Für zehn Tage hinter Gittern im Urlauberparadies Curacao

WEIMAR. (fgw) Der Thüringer Frank Pulina, geboren 1965, hat zunächst eine Druckerlehre bei der „Thüringer Allgemeinen“ in Erfurt gemacht und war anschließend als Fotograf an der Bauhaus-Uni Weimar tätig. Später absolvierte er in der Schweiz noch eine Ausbildung zum Verkehrsflugzeugführer. Er lebt heute bei Weimar und in der Nähe von Singapur. Heuer hat Frank Pulina einen autobiographisch gefärbten Roman, „Das Curacao-Komplott“, vorgelegt.


Pulina ist kein professioneller Schriftsteller. Er will auch keiner werden. Was eigentlich schade ist. Denn das nun vorliegende Buch kündet von einem richtig guten Schreibtalent. Er versteht es, eine spannende Geschichte zu erzählen und nicht bloß Erlebnisse im trockenen, hölzernen Berichtsstil wiederzugeben. Seine Beschreibungen von Charakteren und Milieus, seine Schilderungen von bis ins Detail gehenden Situationen haben Hand und Fuß, sind glaubhaft und lebendig. Die Gefühlswelt, die Ängste, die Verzweiflung, die Hoffnungen des Ich-Erzählers „Jo" sind absolut glaubhaft und nachvollziehbar. Ganz besonders hervorzuheben ist die gekonnte Komposition der Geschichte. Erinnerungen an glückliche Tage in der Kindheit in Vieselbach und an gemeinsame Unternehmungen mit seiner Frau in Weimar, Mellingen und Umgebung (oder während des Weimarer Zwiebelmarktes) bilden einen gekonnten Kontrast zu dem schrecklichen Alptraum auf Curacao, genauer zu den zehn Tagen im dortigen Polizeigefängnis. Es sind diese Erinnerungen, die „Jo" Mensch bleiben lassen in einem inhumanen Umfeld. Der Rezensent war besonders angetan an den Einstieg, in dem Jo Erlebnisse als Dreijähriger in der großelterlichen Wohnung Revue passieren läßt. Das läßt eine ganz wunderbare Heimeligkeit plastisch vor den Augen des Lesers entstehen. Ja, so ähnlich hat der Rezensent ebenfalls die Wohnung seiner Großeltern in Erinnerung. Und dann dieser unbegreifliche, unfaßbare Absturz in die Hölle im Hier und Heute.

 

Doch nun endlich (kurz) zum Inhalt von Pulinas Buch. Jo ist ein erfahrener Privatpilot, der für unterschiedliche Auftraggeber arbeitet. Es beginnt damit, daß er ein Flugzeug in die USA überführt. Als er nur kurze Zeit darauf durch Vermittlung von einem türkischen Luftfrachtunternehmer und dessen Piloten & Kompagnon engagiert wird, ist es für ihn zunächst ein Job wie jeder andere. Jo nennt diese Figuren „Kasimir" und „Midlander". Ein erster Flug geht von Istanbul nach Minsk und zurück. Alles ganz normal und Jo ist bald wieder in Weimar. Dort geht es seiner Frau aber schlecht und diese muß isn Krankenhaus. Just zu dieser Zeit fragt Kasimir bei Jo an, ob er einen Flug nach Afrika übernehmen könne. Midlander wäre Copilot, während Kasimir und dessen Frau die einzigen Passagiere seien. Es ginge zwar um Geschäfte, aber in Verbindung mit einem privaten Kurzurlaub. Jo sagt zu, trotz der Krankheit seiner Frau, denn das Honorar können beide gut gebrauchen.

 

Und zunächst hegt der erfahrene Pilot mit diesem neuen Auftrag keinen Verdacht. Weder beim Besuch der Büroräume des Istanbuler Luftfrachtunternehmens, die seltsam verwaist und steril wirken, noch als sich das Flugziel kurzfristig ändert. Statt nach Afrika soll die Reise nun in die Karibik gehen, mit Curacao als Ziel.

 

Erst nach der Landung auf Curacao regt sich langsam ein ungutes Gefühl. Warum ist Midlander so nervös? Weshalb hat Jo den Eindruck, dass ihn jemand auf seinem Bummel durch die Inselhauptstadt verfolgt? Und warum wird der Rückflug so überstürzt schon für den darauffolgenden Tag angesetzt? Als Midlander am nächsten Morgen nicht zum vereinbarten Zeitpunkt im Hotel erscheint und unerreichbar ist, befürchtet Jo Schlimmes. Auf Drängen seines Auftraggebers Kasimir fahren sie ohne Midlander zum Flughafen - und werden kurz darauf von der Polizei festgenommen. Jos vom Erdboden verschwundener Pilotenkollege wurde mit 300 Kilogramm Kokain auf dem Weg zum Flughafen erwischt...

 

Jo steht unter Schock und ist sich keiner Schuld bewußt. Doch der Staatsanwalt hält ihn sogar für den Hauptverdächtigen und Jo soll seine Unschuld beweisen. Schuld kann ihm aber nicht bewiesen werden. Es hagelt Behauptungen und es wird auch nicht wirklich kriminalistisch ermittelt. Der Pflichtverteidiger ist auch keine Hilfe. Hinzukommt, daß die Verhöre auf Englisch geführt werden, die Protokolle aber auf Holländisch niedergeschrieben. Eine Sprache, die Jo nicht kennt. Und er soll das dann auch noch unterschreiben.

 

Jo sagt immer wieder, daß er von nichts weiß, daß er nichts mit dem vorgeworfenen Delikt zu tun hat. Daß er die beiden Türken erst seit wenigen Tagen kennt und nur als Pilot engagiert worden ist. Doch man will ihm nicht glauben. Und so landet Jo im Untersuchungsfängnis. Für zwei, drei Tage heißt es. Es werden dann zehn Tage. Zehn Tage, die seine Welt veränderten.

 

Jo hat vorher noch nie ein Gefängnis von innen gesehen. Im Polizeigefängnis Barber sind nicht nur die hygienischen Verhältnisse unerträglich. Es dauert etwas, bis Jo klar wird, wie aussichtslos seine Situation ist. Ohne Kontakte nach außen über das Konsulat, ohne verbindliche Informationen seitens des Pflichtverteidigers bleiben ihm nur die einheimischen Mitgefangenen. Die nehmen ihn erstaunlich freundlich auf, erklären ihm, wie die Dinge im Knast und auf der Insel laufen, und machen ihm Mut. Ja, man könnte sogar von einem im besten Sinne solidarischen Verhalten reden. Ja, die „Kriminellen" benehmen sich menschlicher als die Vertreter der niederländischen Staatsmacht auf Curacao.

 

Zu Herzen gehen Pulinas Schilderungen des Gefängnisalltages. Beim Lesen und vielleicht Mitempfinden bekommt man bald einen Kloß im Hals. Gefühlt werden (nicht nur für Jo) so aus Tagen Jahre: Gemeinsam schlagen die Häftlinge ihre Zeit tot, spielen im Gefängnishof Schach, kicken eine Runde oder laufen wie die Tiger im Käfig auf und ab. Vom ewig gleichen ekligen Fraß gar nicht erst zu reden. In lähmender Monotonie vergeht so ein Tag nach dem anderen. Wieder und wieder wird Jo zum Verhör geladen, ohne daß sich eine Klärung abzeichnet. Trotz eines kurzen Kontakts zum deutschen Konsulat, bringen die Unsicherheit und die Isolation ihn zur Verzweiflung. Innerhalb kurzer Zeit ist er psychisch und körperlich so geschwächt, daßs er zwei Zusammenbrüche erleidet. Letztlich hat er es seinen Mitgefangenen zu verdanken, daß es nicht zum Äußersten kommt.

 

Schließlich wird Jo doch noch behördlich ausgewiesen, bekommt aber nicht mal all seine Habe rückerstattet. Auf dem Weg zum Flughafen, ist er sich einiger trauriger Tatsachen gewiß geworden. Curacao ist nicht die Ferieninsel, die man aus dem Reisebüro kennt. Allerorten herrscht Korruption. Drogenkartelle beherrschen die Insel und das Leben der Menschen. Ihr Arm reicht bis in die Justiz und die hohe Politik. Im Gefängnis sitzen nur die kleinen Fische. Erst als Jo im Flugzeug nach Deutschland sitzt und das erste Bier seit Tagen in Händen hält, weiß er, daß dieser Albtraum zu Ende ist.

 

Pulinas Ich-Erzähler resümiert bitter und um etliche Illusionen ärmer: „Barber ist die Hölle. Warum sperrt man Menschen hier ein, die nicht einmal verurteilt sind? (...) Curacao soll Teil der europäischen Kultur sein? Wo 'westliche' Werte, Freiheit und Demokratie verteidigt werden? Daß ich nicht lache. Politisch gehört die Insel zu den Niederlanden. Die Polizisten, die ich bisher gesehen habe, waren Weiße, Niederländer. Aber die Gefangenen hier sind schwarz, mehr oder weniger. Bis auf eine Person, das bin ich. Daß hier alle die gleichen Rechte haben, kann ich schwer glauben. (...) In Deutschland wird bei jeder Gelegenheit der hohe Wert von Humanität und Menschenrechten beschworen. Und hier? Ein rechtsfreier Raum. Und das unter Aufsicht eines mitteleuropäischen Landes." (S. 283-284)

 

Nebenbei, bei Pulinas Lektüre - und Jos Schicksal im Curacaoer Polizeigefängnis - fühlt man sich nicht selten an Alexandres Dumas' „Graf von Monte Cristo" erinnert, an das Leiden des unschuldig auf der Insel Chateau d'If eingekerkerten Edmont Dantes.

 

Gerade wegen Pulinas Resumee, und nicht nur wegen der wirklich spannenden, außerordentlichen Begebenheit, sollte dieses Buch einen größeren Leserkreis finden.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Frank Pulina: Das Curacao-Komplott. Hinter Gittern im Paradies. Autobiographischer Roman. Verlag DeBehr. Radeberg 2018. 12,95 Euro. ISBN 9783957535030

 



 
02.04.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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