminalroman. Mittendrin muß man sogar immer mal wieder schmunzeln, wenn Tina für sich und ihren Tom kocht. Bekommt der Leser hier doch in Minimalvariante nachkochbare Rezepte mitgeliefert. Da fühlt man sich - so ganz nebenbei bemerkt - genüßlich an Simmels „Es muß nicht immer Kaviar sein" erinnert.

 

Aber, auch das soll nicht verschwiegen sein, dieser Krimi beinhaltet noch ein gutes Maß an fundierter Religions- und Kirchenkritik. Diese ist unbedingt notwendig, um das Denken und Handeln der Gegenspieler-Charaktere „Tina" und „Feuerteufel" in ihrer Komplexität verstehen zu können. Und natürlich werfen sie auch ein bezeichnendes Bild auf die gesellschaftliche Realität hierzulande, die immer noch nicht von der Aufklärung gekennzeichnet ist, sondern von der christlich-ideologischen Inoktrination zu vieler Menschen.

 

Zu Tina heißt es u.a.:

 

„'Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, da steckt Pfarrer Schäfer dahinter...' (...) Tina schüttelte den Kopf. Sie dachte nicht gerne an die Zeit in Sachsen-Anhalt zurück. Der allsonntägliche Kirchenbesuch und der Religionsunterricht bei dem stockkatholischen Priester waren nicht gerade prickelnd gewesen. (...) Immer wieder hatte er sie bei der Beichte ermahnt und ihr strenge Bußen auferlegt. (...) Ohnehin hatte sie das ganze Theater nie verstanden. Wozu sollte man beichten, wenn Gott doch ohnehin alles sah und alles wußte? Die kritischen Fragen hatten dem Pfarrer nicht gefallen. Ihre Eltern jedoch hingen immer noch an dem Mann, als wäre er ein Familienmitglied... (...) Was war sie froh, daß sie sich als Teenager aus den Klauen der Kirche befreit hatte!" (S. 149)

 

„Sie wußte nicht, wann ihr klar gewworden war, daß dieses ganze Kirchentheater nichts als Humbug war. Es war irgendwann zu der Zeit gewesen, als sie sich im Tanzunterricht das erste Mal verliebt hatte. Von da an war sie immer widerwilliger jeden Sonntag mit zur Messe gegangen, hatte Ausreden gesucht oder war einfach klammheimlich aus der Kirche verschwunden. Die wilde Zeit danach, das Rauchen, das Kiffen, die Piercings in den Ohren - all das kam ihr zwar inzwischen lächerlich vor. Doch damals war es ein Befreiungsschlag gewesen." (S. 168-169)

 

„Es gab keine Geister, keine Hexen, keinen Teufel und keinen Gott. Als Teenager hatte sie irgendwann den Ausspruch gehört, daß der Mensch Gott erschaffen hatte. Zuerst hatte sie ihn nicht verstanden. Inzwischen wußte sie, daß Gott genau so ein Mythos war wie der Klabautermann oder die Zahnfee.

'Du mußt glauben', hatte Pfarrer Schäfer immer wieder gesagt. 'Wer einen Beweis für Gottes Existenz sucht, wird niemals glauben können.'

Das galt auch für alle anderen Fabelwesen, doch über dieses Thema hatte man mit keinem Pfarrer diskutieren können." (S. 312)

 

Zum Brandstifter findet sich nur eine diesbezügliche Stelle, aber die sagt eigentlich alles:

 

„Ohne die Zeichen würde die Teufelsbrut dem Feuer vielleicht entkommen... (...) Die Zweifel, die ihn zu Beginn seines Kreuzzuges gequält hatten, waren längst verflogen. Das Böse mußte ausgelöscht werden. Er war das Werkzeug, die Hand, die das Licht zurück in die Dunkelheit trug. Bald würden die Verblendeten begreifen, daß er ihnen nicht nur einen Gefallen getan, sondern sie vor der Ausdehnung des Übels bewahrt hatte. (...) Gewissenhaft malt er das Zeichen des Herrn an jede Ecke des Gebäudes." (S. 306-307)

 

Fazit: Dieses Buch ist als ein seltenes Beispiel gehobener Unterhaltungsliteratur unbedingt weiter-empfehlenswert. Als Leser wartet man deshalb schon mit Spannung auf Fortsetzung(en)!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Feuerspur. Roman. 352 S. Klappenbroschur. Weltbild-Verlag. Augsburg 2018. 10,99 Euro. ISBN 987-3-95973-312-0

 



 
27.02.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ