Zwei zusammenhängende, aber unterschiedliche Druckwerke

WEIMAR. (fgw) Vorgestellt werden zwei auf Aufklärung ausgelegte, insofern thematisch zusammenhängende und doch unterschiedliche Druckwerke.


Das Buch mag manche schon wegen der Prominenz des 1954 in München geborenen Verfassers, seit 2004 Lehrstuhlprofessor für politische Theorie und Philosophie an der LMU München, 2001/02 Staatsminister für Kultur im ersten Bundeskabinett Schröder-Fischer (1998-2002), interessieren. Die Broschüre kommt trotz ihrer teils farblichen Abbildungen, Illustrationen, Fotos schlicht(er) daher. Ihr sachkundiger Bearbeiter ist als in Ostwürttemberg lebender Humanistischer Freidenker, Fachpublizist und Editor kein Promi. Beiden Veröffentlichungen ist eins gemein: Sie liegen als gut in der Hand. Und können, weil weder übergewichtig noch großformatig, mit der Deutschen Post als Büchersendung jeweils kostengünstig für 1 Euro Porto befördert werden.

 

Das Buch enthält Beiträge der letzten 20 Jahre, 1996-2015: 18 Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchbeiträge des Vfs., ein langes Personalinterview (2003) und ein kurzes Vorwort der Herausgeberin. Eingeleitet wird der Band von einer Lageskizze des Verfassers ("Bildung und Kultur in Deutschland"). Die drei Hauptteile (mit 18, davon 14 bisher ungedruckten) Texten, sind Grundlagen von Bildung und Kultur, Kunst und Lebenswelt und Perspektiven der Zivilgesellschaft betitelt. So geht es vom Besonderen von Kultur (und Bildung) zum Speziellen von Kunst (und Lebenswelt) und ausblickend um gesellschaftliche Perspektiven - wobei, wie bei ganzdeutsch-akademischen Gegenwartsphilosophen üblich, aus civic culture [societas civilis, société civile, sociedad civil] sinnverschoben "Zivilgesellschaft" als zum Militärischen polarer Begriff wird - und nicht zutreffend Bürgergesellschaft.

 

Auch dem FAZ-Rezensenten fiel die begriffliche Schwammigkeit des Verfassers auf. Mehr noch: Dieser Sammelband galt ihm als verlagsbeförderte "geschwätzige Abteilung Zeitdiagnose, Aktenzeichen ´Humanismus als Leitkultur´". Die Kritik kulminierte schließlich in der Kennzeichnung des Buchs als "einzigartig verschmocktes Dokument der Phrasendrescherei."

 

Auch wenn diese Kritik formal überzogen ist - was einen vom Verlag hervorgehobenen Zentralaspekt des Sammelbands mit seinem Plädoyer zum Perspektivenwechsel der "aktuellen Leitkulturdebatte" Richtung Humanismus betrifft, liegt eine Verwechslung vor: Relevante öffentliche Auseinandersetzungen um eine zeitgenössisch-europäische Leitkultur (Bassam Tibi) mit ihren kulturellen Grundwerten Demokratie, Weltlichkeit ("Laizismus"), Aufklärung und Menschenrechte gibt es hierzulande derzeit nicht. Die inzwischen zeitgeschichtliche "Debatte" von Anfang der Nullerjahre wurde zunächst von CDU-Funktionären angeregt und nach einigen Wochen zurückgenommen. Insofern müßte jeder Perspektivenwechsel aktuell nicht rückwärtsgewandt sein. Sondern nach vorn denken. Und vor allem endlich bedenken: Es geht bei Leitkultur nicht um glasperlenspielige Postmodernismen welcher Auspägungen auch immer - Popper´sches piece-meal engineering und sozialdemokratische Stückwerkelei eingeschlossen. Sondern um einen zentralen gesellschaftlichen Zusammenhang jeder modernen Bürgergesellschaft: Um Ligaturen als "tiefe kulturelle Bindungen" und "darum, das Vakuum zwischen staatlicher Organisation und atomisierten einzelnen mit Strukturen zu füllen, die dem Zusammenleben der Menschen Sinn geben."

 

Von daher greift auch der de-utopisierte Denkansatz des Verfassers inhaltlich zu kurz. Und formal wäre anstatt zahleicher re-publizierter akademischer Oller Kamellen e i n analytisch ausgewiesener, sprachlich überzeugender und die vom Vf. abstrakt eingeforderte Mehrsprachigkeit konkret anwendender Text konzeptionell sinnvoller und publizistisch wirksamer gewesen - auch wenn´s zum Manifest Humanismus als europäische Leitkultur vermutlich nicht gereicht hätte.

 

Die Broschüre ist als gemeinverständliche Aufklärungsaktion angelegt. Sie müßte auch von heutigen NRW-Abiturienten zur Gänze verstanden werden können. Der Bearbeiter versucht, aufs konzeptionelle Anliegen und die praxisbezogene Arbeit antiklerikaler Freidenker im deutschsprachigen Raum in verständlicher Form aufmerksam zu machen. Auch er rückbezieht sich einleitend kurz auf die christlich-abendländische Kultur in Europa als historisch gegen beide Hauptmächte des ancien régime - Feudalherren und Klerus - kämpfend durchgesetzte und heute zu verteidigende Grundwerte.

 

Die Broschüre besteht aus drei Teilen: Einleitend zehnseitige allgemeine Ausführungen, ausklingend weiterführende (Lese-) Hinweisen sowohl auf wenige thematisch einschlägige Texte als auch vierseitig auf diverse Bücher und Broschüren des Kleinverlags mit viel Illustrationsmaterial. Der etwa 40 Seiten lange Hauptteil als alphabetisches Glossar versucht so kurze wie präzise Erklärungen wichtiger Begriffe und Zusammenhänge von Aberglauben als irrationaler Glaube ans "Wirken übernatürlicher, unerkennbarer, den Menschen beherrschender oder beeinflussender Kräfte" über Ketzerei, Kirche, Klerikalfaschismus und Religion, (negative/positive) Religionsfreiheit, Religionskritik bis Zweifel als Erkentnismethode wie als wissenschaftlicher Skeptizismus und religionskritische "Ketzerei" (Theodor Geiger). Das Glossar konzentriert sich auf Texte ohne visuelle Materialien. Dabei wird die religionskritische Option und ihr aufklärerischer Rückbezug auch dieser - humanistischen - Freidenkerichung nicht nur nicht verschwiegen. Sondern selbstbewußt, etwa zur Kirchengeschichte (welches Stichwort fehlt) als "Mischmasch von Irrtum und Gewalt" (J. W. Goethe) vertreten.

 

Wer auch immer sich kurz, prägnant, unprätentiös und als Einstieg über Freidenkerei Heute (von heutigen Freidenkern) informieren (lassen) will, kann ohne Wenn und Aber auf diese Broschüre zurückgreifen.

 

 

Richard Albrecht

 

 

Julian Nida-Rümelin: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. Hg. Elif Özmen. 224 S. geb. Verlag C. H. Beck. München 2016, 22.90 Euro. ISBN 978-3406543708

 

Heiner Jestrabek: Glossar Humanistisches Freidenkertum. Reden wir mal über Begriffsbestimmungen. 52 S. m.Abb. Brosch. 3. erw. Aufl. Edition Spinoza im Verlag Freiheitsbaum. Reutlingen/Heidenheim 2017. 6,00 Euro

 

 

 



 
13.11.2017

Von: Dr. Richard Albrecht
 
 
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