Zum Korea-Krieg 1950-1953 leider nur in den „Nebensätzen“

WEIMAR. (fgw) Der Zambon-Verlag hat vor gut einem Jahr ein Buch vorgelegt, dessen Autor, der Chinese Shen Zhihua, vorgibt, über den Korea-Krieg von 1950 bis 1953 zu schreiben. Doch er arbeitet sich stattdessen und vor allem in schlimmer Personalisierung von Geschichte und Politik insbesondere an Stalin ab, meist ohne Bezug auf Korea. Daher kann man dieses Buch eigentlich nur als Enttäuschung betrachten, trotz einiger wertvoller Informationen in „Nebensätzen“.


Stalin ist für Shen, aus welchen Gründen immer, vorrangig eine Haß-Figur, die primär seinem Idol Mao Zedong nicht wohlwollte. Denn auch im Falle Chinas wird überwiegend nur personalisiert. Shen ist kein Kommunist. Aber als glühender Patriot - so geht aus seinen Auslassungen hervor - ist Mao für ihn jedoch die Leitfigur für ein ab 1949 wiederaufstrebendes China.

 

Vorweg, trotz aller gravierenden inhaltlichen Mängel des Buches und seiner grauenhaften Übertragung/Übersetzung ins Deutsche, soll dem Zambon-Verlag dennoch für dessen Herausgabe gedankt werden. Denn man findet hierin immerhin viele wertvolle Informationen über Ursachen und Hintergründe für das politische und kriegerische Geschehen auf der koreanischen Halbinsel.

 

Wohl diesen Mängeln geschuldet ist die sehr eingehende und kritische Einleitung des Herausgebers Dr. Anton Stengl geschuldet. Aus dieser soll und muß daher hier etwas ausführlicher zitiert werden. Stengls Anmerkungen und Hinweise zum Buch und seinem Verfasser kann der Rezensent nach eigener Lektüre nur zustimmen.

 

Was ist das Wichtige, das Bedeutsame bei der Reflexion des Korea-Krieges? Dazu schreibt Stengl:

 

„Ein völlig vergessener Krieg. Das erste große Debakel der USA nach 1945, ja, des 20. Jahrhunderts, und doch ein unbekannter Krieg: Ein Massenmord, ein Krieg der Bombenteppiche, der chemischen Kriegführung, der absoluten Verwüstung, das in dem relativ kleinen Land Korea drei bis vier Millionen Tote [ das waren etwa 10 Prozent der Bevölkerung; SRK] forderte.(...)

 

Über das Zustandekommen dieses Krieges gibt es verschiedene Hypothesen, die aber bis heute auf den gleichen Schuldspruch hinauslaufen, nämlich einer Verurteilung der Nordkoreaner, der Sowjetunion, Chinas und der Kommunisten überhaupt.

 

Die hier vorliegende, breit angelegte Untersuchung hat die Hintergründe, die Beziehungen der in die Kämpfe verwickelten Parteien, die Entwicklung zum Krieg als Thema. Wer den ersten Schuß abfeuerte, bleibt für den Autor des Buches, Shen Zhihua, zu Recht eine Frage, die von geringer Bedeutung ist. Daß die nordkoreanische Armee als erste die Demarkationslinie überschritt, darüber gibt es keinen Zweifel. Vorausgegangen aber waren etliche Feuergefechte an der Grenze, kontinuierliche Zwischenfälle und Provokationen, die ausschließlich von Seiten südkoreanischer Truppen ausgingen, die bis zu 10 Kilometer in nordkoreanisches Territorium vordrangen. Nordkorea wartete auf eine Eskalation dieser Angriffe, die nicht eintrat - und tat dann den ersten Schritt.

 

Gerade deswegen ist die Frage, wie es auf politischer und diplomatischer Ebene - und nicht unmittelbar militärischer - zu diesem Krieg kam, so wichtig." (S. 9)

 

Zur Vorgeschichte des bis heute andauernden „Korea-Konflikts" sollte der deutsche Leser unbedingt auch dieses wissen:

 

In der Endphase des II. Weltkrieges marschierten Einheiten der Roten Armee August 1945 in Korea, das seit 1910 japanische Kolonie war, ein. Sie machten aber, wie mit den USA vereinbart, am 38. Breitengrad halt. Parallel dazu aktivierten antijapanische Partisanen in ganz Korea ihre Befreiungskämpfe; ebenso erhoben sich andere patriotische Kräfte.

 

Im ganzen Lande bildeten sich Volkskomitees, bestehend aus Nationalisten, Konservativen, Sozialisten und auch Kommunisten. Sie proklamierten auf einer repräsentativen Versammlung am 6. September 1945 in Seoul (also im Süden) eine gesamtnationale Volksrepublik Korea und wählten eine Provisorische Regierung.

 

Erst nachdem Japan am 2. September kapituliert hatte und Korea bereits befreit war, landeten erste US-Truppen am 8. September in Intschon, an der Westküste Koreas.

 

Die US-Besatzungsbehörden nahmen von den Volkskomitees und der nationalen Regierung keinerlei Notiz und maßten sich das alleinige Bestimmungsrecht über die Koreaner an. Als dann ein Mitte November 1945 tagender Volkskongreß es ablehnte, sich selbst aufzulösen, erklärte der US-Befehlshaber diesen für ungesetzlich. Stattdessen setzten sie eine Verwaltung unter Leitung ihrer aus den USA mitgebrachten Marionette Li Syng-man ein.

 

US-Besatzer und ihre Marionetten schufen sich eigene Sicherheitskräfte - bestehend aus ehemaligen Kollaborateuren der Japaner! Kommunisten u.a. Patrioten wurden sofort verfolgt und wieder eingekerkert.

 

Völlig anders verlief die Entwicklung in der nördlichen sowjetisch besetzten Zone: die Volkskomitees wurden dort als Vertretung der Bevölkerung anerkannt...

 

Am 25. August 1948 fanden dann im Norden Wahlen zur Obersten Volksversammlung, die am 8. September eine Verfassung bestätigte. Einen Tag später wurde dann die Demokratische Volksrepublik Korea proklamiert.

 

Zuvor (!) war am 15. August in Seoul unter US-Patronat die Republik Korea ausgerufen worden. Beide koranischen Teil-Staaten erkannten einander nicht an und sahen sich jeweils als einzig rechtmäßigen koreanischen Staat. Vor allem erkannten die USA den Volkswillen der Koreaner nicht an. Und so häuften sich militärische Provokationen aus dem Süden an der Demarkationslinie.

 

Bis die Nordkoreaner das nicht mehr duldeten und in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1950 die militärische Demarkationslinie, die ja keine völkerrechtliche Grenze war, überschritten. Nach nur fünf Tagen hatten sie fast den gesamten Süden unter ihre Kontrolle gebracht. Zumeist unter dem Jubel der armen Stadt- und Landbevölkerung - und unterstützt von Tausenden südkoreanischen Partisanen.

 

Aber bereits am Nachmittag des 25. Juni nahm der UNO-Sicherheitsrat eine von den USA eingebrachte Resolution an, in der nachstehende Forderungen formuliert wurden:

 

„I

Fordert die Behörden in Nordkorea auf, unverzüglich ihre Streitkräfte auf die 38. Parallele zurückzuziehen;

II

Fordert die Kommission der Vereinten Nationen zu Korea auf:

(a) seine vollständig überprüften Empfehlungen über die Situation mit möglichst geringem Verzögerung zu vermitteln;

(b) den Rückzug der nordkoreanischen Streitkräfte auf die 38. Parallele zu beobachten;

c) den Sicherheitsrat über die Durchführung dieser Entschließung auf dem Laufenden zu halten:

III

Fordert alle Mitgliedstaaten auf, den Vereinten Nationen bei der Durchführung dieser Entschließung jede Unterstützung zu leisten und die nordkoranischen Behörden nicht zu unterstützen." (Text der Resolution 82 des UN-Sicherheitsrates vom 25. Juni 1950)

 

Von Intervention ausländischer Truppen ist hier nicht die Rede. Aber schon damals ist das Muster erkennbar, das die USA nach 1989/90 zum Prinzip machten, um unbotmäßige Staaten/Regierungen zu beseitigen: Man bringt eine vage Resolution ein (später unter dem Stichwort Flugverbotszone), der alle anderen Staaten durchaus zustimmen können. Und man betrachtet die dann als Grundlage für eine Selbstmandatierung für einen militärischen Überfall. Aufbauend auf diese Resoulution brachten die USA am 7. Juli 1950 eine weitere ein, die jetzt den Einsatz von UN-Truppen gegen Nordkorea zum Inhalt hat. UN-Truppen als Deckmantel für eine im Prinzip fast auschließliche US-Kriegsmacht. Später nannte man so was „Koalition der Willigen" oder „Anti-IS-Allianz". Diese Resolution konnte den Sicherheitsrat passieren, weil die UdSSR als Veto-Macht damals den Sicherheitsrat boykottierte und weil der VR China ihr Sitz in diesem Gremium verweigert wurde - dies bis in die 1970er Jahre.

 

Aber selbst die zweite UN-Resolution ist nicht ganz „koscher", denn die US-Luftwaffe nahm bereits am 26. Juni 1950 die Bombardierungen nordkoreanischer Städte und Truppen und die Anlandung eigener Heeresverbände fand bereits eine Woche zuvor, am 1. Juli 1950, statt. Das UN-Mäntelchen wurde erst nach Schaffung vollendeter Tatsachen übergestreift...

 

Auf den weiteren Kriegsverlauf soll hier nicht weiter eingegangen werden. Details (wie auch Hintergründe und Zusammenhänge) kann man den Kapiteln 3 (Das Überschreiten des 38. Breitengrades), 4 (Über den Yalu-Fluß - die chinesisch-sowjetische Allianz und die Entscheidung Chinas zur Truppenentsendung nach Nordkorea) sowie 5 (Die perfekte Zusammenarbeit der chinesisch-sowjetischen Allianz und das Verhältnis zu Kim Il Sung) entnehmen.

 

Auf zwei hierzulande wohl unbekannte Details/Fakten soll hier aber dennoch kurz eingegangen werden.

 

1.) Die (Nord-)Koreanische Volksarmee war auch deshalb so kampfkräftig, weil in ihr Tausende von Koreanern (aus dem Süden wie aus dem Norden) dienten, die sich seit den 1930er Jahren an der Seite der KP Chinas und ihrer Volksbefreiungsarmee an der Befreiung Chinas vom Guomindang-Regime beteiligt hatten. Nicht wenige von ihnen absolvierten in China auch Offiziersschulen und nahmen danach dort hohe Kommandopositionen ein. Sie bildeten zusammen mit Koreanern, die in der Sowjetarmee gedient hatten, den Grundstock für die eigene Volksarmee. Shen nennt diesbezüglich auch Namen und Zahlen:

 

Im Mai 1949 „gab es insgesamt rund 16.000 koreanische Soldaten in der Volksbefreiungsarmee, darunter zwei Divisionskommandeure, 87 Bataillonskommandeure, 598 Kompaniechefs, 1.400 Zugführer und 1.900 Gruppenführer." (S. 316)

 

2.) An der Seite der Koreanischen Volksarmee kämpften nach dem aktiven Eingreifen der USA auch große Truppenverbände aus der VR China, die sogenannten Chinesischen Volksfreiwilligen. So wie zuvor ja bereits Koreaner an der Seite der Chinesen gekämpft hatten.

 

Einer dieser Freiwilligen war Leutnant Mao Anying, ein Sohn Mao Zedongs:

 

Anying wurde in Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan geboren und war das älteste von drei Geschwistern. Seine Mutter wurde 1930 von Guomindang-Söldnern ermordet.Der jüngste Bruder starb kurz nach dem Tod der Mutter. Es folgten unstete Jahre in der Obhut verschiedener Institutionen und Personen gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Mao Anqing. 1936 wurde Mao Anying in ein internationales Internat in Moskau gegeben. Dort und in einer Militärakademie erhielt er seine Ausbildung. 1946 kehrte er nach China in die kommunistische Basis Yanan zurück.

 

Ab Oktober 1950 nahm er als Russischdolmetscher am Koreakrieg teil. Er fiel im Alter von 28 Jahren am 25. November 1950 in Nordkorea, fünf Wochen nachdem die ersten Soldaten der Volksbefreiungsarmee über den Yalu-Fluß in der Nähe Dandongs nach Korea übersetzten und in den Krieg eingriffen. Mao Anying hielt sich im chinesischen Hauptquartier auf, als es von US-Kampfflugzeugen bombardiert wurde.

 

Es sind Aussagen wie die weiter oben zitierten und Fakten wie beiden, die dieses Buch lesenswert, ja notwendig machen.

 

Andererseits ist dieses Buch, zumindest seine deutsche Ausgabe, für jeden Leser eine Zumutung. Das ist vor allem in der grauenhaften Transliteration insbesondere russischer Namen, aber auch von koreanischen begründet. Diese erscheinen mal als Wiedergaben chinesischer Transliterationen, aber auch von US-amerikanischen. Und das immer mal so, mal so. So daß eine Person durchaus in drei verschiedenen Namensversionen im Text auftaucht. Das gilt ebenso für die Bezeichnung von Institutionen und militärischen Einheiten. Das ist überaus verwirrend, macht vieles sogar unverständlich und ist mehr als ärgerlich. Schließlich werden verschiedenen Personen außerhalb Chinas und Koreas Amtsbezeichnungen zugeordnet, die diese niemals innehatten. Da bemerkt man das Fehlen eines kompetenten Lektors.

 

Ein weiteres Manko stellt die unkritische Übernahme und Nicht-Hinterfragung US-amerikanischer Quellen oder von Auslassungen antikommunistischer russischer Autoren aus der Jelzin-Ära dar.

 

Insofern muß noch einmal betont werden, daß die längeren Anmerkungen des Herausgebers zum Text wie auch zur Person Shen Zhihua unbedingt notwendig sind.

 

Trotz aller Mängel ist jedoch dem Zambon-Verlag für die Herausgabe dieses Buches im deutschen Sprachraum zu danken. Gerade vor dem Hintergrund der militärischen Spannungen auf der koreanischen Halbinsel und den Bestrebungen der nordkoreanischen Führung, sich nie mehr wehrlos zu machen. Und auch gerade im Vorfeld der sich steigernden US-amerikanischen Eskalationen (Stichwort Sanktionen, Manöver) unter allen möglichen Vorwänden. All das möge der deutsche Leser bedenken, wenn er heuer seinen Blick auf die aktuellen Ereignisse (Treffen Trump - Kim) wirft.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Shen Zhihua: Mao, Stalin und der Koreakrieg. Die Beziehungen Sowjetunion - China vor und während des Konfliktes. A.d.Chin.v. Wang Fanke. Hrsg.v. Anton Stengl. 528 S. m.Abb. Paperback. Zambon-Verlag. Frankfurt 2017. 27,00 Euro. ISBN 978-3-88975-246-8

 

 

 



 
09.06.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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