„Zivil und ungehorsam“ - zur Erinnerung an Dorothee Sölle

WEIMAR. (fgw) Bei der vom 5. bis zum7. September 2018 von der „Evangelischen Akademie“ der Nordkirche in Hamburg durchgeführte Veranstaltung „Zivil und ungehorsam“ zur Erinnerung an Dorothee Sölle und ihr ehemaliges „Nachtgebet“ konnte konnte Edda Lechner am ersten Tag neben 21 anderen - natürlich meist kirchlichen - Leuten eine kleine Rede halten.


Edda Lechner (r.) als junge Pastorin mit jungen Leuten im Gespräch über Marx und den Kommunismus. (Foto: Archiv Lechner)

Sie hob dabei hervor: „Dass ich als ehemalige Pastorin, inzwischen aus Kirche ausgetreten und Atheistin, und derzeitige Sozialistin und Linke dies tun durfte, zeigt doch, dass die Kirche, bzw. bestimmte Leute in ihr, religiös und politisch sehr viel beweglicher und offener geworden ist, als vor fünfzig Jahren zu Zeiten der Achtundsechziger."

 

Edda Lechners kleine Ansprache dürfte auch für die Leser des Weimarer Freigeistes von Interesse sein, sie wird daher nachstehend im Wortlaut wiedergegeben:

 

Ich bin Edda Lechner, zuvor hieß ich Edda Groth und war in der Zeit von 1967 bis 1974 Pastorin an der SimeonKirche Hamburg-Bramfeld, übrigens als erste Frau, die nach dem Examen voll ordiniert dieses Amt in der damaligen „Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schleswig-Holstein" übertragen bekommen hatte.

 

Heute bin ich allerdings nicht mehr in der Kirche und auch nicht mehr christlichen Glaubens. Trotzdem freue ich mich, dass ich über Dorothee Sölle hier reden darf.

 

Dorothee Sölle bin ich 1973 zum ersten Mal begegnet. Gemeinsam haben wir damals am Beethovendenkmal in Bonn gegen den Vietnam-Krieg eine Kundgebung veranstaltet. Mit dabei waren weitere kirchliche KollegInnen und MitarbeiterInnen auch Martin Niemöller, der bekannte Vertreter aus der „Bekennenden Kirche". Nach der Kundgebung konnten Dorothee Sölle und ich mit einer kleinen Delegation zum Kanzleramt gehen, um dem verantwortlichen Staatssekretär von Willy Brandt unsere Forderung vorzutragen, die BRD möge doch nicht mehr nur Beziehungen zu dem verhassten Thieu-Regime in Südvietnam aufrecht erhalten, sondern möge auch Kontakt zu der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams", der FNL, aufnehmen. Sie habe dies vor, wurde uns hinter vorgehaltener Hand versprochen. Aber diesen Schritt vollzog sie natürlich erst nach dem 1. Mai 1975, als die Unabhängigkeitsbewegung in Süd- und Nord-Vietnam endgültig den Sieg über die USImperialisten errungen hatte und Vietnam ein international anerkannter einheitlicher Staat wurde.

 

Nach den schrecklichen Erfahrungen und Erkenntnissen über die deutsche faschistische Vergangenheit wurde der Vernichtungskrieg der USA gegen die Reisbauern eines kleinen Landes für Dorothee Sölle entscheidend für ihren christlichen und politischen Lernprozess und für ihre Aktivitäten. Sie schrieb dazu 1993: „Vietnam bedeutete, jedenfalls für mich, dass Ausschwitz nicht mit Ausschwitz zu Ende war" (1). Und nach einer Reise nach Nordvietnam sagt sie 1972: „Es gibt nicht sehr viele Tage in den letzten zehn Jahren, in denen ich nicht an Vietnam, an seine Menschen, an den Kampf gedacht hätte... an Napalm, Tigerkäfig, das My Lai, „Operation Phönix". (2)

 

Obwohl viele von uns hier Versammelten wohl eher der Generation der 68er angehören, möchte ich dennoch das, was damals Sache war, ein wenig erklären. Vietnam, ein Land mit einer Jahrtausende alten eigenen Geschichte im ostasiatischen Raum, wurde 1860 dem französischen Kolonialreich unterworfen. 1939 besetzten japanische Truppen kurzzeitig das Gebiet, mussten es 1945 aber wieder an Frankreich abtreten. Nach opfervollen Kämpfen unter der Führung von Ho Chi Minh und dem berühmten Sieg der Vietnamesen gegen die französische Armee bei Dien Bien Phu erhielt das Land offiziell seine Unabhängigkeit als „Demokratische Republik Vietnam". Dies wurde 1954 auf der Genfer Konferenz von den Weltmächten beschlossen und freie Wahlen in Aussicht gestellt - doch nichts davon wurde erfüllt!

 

Längst hatten die Neokolonialisten aus den USA ihre wirtschaftlichen Interessen im Pazifischen und Ostasiatischen Raum erkannt, z.B. in Korea, Indochina (= Laos, Kambodscha und Vietnam). Mit allen ihnen zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln - sie nannten das „pax americana" - versuchten sie sich als neue Macht im Pazifischen Raum zu etablieren. Mit einem Aufgebot an Bomben, das Hiroshima in den Schatten stellte. Der Vorwand: der unabhängige sozialistische Nordteil, die unter der Führung ihres Parteivorsitzenden und Präsidenten Ho Chi Minh entstandene „Demokratische Republik Vietnam", liefere der „Südvietnamesischen Nationalen Befreiungsfront", [in der BRD als Vietcong bezeichnet; SRK], Waffen, schleuse Bauernsoldaten ein und plane den Überfall. Die amerikanischen Regierungen, ihre Präsidenten - Kennedy, Johnson und Nixon - und der CIA hatten dort längst mit Hilfe von millionenschweren wirtschaftlichen „Darlehen" und Milliarden an Ausgaben für militärisches Material Südvietnam im Griff und versorgten dessen Statthalter Thieu mit amerikanischem Know-how. In brutalster Weise wurde gegen die Bevölkerung vorgegangen, um Profite, Rohstoffe und Markterweiterung zu sichern.

 

Im Zusammenhang mit einer biblischen Analyse über Markus 9,14-29 über einen besessenen Stummen schreibt Dorothea Sölle: „Glaube und Kampf sind eins. Die Tatsache, dass der Dämon immer noch bei uns ist und unser Blut aussaugt, ist eine materiell politische Frage und zugleich eine geistlich-spirituelle. Was bedeutet es, den Dämon auszutreiben? Zuerst bedeutet es, ihn beim Namen zu nennen, zu verstehen, wie sein Machbereich konstruiert ist und die Prinzipien, nach denen er arbeitet, zu begreifen... Der Dämon, mit dem wir zu kämpfen haben, ist nicht nur blutrünstiger Militarismus noch bloßes Sicherheitsbedürfnis und Missachtung des menschlichen Lebens.

 

Militarismus ist eine Notwendigkeit für das ökonomische System, unter dem wir leben... Seit 35 Jahren haben die USA ihre Außenpolitik auf die Überlegenheit des amerikanischen Militärs undder wirtschaftlichen Stärke begründet." (3)

 

Natürlich bezieht sie diese Kritik nicht nur auf die Ereignisse der sechziger und siebziger Jahre in Vietnam, sondern später auch und noch intensiver auf die Einmischung und Unterdrückung durch faschistische Militärdiktaturen in Lateinamerika. Uns ist sicher vor allem der Militärputsch in Chile und die Ermordung ihres Präsidenten Allende 1973 noch in Erinnerung. Ab Beginn der achtziger spricht sie in derselben Weise ebenso über die erschreckenden Beschlüsse zur Atomraketenstationierung in Deutschland und Europa.

 

Als ich 1967 fromm und sozial eingestellt, aber noch recht unpolitisch als Pastorin nach Hamburg kam, begegnete mir erstmalig im Leben auf der Straße am Dammtor ein Demonstrationszug: die Studenten skandierten „Ho, Ho, Ho Chi Minh." Verblüfft und interessiert habe auch ich angefangen, zu tun, was Dorothee Sölle uns vorgelebt hat. Tausendfach hat sie über ihre „Politischen Nachtgebete", in ihren unzähligen Reden auf Konferenzen und durch ihre zahlreiche Literatur an andere weiter empfohlen: Analysen vorzunehmen, Zusammenhänge und Strukturen zu erkennen, nicht zu verschwiegen, was Sache ist, die dämonischen Unterdrücker dieser Welt mutig anzugreifen und sie - wenn möglich - nicht mit allen, wohl aber mit vielen auch radikalen Mitteln zu vertreiben. Auch wenn dadurch persönliche Nachteile entstehen! Dazu gehört auch die Lust, die Betroffenen und MitkämpferInnen persönlich kennen zu lernen und konkret von ihnen zu lernen.

 

So war sie - noch vor unserer Kundgebung in Bonn - bereits 1972 zu einem längeren Delegations-Besuch in Nordvietnam und sagte schwer beeindruckt - sie nennt es „ermutigt" - „von dem Stück Sozialismus, das dort verwirklicht wurde, von dem wir immer träumten" (4).

 

Schließlich errang das Volk von Vietnam 1975 endgültig den Sieg über die amerikanischen Imperialisten und erreichte das Ende des schrecklichen Krieges. Wodurch war das möglich? Weil wir heute immer noch inmitten so vieler neuer weltweiter militärischer Auseinandersetzungen stehen, die kein Ende nehmen wollen, ist eine Antwort darauf sehr wichtig: Erfolg ist möglich, wenn wir nicht als Einzelgänger agieren, nicht nur „für den anderen da sind", sondern uns solidarisch mit ihm verbinden und gemeinsam für unsere guten christlichen und politischen Ziele kämpfen. Das zeigt am ehestens das Beispiel der betroffenen Vietnamesen selbst. Obwohl oder besser: gerade weil über so viele Jahrzehnte hinweg Millionen von ihnen sterben mussten, sie von ihrem durch Giftgas vernichteten Lebensraum vertrieben wurden und sie „wie verfolgte Tiere" schutzsuchend unter die Erde krochen - trotz aller Vernichtungsversuche haben sie mit ihrer Strategie und Solidarität unermüdlich und konsequent das Ende des Krieges und ihre Unabhängigkeit erreicht.

 

Sie blieben dabei nicht unter sich: weltweit gab es für sie und gemeinsam mit ihnen, ich wage zu sagen: eine nie zuvor so über die ganze Welt verbreitete Antikriegsbewegung. Vor allem auch bei den Bürgerinnen und Bürgern in den USA, deren Regierung diesen Krieg verursacht hatten. Unermüdlich haben die Menschen demonstriert, gesungen, den Kriegsdienst verweigert und sind dafür ins Gefängnis gegangen. Dorothee Sölle gehörte zu ihnen und lernte von ihnen. Sie schreibt dazu: „in einem amerikanischen Flugblatt habe ich den Satz gelesen: 'Die Bomben fallen jetzt.' Daraus habe ich viel gelernt... Aber wenn man sich klar macht, was es bedeutet zu sagen 'Die Bomben fallen jetzt', dann wird deutlich, dass die Aufrüstung, die unser Geld, unsere Steuern, unsere Intelligenz, unsere Anstrengung verschlingt, dass die auch unser eigenes Land zerstört und dass sie die Dritte Welt nicht zum Frieden oder zur Gerechtigkeit, zum Sattwerden kommen lässt." (5)

 

Die Bomben fallen jetzt - immer noch! Wenn wir eine andere als diese mörderische Welt wollen, dann sollten wir unsererseits von Dorothee Sölle lernen.

 

- 1. Zitiert nach Ilsegret Fink: „Dorothee Sölle", in UTOPIE kreativ Heft 152, S. 555 ff, Juni 2003 - aus „Mutanfälle", Texte zum Umdenken, DTV, 1993.

- 2. „Skizzen von einer Reise", Dorothee Sölle in ZEIT Nr. 50/1972 „Der Reichtum der Armen", 15.12.1972

- 3. Dorothee Sölle: „Im Hause des Menschenfressers", rororo 1981, S. 39 f

- 4. Siehe „Skizzen einer Reise", 1972

- 5. Siehe „Im Hause des Menschenfressers", 1981, S. 22

 

 

(SRK)

 

 



 
19.09.2018

Von: Edda Lechner / (SRK)
 
 
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